Wanderschäfer treibt 400 Schafe durchs Werdenberg

Thomas Landis ist seit 34 Jahren als Wanderschäfer tätig. Diese Saison führt er eine Herde von Oberriet bis Sargans. Immer auf der Suche nach den besten Wiesen für seine Schützlinge.

Katharina Rutz
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Lotte hat an diesem Tag die Morgenschicht. Sie hält die Schafherde noch eng zusammen. Es ist bitterkalt in der Rheinebene im Werdenberg. Rauhreif liegt auf den Wiesen und den Bäumen. Thomas Landis zurrt gerade den Zaun auf dem Bastsattel von Moritz fest. Dann lässt er ihn frei laufen. Langsam trottet er davon. Die Schafe sind unschlüssig, hier finden sie nichts zu fressen. Thomas Landis muss mit seiner Hütearbeit beginnen, damit die 400 Mäuler in seiner Herde satt werden. Er geht voraus, lockt seine Herde mit Rufen und gibt Lotte ihre Anweisungen. Oft hat die Hütehündin ohnehin schon erkannt , was zu tun ist. Sie macht das nicht zum ersten Mal, genauso wenig wie Thomas Landis. Er ist seit 1985 Wanderschäfer. «Es ist wie ein Virus, irgendwann hat er mich infiziert», sagt er. Der 58-Jährige hat auch für diese Saison wieder viele Angebote erhalten. Neue junge Schäfer gibt es praktisch keine.

Thomas Landis ist Schäfer mit Leib und Seele. (Bilder: Katharina Rutz)

Thomas Landis ist Schäfer mit Leib und Seele. (Bilder: Katharina Rutz)

Die erste Herde seit 40 Jahren

Für die Herde von Markus Kobler aus Oberriet hat er sich entschieden, da sie eine besondere Herausforderung bietet. «Seit 40 Jahren gab es hier keine Wanderherde mehr, habe ich gehört», so der Schäfer. «Für mich ist das eine besondere Herausforderung.» Es fehlen also Erfahrungswerte, wo die besten Wiesen und Routen sind. «Einfach ist es in dieser Gegend nicht», so Landis. «Die Landschaft bietet wenig Schutz, es gibt keinen Wald. Dafür ist das Rheintal dicht besiedelt und von Strassen, Autobahn und Bahnlinie zerschnitten.» Und in diesem Jahr gebe es auch weniger Futter. Der Schäfer vermutet, dass das noch eine Auswirkung des trockenen Sommers ist.

Wie lange die Herde unterwegs sein kann, hängt aber vom Futterangebot ab. Im ersten Monat ist er von Oberriet bis nach Haag gewandert. Heute befand sich die Wanderherde in Sevelen. Landis wird mit seinen Schafen weiter ins Sarganserland ziehen und von dort zurück nach Oberriet. Dabei wird er nicht die gleichen Wiesen beweiden, sondern die andere Talseite nutzen.

Inzwischen ist der Schäfer stehen geblieben. Das Frühstück der Schafe ist eher karg. Der Wanderschäfer wählt eine Wiese, auf der er gestern schon war, dann eine mit älteren, mageren Gräsern. «Die Schafe sollten nicht zu reichhaltig anfangen», erklärt Thomas Landis. Die Tiere beginnen tatsächlich auch nicht so richtig zu fressen und verteilen sich rasch über die ganze Wiese. Der Schäfer bleibt ruhig. Zieht er weiter, kann er sich auf seine Lotte verlassen. Sie muss die Herde sammeln und in Bewegung bringen, damit sie dem Schäfer folgen.

Ohne Lotte ginge es nicht.

Ohne Lotte ginge es nicht.

«Die Schafe waren sich zu Beginn das Hüten auf diese Art nicht gewohnt. Ich musste sie erst richten», so Landis. Zeitweise sei es schwierig gewesen, doch nun werde es besser. Von aussen verraten bisweilen nur einige italienische Flüche, dass etwas nicht ganz so läuft, wie sich der Schäfer das wünscht. Der Laie erkennt das nicht, im Gegenteil. Sein Können demonstriert der Schäfer, indem er die 400 Schafe auf einem Grasstreifen zwischen zwei Äckern hindurchmanövriert, der gerade so breit wie eine Strasse ist. Als gäbe es einen imaginären Zaun, machen die Schafe keinen falschen Schritt in die Ackerkulturen zu beiden Seiten. Lotte freilich hat dabei sehr viel zu tun.

Etwas Schäferromantik gehört dazu

Dann entlässt der Wanderschäfer seine Herde auf eine dunkelgrüne, saftige Wiese und ist am Ziel dieses Morgens angelangt. Sogleich senken sich die Köpfe der Schafe und die Tiere schlagen sich genüsslich die Bäuche voll. Inzwischen scheint die Sonne an diesem Vormittag, die Schafe sind erst bis zur Hälfte der fetten Wiese vorgedrungen. Der Schäfer zaubert ein Sandwich und eine Thermosflasche aus seinem Gilet. Der Blick auf die verschneiten Berge ist grandios. «Immer ist es nicht so romantisch», gibt Thomas Landis zu bedenken.

Esel Moritz ist für den Transport der Zäune zuständig.

Esel Moritz ist für den Transport der Zäune zuständig.

Später wird er die Schafe einzäunen, damit sie wiederkäuen und ausruhen können. Inzwischen holt der Schäfer sein Fahrzeug und kundschaftet die nächsten Weiden aus. «Ich habe schon mehrmals erkundet, welche Wiesen ich nutzen und welche Wege ich gehen könnte», sagt er. Der Schäfer braucht immer Optionen, falls beispielsweise irgendwo ein Bauer mit der Überweidung seiner Wiese nicht einverstanden ist. «Bisher hatte ich kaum Reklamationen. Ich schätze die Toleranz der Bauern», sagt Thomas Landis. Abgesehen von den Nachtlagern bleiben die Schafe nie längere Zeit auf einer Wiese. Sie weiden diese also auch nicht vollständig ab.

Thomas Landis sieht grosse Vorteile in dieser extensiven Winterbeweidung. «Man sagt, die Schafe haben den silbrigen Biss und den goldenen Tritt. Schafe lockern mit ihren kleinen Hufen den Boden und verdichten ihn nicht. Sie fressen die längeren Gräser, so dass beispielsweise der vom Landwirt geschätzte Klee besser wachsen kann», so der Schäfer. Dennoch gebe es immer wieder Landwirte, welche die Wanderherde nicht tolerieren. «Viele wissen aber auch nicht mehr um den Nutzen», ist Thomas Landis überzeugt.

Nachts gönnt er sich ein Zimmer

Die Nächte verbringt der Schäfer heute in einer kleinen Wohnung in der Region und nicht mehr wie früher auf dem freien Feld. Jahrelang hat er im Zelt bei den Schafen geschlafen – bei jedem Wetter. Bei Sturm mit 400 Schafen im Wald zu übernachten, ist kein Zuckerschlecken. «Ich habe das lange genug gemacht», sagt er und man sieht es seinem wettergegerbten Gesicht auch ein bisschen an. Seine lebhaften hellen Augen allerdings verraten, dass sein Herz immer noch leidenschaftlich für das Wanderschäfertum schlägt.

Drei Monate bei Kälte im Freien

NEUKIRCH A. D. THUR. Seit 31 Jahren ist der Wanderschäfer Fiorenzo Zenoni im Winter mit seinen 600 Schafen, drei Eseln und zwei Hunden im Thurgau unterwegs. Der 58jährige Italiener aus der Provinz Bergamo sowie seine Tiere sind Tag und Nacht draussen.
Rudolf Steiner