Vor 75 Jahren landete ein US-Langstreckenjäger im Rhein bei Buchs

Die Luftoffensive der Amerikaner gegen das Deutsche Reich am Ende des Zweiten Weltkriegs versetzte auch Liechtenstein in Angst und Schrecken. Zu hören waren Bombardierungen in der österreichischen Nachbarschaft. Das spektakulärste Ereignis aber war die Notlandung eines US-Langstreckenjäger am 22. Februar 1945 im Rhein auf Höhe Schaan/Buchs.

Günther Meier
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Landung des USA-Mustangs von Lt. Robert F. Rhodes am 22. 2. 1945 im Rhein.

Landung des USA-Mustangs von Lt. Robert F. Rhodes am 22. 2. 1945 im Rhein.

Archiv: Hansruedi Rohrer

Über 1150 «Fliegende Festungen» und «Liberator-Jäger» der amerikanischen Luftwaffe hätten Ziele wie Flugplätze, Bahnhöfe und Brennstofflager in Deutschland angegriffen, berichtete das Liechtensteiner Volksblatt im Februar 1945. Die Jäger seien von 500 Jagdflugzeugen begleitet gewesen, die mit Bordwaffen Angriffe auf weitere Ziele unternommen hätten. Die Jagdflugzeuge waren offenbar nicht mit den modernsten Navigationsgeräten ausgerüstet, so dass es immer wieder zu Angriffen jenseits der deutschen Grenze kam. Am 22. Februar 1945 bekam auch Liechtenstein «Besuch» von einem US-Jagdflugzeug, das allerdings beschädigt war und dessen Pilot sich in der neutralen Schweiz in Sicherheit bringen wollte.

Pilot wollte schnurstracks zurück ins Wasser

Unter dem Titel «Amerikanischer Jäger landet Rhein» schrieb das Volksblatt: «Am Donnerstag um 2 Uhr folgte ein Flugzeug im Tiefflug der Rheinlinie. Seine Absicht, irgendwo ein Landeplätzchen zu suchen, war offensichtlich. Er wählte das Rheinbett als Landespiste, fuhr auf eine Sandbank auf, kam aber in den Wasserlauf. In der Strömung drehte das Flugzeug gegen eine der liechtensteinischen Seite zuliegende Kiesbank zu. Die Landesstelle liegt etwa 200 Meter oberhalb der Eisenbahnbrücke Schaan-Buchs.» Der amerikanische Pilot sei dem Flugzeug unverletzt entstiegen und habe sich über einen Tragflügel trockenen Fusses auf liechtensteinischen Boden begeben können. Doch dann ereilte den Piloten eine Schrecksekunde: «Als ihm von Herbeigeeilten bedeutet wurde, dass er sich nicht auf Schweizer Boden befinde, wollte er stracks ins Wasser und dem jenseitigen Ufer zu.»

Blick ins Cockpit.

Blick ins Cockpit.

Archiv: Hansruedi Rohrer

Erst nach Aufklärung, dass er sich in Liechtenstein befinde, habe sich der Pilot beruhigt gezeigt und sei der Aufforderung der herbeigerufenen Polizei zur Internierung in die Schweiz gefolgt. Wie sich laut Volksblatt herausstellte, hatte der Pilot keine Ahnung, dass es auch ein Fürstentum Liechtenstein gebe. Der US-Pilot, Lieutenant Robert F. Rhodes, war aber nicht nur bei seiner Flucht in die neutrale Schweiz erfolgreich, sondern hatte vorher schon mit Erfolg gekämpft. Den Rumpf des Flugzeuges, berichtete das Volksblatt, hätten «fünf Hakenkreuze, sechs Lokomotiven und drei Schiffe» geziert – wohl die Siegertrophäen des Jägerpiloten!

8000 Flugzeuge beteiligten sich dieser Operation

Robert F. Rhodes steuerte ein Flugzeug, das der amerikanischen Fighter Group angehörte, die in Süditalien stationiert war. Die Alliierten befürchteten anfangs 1945, deutsche Streitkräfte könnten sich in die Berge in Tirol und Vorarlberg zurückziehen. Deshalb führten die Amerikaner massive Luftangriffe in Süddeutschland durch, um Strassen und Eisenbahnlinien unpassierbar zu machen. Berichtet wurde, dass sich 8000 Flugzeuge an dieser Operation beteiligten, die nicht nur der Zerstörung der Nachschubinfrastruktur für die deutschen Truppen, sondern auch der Unterstützung der vorrückenden alliierten Verbände galt.

Das Flugzeug wird auf die liechtensteinische Seite gehoben.

Das Flugzeug wird auf die liechtensteinische Seite gehoben.

Archiv: Hansruedi Rohrer

Stefan Näf schreibt in seiner Geschichte «Der letzte Flug der Little Ambassador» über den Einsatz von Rhodes: «Die 52. Fighter Group erhielt am 22. Februar 1945 den Auftrag, viermotorige B-17-Jäger nach Süddeutschland zu begleiten. Deren Ziel war die Bombardierung von sechs Güterbahnhöfen zwischen Lindau und Memmingen sowie in der Umgebung von Ulm. Da die Alliierten bereits die Luftüberlegenheit errungen hatten, war für diesen Einsatz mit wenig Gegenwehr der deutschen Luftwaffe zu rechnen.» Deshalb musste Robert F. Rhodes mit seinem Flugzeug weniger Begleitschutz geben, sondern konnte aus geringer Höhe ausgewählte Ziele unter Beschuss nehmen. Die US-Luftoperation war erfolgreich, doch auch unter den 57 in Süditalien gestarteten Flugzeugen gab es Verluste. Zwölf «P-51-Mustangs» wurden von der deutschen Flugabwehr getroffen, darunter auch die «Little Ambassador» von Robert F. Rhodes.

