Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

Vorreiter bei der Krisenintervention

Der vierte und letzte Teil der Serie zum 80-Jahr-Jubiläum des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen widmet sich der Kriseninterventionsgruppe. Sie wurde 1999 gegründet, nach der tragischen Ermordung des St.Galler Reallehrers Paul Spirig. Andere Kantone haben sich an diesem Modell orientiert
Denise Alig
Krisenerprobt: Esther Luder, Leiterin der Kriseninterventionsgruppe des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen, hat bei Notfällen im Schulumfeld schon oft professionell und wirkungsvoll Hilfe geleistet. (Bild: PD)

Krisenerprobt: Esther Luder, Leiterin der Kriseninterventionsgruppe des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen, hat bei Notfällen im Schulumfeld schon oft professionell und wirkungsvoll Hilfe geleistet. (Bild: PD)

Die Kriseninterventionsgruppe (KIG) des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen (SPD) wurde vor genau 20 Jahren geschaffen. Trauriger Anlass dazu war die Ermordung des St.Galler Reallehrers Paul Spirig durch den Vater einer seiner Schülerinnen.

Im Interview äussert sich Schulpsychologin Esther Luder zu den Einsatzfeldern und der Zusammensetzung der Gruppe, aber auch zur Vorreiterrolle des SPD St.Gallen betreffend Krisenintervention im Schulbereich. Sie ist seit 2006 Mitglied und seit 2014 Leiterin der KIG des SPD.

Frau Luder, wie haben Sie den vor 20 Jahren vollbrachten Mord an Paul Spirig, beziehungsweise die als «St. Galler Lehrermord» in die Schweizer Kriminalgeschichte eingegangene Tat, damals persönlich aufgenommen?

Esther Luder: Die Tat geschah während meines Studiums an der Hochschule für Angewandte Psychologie in Zürich. Eine St.Galler Mitstudentin zeigte sich über den Fall besonders betroffen, aber auch wir anderen Studierenden waren aufgewühlt. Dass eine Lehrperson Ziel eines Mordanschlags werden könnte, hatten wir uns vorher nicht vorstellen können. Wir waren schockiert und erstaunt zugleich. In meinem Berufsleben war dieser Mord in der Folge dann auch immer wieder ein Thema.

Seit es die Kriseninterventionsgruppe im Kanton St.Gallen gibt, ist es dort, aber auch schweizweit, nie mehr zu einer vergleichbaren Tat gekommen. War es also das einzig Richtige, die Gruppe zu schaffen?

Die sofortige Schaffung einer Fachgruppe war sicher eine richtige Folgerung aus dem sogenannten St. Galler Lehrermord. Dass es mit dem Projekt so schnell voranging, ist dem raschen Handeln des Kantons zu verdanken. Man war einhellig der Meinung, Schulen sollten in schwierigen und krisenhaften Situationen einen niederschwelligen und raschen Zugang zu fachspezifischer Unterstützung haben. Eine Stelle, die sie im Krisenfall anrufen können und unmittelbar Hilfe erhalten. Heute sind die Schulen sehr sensibilisiert, sie reagieren rasch in heiklen Situationen und holen sich Unterstützung.

Welches war der schwierigste Fall, den Sie bisher zu bearbeiten hatten?

Als ein Vater seine zwei Kinder mit in den Tod nahm. Die KIG begleitete die zwei jungen Lehrpersonen und die jungen Schülerinnen und Schüler unmittelbar nach der schrecklichen Tat. Unter anderem hatten wir die schwierige Aufgabe, den Kindern mitzuteilen, was passiert ist. Bei so jungen Menschen dringt die Wahrheit nur tröpfchenweise ins Bewusstsein. Entsprechend lange dauerte der Prozess der Bewusstmachung. Dies ist eine sehr sensible und herausfordernde Arbeit.

Können Sie sagen, wie viel Zeit die KIG pro Todesfall in einer Schule aufwenden muss, bis der Fall professionell geregelt ist?

Nein, das kann man so nicht sagen. Zu Beginn unserer Arbeit in der KIG waren die Schulen mit einem Todesfall noch deutlich mehr überfordert. Heute holen sie sich Hilfe oder haben sich selbst Know-how angeeignet. Schulen trauen sich die Bewältigung eines Krisenfalls eher zu. Dies wohl auch dank der Weiterbildungen, die wir anbieten. Trotzdem holen sie unsere Unterstützung.

Wie sieht die konkret aus?

Wir haben für Todesfälle seit einiger Zeit einen strukturierten Ablauf. Das ist wichtig, weil nicht nur die Kinder betroffen sind, sondern auch Lehrpersonen und zum Teil auch Eltern. Dank des strukturierten Ablaufs können wir gut erläutern, welche nächsten Schritte wichtig sind! Wir besprechen miteinander im Detail, wer was braucht. Und dann begleiten wir eine Klasse durch einen ganzen Morgen oder Nachmittag.

War die Kriseninterventionsgruppe des Kantons St. Gallen ein Vorbild für andere vergleichbare Dienste in der Schweiz?

Ja, andere Kantone haben sich nach dem Mord an Reallehrer Paul Spirig an unserem Modell orientiert. Sie haben vergleichbare Gruppen geschaffen.

