Vor 100 Jahren verteilte Ursula Hilty den W&O noch zu Fuss an die Buchser

Ursula Hilty verteilte den W&O zu Fuss in einem alten Kinderwagen, zog als Witwe drei Kinder gross und ass ab und zu einen Hund.

Hansruedi Rohrer
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Die «Zitigsurschla» mit W&O-Bündel unter dem Arm und Tornister unterwegs zu den Abonnenten.

Die «Zitigsurschla» mit W&O-Bündel unter dem Arm und Tornister unterwegs zu den Abonnenten.

Bild: Archiv Hansruedi Rohrer

Vor weit mehr als 100 Jahren war sie ein echtes Original, die Werdenberger Zeitungsfrau Ursula Hilty, welche in einem kleinen Haus im Buchser Altendorf lebte. Als «Zitigewiib» oder «Zitigsurschla» erlangte sie lokale Berühmtheit: bis zum Jahr 1927 war sie als Zeitungsverträgerin des Werdenberger & Obertoggenburger tätig und brachte somit die neuesten Meldungen und lokalen Ereignisse zu den Abonnenten. Nach ihrem Tod am 28. Juli 1927 übernahm ihre Tochter Elsbeth Lenzhofer-Hilty diese Aufgabe bis zum Oktober 1960. Schon 1912 war sie Gehilfin ihrer Mutter beim Zeitungsaustragen.

Von rauer Gestalt, aber im Grunde liebenswürdig und sehr zuverlässig: Ursula Hilty, das «Zitigswiib» der Lokalzeitung.

Von rauer Gestalt, aber im Grunde liebenswürdig und sehr zuverlässig: Ursula Hilty, das «Zitigswiib» der Lokalzeitung.

Bild: Archiv Hansruedi Rohrer

«Mit ihrer Intelligenz ragte sie über manche Männer hinaus»

«Sie war äusserlich eine herbe, geradezu männliche Natur, eine Frau von nicht alltäglicher Energie und Ausdauer bei der Arbeit», steht im Nachruf des W&O vom 1. August 1927 über das «Zitigewiib» Ursula Hilty. «Aber ob all den Mühsalen ihres Daseins vergass sie niemals auch ihren klaren Geist zu pflegen und mit ihrer Intelligenz ragte sie über manche Männer hinaus.» Ursula Hilty trug die Zeitungen in einem abgegriffenen, schwarz-ledernen Tornister mit und hatte auch einen Bündel davon unter dem Arm. Den grösseren Teil der Zeitungen stiess sie in einem alten Kinderwagen vor sich hin. Die Frau machte ihren Gang durch die ganze Gemeinde, verteilte den Werdenberger & Obertoggenburger von Haus zu Haus, grüsste und schritt weiter – mit Mannsschritten, den Kopf stets ein wenig vorgeschoben, sonnengebräunt und eben gewissenhaft. Sie machte ihre Arbeit bei Sturm und Schnee, bei Föhn oder erdrückender Hitze.

Todesanzeige im W&O vom 29. Juli 1927. Ursula Hilty, geborene Gasenzer, starb einen Tag zuvor im 75. Lebensjahr nach kurzem, schwerem Leiden.

Todesanzeige im W&O vom 29. Juli 1927. Ursula Hilty, geborene Gasenzer, starb einen Tag zuvor im 75. Lebensjahr nach kurzem, schwerem Leiden.

Bild: Archiv Hansruedi Rohrer

Als Witwe nebst der Arbeit noch drei Kinder aufgezogen

Ursula Hilty ging ansonsten genügsam durch das Leben. Sie pflegte ihren Acker, besass Geissen und erzog als Witwe ihre drei Kinder ehrenhaft, darunter auch Tochter Elsbeth, die spätere Nachfolgerin. Zuhause der «Zitigsurschla» herrschte strenge, aber gute Zucht – sie wollte aus ihren Kindern rechtschaffene Menschen machen. Und ja, sie war aussen rau, aber innerlich von einer selten zu findenden Tiefe. Im Nachruf steht auch:

«Viele haben sie nur äusserlich gekannt; wer aber in diesen sonderbaren Menschen hinein zu schauen vermochte, der entdeckte in ihm nicht einen Diamanten, aber etwas, das an den Bergkristall erinnert: klar, herb, hart, aber beherrscht von jener Harmonie, die dem zuteil wird, der mit der Natur und deren geheimen Kräfte eng verwandt ist.»

Die ehemalige Buchser Lehrerin Nina Senn erzählte in einer Dialektaufnahme vom 21. September 1960 einige Episoden über die «Zitigsurschla». Die Frau, die ihre Zeitung nie verteilt hatte, ohne sie zuerst von vorne bis hinten zu lesen, wie Nina Senn damals sagte. Und: «Ich sehe sie heute noch vor mir, wenn ich will, mit ihren schwarzen Ohrenschleifeli, die sie unter dem Kinn zusammenknüpfte. Aus ihrem scharf geschnittenen Gesicht blitzten über der Hakennase zwei gescheite Augen. Besonders im Politisieren hat sie sich für etwas begeistern und einsetzen können». Manchmal habe sich die Urschla das Verteilen der Zeitungen etwas einfacher gemacht. Dann habe sie den Schulschluss der Kinder abgewartet. «Sie gab den Goofen Zeitungen mit, eine für Euch, eine für’s Chobelis und auch für das Aferli und die anderen für’s Sargmachers und für das halbe Stüdtli – oder vom Farbsteg bis hinab zum Restaurant Kreuz.» An den freien Tagen sei sie manchmal in den Wald, um Holz zu sammeln. Weil es praktischer war, habe sie die Hosen ihres verstorbenen Mannes getragen, und gegen die Mückenplage rauchte sie die Backpfeife, wahrscheinlich gehörte diese auch ihrem Mann.

Tochter Elsbeth Lenzhofer Hilty verlässt mit W&O-Zeitungen die Druckerei.

Tochter Elsbeth Lenzhofer Hilty verlässt mit W&O-Zeitungen die Druckerei.

Bild: Archiv Hansruedi Rohrer

Ab und zu einen Hund geschlachtet und gegessen

Berichtet wurde noch von einer Eigenart des «Zitigswiibs», oder genauer, warum die Hunde der Frau manchmal etwas aufsässig waren. Sie haben nämlich ab und zu einen Hund geschlachtet und das Fleisch gegessen. Man habe sogar behauptet, die Urschla trage Strümpfe aus Hundehaar. Wie eingangs erwähnt, führte Tochter Elsbeth Lenzhofer-Hilty die Tradition ihrer Mutter weiter. Der Verfasser dieses Artikels kann sich noch gut an sie erinnern, wie sie die Zeitungen von Haus zu Haus getragen hat. Dabei war sie immer freundlich und gut gelaunt. Am 31. August 1958 konnte Elsbeth Lenzhofer im Hause ihrer Eltern im Altendorf den 70. Geburtstag feiern. Zwei Jahre später war sie krankheitshalber und auf ärztliche Weisung hin gezwungen, ihren Beruf als Zeitungsverträgerin aufzugeben. Ab Oktober 1960 erfolgte die Zustellung des W&O per Post. Teilweise verteilte der Briefträger die Zeitungen in den folgenden Jahren in der Gemeinde Buchs immer noch zu Fuss.