Das Feuer erwidert

Detailliert schildert Stefan Näf diesen Luftangriff, der dem Piloten beinahe zum Verhängnis geworden wäre: «Lieutenant Rhodes hatte bereits einen Güterbahnhof erfolgreich beschossen, als er sich daran machte, zusammen mit Captain Tranquillo im offenen Gelände einen stehenden Zug anzugreifen. Dieser entpuppte sich überraschend als Flakzug und erwiderte das Feuer. Während Lieutenant Rhodes mit einer steilen Linkskurve auf Bodenhöhe entkam, sah er gerade noch, wie Captain Tranquillo seine Maschine unter heftigem Flakfeuer senkrecht nach oben zog, um in der niedrigen Wolkendecke Schutz zu suchen. Nachdem er Captain Tranquillo nicht mehr finden konnte, schloss sich Lieutenant Rhodes einer Gruppe an, die gerade einen Flugplatz angriff. Auf nur etwa sechs Metern Höhe flog Lieutenant Rhodes unbewusst an einer Flakstellung vorbei und wurde bei einer Geschwindigkeit von etwa 450 km/h an der rechten Seite im Triebwerk und Leitwerk getroffen.»

Der Pilot Robert F. Rhodes besucht am 3. Mai 1995 die ungefähre Landestelle am Rhein.

Der Pilot Robert F. Rhodes besucht am 3. Mai 1995 die ungefähre Landestelle am Rhein.

Archiv: Hansruedi Rohrer

Mit diesem feindlichen Treffer war das Schicksal der «Little Ambassador» praktisch besiegelt. Mit dem beschädigten Höhensteuer war nicht daran zu denken, über die Alpen zurück zur Ausgangsbasis in Süditalien zu gelangen. Pilot Rhodes konnte auch über Funk keine Flugkameraden für eine Hilfeleistung mehr erreichen. Also steuerte er das leckgeschlagene Jagdflugzeug in Richtung Westen, in der Hoffnung, bis nach Frankreich oder zumindest in die Schweiz zu gelangen. Ohne genaue Ortskenntnisse drehte er beim Bodensee in Richtung Süden und orientierte sich, niedrig fliegend, am Rhein. Als das beschädigte Triebwerk ganz aussetzte, musste Rhodes die Entscheidung treffen: Fallschirm oder Bruchlandung? Für ein Absprung mit dem Fallschirm schien ihm das Risiko in der gebirgigen Landschaft zu gewagt, weshalb er sich dafür entschied, einen Landeversuch auf einer Kiesbank im Rhein zu unternehmen.

Pilot hatte Glück

Wie dieses Manöver gelang, etwas oberhalb der Eisenbahnbrücke Schaan-Buchs, schildert Stefan Näf mit anschaulichen Worten: «Bei der rasanten Fahrt über den steinigen Untergrund wurde die Rumpfunterseite aufgeschlitzt und der Kühler und die rechte Landeklappe abgerissen. Die Maschine kam nicht mehr vor Ende der Kiesbank zum Stehen, schlitterte in den Wasserlauf und kam schliesslich im nur etwa einen Meter tiefen Rhein mit einer riesigen Wasserfontäne abrupt zu Stillstand.» Der Pilot hatte Glück, dass die Landung so glimpflich ablief, denn beim Anflug hatte er eine Geschwindigkeit von etwa 140 km/h. Glück hatte er auch deswegen, dass er an der Grenze Liechtenstein-Schweiz wasserte – auf beiden Seiten des Rhein ein Land, das sich im Zweiten Weltkrieg neutral verhielt.

Hier fand die Notlandung statt.

Hier fand die Notlandung statt.

Archiv: Hansruedi Rohrer

Fünfzig Jahre nach dieser glücklichen Landung kam Lieutenant Robert F. Rhodes auf Vermittlung von Stefan Näf und Dr. Peter Geiger wieder ins Land. Seinen Auftritt in Liechtenstein, im Rahmen der Ausstellung «Endlich Friede! Kriegsende 1945» im Landesmuseum, verfolgten zahlreiche Interessierte, die seiner Schilderung der damaligen Ereignisse gebannt folgten. Ob er in Deutschland sei, habe er die herbeigeeilten Schaulustigen gefragt, die das rauchende Flugzeug beim Anflug beobachtet hatten. Weil er über einen Flügel des Flugzeuges das liechtensteinische Rheinufer betreten hatte, erklärte sie ihm, dass er nun im Fürstentum Liechtenstein gelandet sei. Von Liechtenstein hatte der damals 21jährige Pilot, der in Indianapolis aufgewachsen war, noch nie gehört. Deshalb habe er gefragt: Who is Switzerland? Nach kurzem Aufenthalt in Liechtenstein, an den er sich an die Verpflegung mit «steak and beer» erinnerte, übernahm ihn die Schweiz. Von dort ging es über Paris und London zurück in die Heimat, wo er als Person «missing in action» registriert war – gleichbedeutend mit «gefallen im Krieg».

Dem Pilot etwas zu essen gegeben

An der Erinnerungsveranstaltung am 1. Mai 1995 in Vaduz traten einige Zeitzeugen aus Liechtenstein auf, die sich an das Flugzeug, teilweise auch an den Anflug des beschädigten, rauchenden Jägers erinnerten. Laut Bericht des Volksblatts schilderte einer die Wasserlandung mit der riesigen Wasserfontäne, ein anderer konnte sich erinnern, wie er dem Piloten etwas zu essen gegeben habe. Und ein weiterer habe versucht, Robert F. Rhodes zu erklären, dass er in Sicherheit sei, weil er sich in einem neutralen Land befinde.