«Allerdings sind wir als KIG des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen bis heute die einzige Gruppe, die nicht ausschliesslich bei Todesfällen und Unfällen unterstützt, sondern auch bei Suizidalität, selbstschädigendem Verhalten, ausserordentlichen Belastungssituationen, Konflikten und Gewalt wie Übergriffen, Bedrohungen, Nötigung sowie bei Medienmissbrauch und Mobbing.»

Im Bereich bedrohliche Situationen arbeiten wir nach dem etablierten, international anerkannten Psychologischen Bedrohungsmanagement. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit der Polizei und der Staats- und Jugendanwaltschaft. Wir füllen mit dieser Arbeit die Lücke dort, wo die Behörden noch nicht eingreifen können. Damit konnten wir in den letzten zehn Jahren in gut 40 Fällen Gewalt verhindern.

Wer kann sich an die Kriseninterventionsgruppe wenden?

Unser Angebot steht den Schulen des Kantons St. Gallen zur Verfügung.

«Mehrheitlich melden sich die Schulleitungen, aber auch Lehrpersonen oder Schulsozialarbeitende können bei uns Unterstützung abholen.»

Die Zusammenarbeit mit den involvierten Personen basiert auf der Freiwilligkeit. Wir sind keine ermittelnde Behörde und verfügen keine Massnahmen.

Zu welchen Zeiten ist die Kriseninterventionsgruppe des SPD St. Gallen verfügbar?

Die Kriseninterventionsgruppe ist während 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr, also während jeweils 24 Stunden, unter der Telefonnummer 0848 0848 48 verfügbar.

Wie ist die Kriseninterventionsstelle aufgebaut?

Unsere Gruppe besteht aus zwei Frauen und zwei Männern. Gemeinsam haben wir 330 Stellenprozente. Wir sind alle entsprechend ausgebildete Fachpersonen mit viel absolvierter Weiterbildung und Erfahrung.

Wie verläuft die Unterstützung der Ratsuchenden?

Wenn eine Angelegenheit dringend ist – etwa bei einem Todesfall oder einem Unfall in der Schule oder deren Umfeld – rücken wir sofort aus, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Bei weniger dringenden Fällen planen wir unsere Einsätze. Je nach Fall beraten wir die Personen in der Schule, manchmal auch bei uns in Rorschach – dies kommt auf die Problemstellung an.

Wer trägt die Kosten für eine Beratung durch die KIG?

Der Kanton und die Schulgemeinden finanzieren unsere Einsätze.

Weshalb haben Sie den Beruf der Schulpsychologin gewählt?

Nach dem Psychologiestudium habe ich mir überlegt, wohin mich meine berufliche Zukunft führen sollte. Dass ich gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeiten würde, war klar. Zudem hatte ich schon während des Studiums einen Teil meiner Therapieausbildung absolviert. Mein post-graduiertes Jahr konnte ich beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich machen. Dann wurde beim SPD St. Gallen eine Stelle frei, und ich habe mich spontan beworben.

Wie kamen Sie zur KIG?

Damals wurde man angefragt. Jemand aus der KIG konnte etwa bei einer personellen Vakanz einen Vorschlag machen. Als ich angefragt wurde, musste ich mir das schon einen Moment überlegen, denn die KIG-Arbeit ist eine spezielle Arbeit. Zuerst arbeitete ich zu 50 Prozent als Schulpsychologin weiter und zu 50 Prozent bei der KIG. Dies war jedoch nicht so gut vereinbar. Dann ergab sich aufgrund einer Veränderung im Team die Möglichkeit, voll bei der KIG zu arbeiten.

Was ist an der Arbeit bei der Kriseninterventionsgruppe anders?

Wenn ich am Montag als Schulpsychologin jeweils in die Woche startete, wusste ich schon genau, was ich in der bevorstehenden Woche tun würde. Bei der KIG ist das nicht so.

«Man muss ausrücken, wenn das Pikett-Telefon klingelt. Man muss immer darauf gefasst sein, dass etwas Ausserordentliches passiert.»

Diese Arbeit ist nur zum Teil planbar. Da wir 365 Tage à 24 Stunden abdecken, hat man manchmal auch Wochenenddienst. Oder das Telefon klingelt in der Nacht. Man muss sich gut überlegen, ob man dieser Herausforderung gewachsen ist. Ich habe den Entscheid nie bereut und mache meine Arbeit immer noch mit viel Herzblut.

Reichen die bestehenden 330 Stellenprozente aus, um die anfallende Arbeit zu bewältigen?

Grundsätzlich schon. Es gibt immer mal Spitzenzeiten, so wie jetzt zwischen Winter und Frühling. Im Sommer ist es oft etwas ruhiger, sodass wir die Überzeit kompensieren können.

Gibt es einen Grund, weshalb es zwischen Winter und Frühling mehr zu tun gibt?

«Ja, wir haben die Hypothese, dass nach dem Winter im Wechsel in den Frühling vieles wieder in Bewegung kommt und Schwierigkeiten deutlicher zutage treten. Seien es Spannungen in der Klasse, Mobbing oder Konflikte.»

Wirklich?

Ja, das zeigt unsere langjährige Erfahrung. Zwischen Frühling und Herbst schwankt die Arbeitsintensität, sodass in einer Woche gerade mehrere Krisenfälle zu bearbeiten sind, in einer anderen Woche dagegen gar keine.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.