Ruth Kühne erklärt ihre vielfältige und facettenreiche Tätigkeit als Produktionsleiterin im Fabriggli

Seit ihrer Kindheit ist Ruth Kühne aus Sevelen vom Theater fasziniert. Für die diesjährige Eigenproduktion des Werdenberger Kleintheaters Fabriggli in Buchs ist sie die Produktionsleiterin.

Esther Wyss
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Ruth Kühne aus Sevelen arbeitet seit vielen Jahren im Fabriggli-Team. Die bevorstehende Eigenproduktion ist für die Produktionsleiterin eine Herausforderung. (Bilder: Michel Canonica)

Ruth Kühne aus Sevelen arbeitet seit vielen Jahren im Fabriggli-Team. Die bevorstehende Eigenproduktion ist für die Produktionsleiterin eine Herausforderung. (Bilder: Michel Canonica)

An einem Abend Mitte Oktober ist das Kleintheater Fabriggli in Buchs hell erleuchtet. Die Theaterproben für die Eigenproduktion «37 Ansichtskarten» laufen auf Hochtouren, denn schon am ersten November ist Premiere. Ein rotsamtenes Sofa wird in die Mitte des Raumes gerückt. Mit ruhiger Stimme leitet Regisseurin Simona Specker die Aufwärmphase. Stimmengemurmel, Mundgeräusche, verschiedene Geschwindigkeitsstufen in den Bewegungen und einen spielerischen Umgang mit Sympathie und Antipathie stimmen die Schauspieler ein.

Während dieser Aufwärmzeit erledigt Produktionsleiterin Ruth Kühne administrative Aufgaben. Zur Freude aller sind die Flyer und Webeplakate, auf denen ein Elch zu sehen ist, bereits geliefert worden. Als die Schauspieler mit der Probe der Szenen beginnen, sitzt Ruth Kühne im Zuschauerraum und verfolgt konzentriert das Geschehen auf der Bühne.

Schon lange mit dabei

Auf die etwas naive Frage, was sie denn als Produktionsleiterin alles zu tun habe, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Vielfältig und facettenreich sind die Aufgaben, die sie zu bewerkstelligen hat, bis ein Theaterstück aufgeführt werden kann. Zuerst sucht sie als Produktionsleiterin eine Regisseurin oder einen Regisseur. Hat diese zugesagt, beginnt ein langer, interessanter Prozess, bis das passende Theaterstück ausgewählt ist. In der Regel ist die Regieassistenz bei der Auswahl mit dabei. «Das ist eine spannende Zeit», sagt Ruth Kühne.

«Miteinander auf der Suche sein, ist bereichernd. Ich liebe es mit Menschen zusammen zu arbeiten, mit ihnen zu diskutieren, mich auszutauschen. Das Stück, das wir aufführen, muss für die Regisseurin und für das Fabriggli stimmig sein.»

Während zehn Jahren hat Ruth Kühne selber die Regieassistenz geleistet. Nun hat sie die Produktionsleitung übernommen.

«Manchmal gerate ich dadurch in einen Rollenkonflikt, den ich aber sofort erkenne und stoppen kann», sagt Ruth Kühne. In der diesjährigen Produktion steht der Regisseurin Simona Specker, Nina Frauenfelder als Regieassistentin zu Seite. Die beiden haben schon bei der Inszenierung von Neil Simons «Gerüchte, Gerüchte» im Krempel zusammengearbeitet.

Facettenreiche Aufgaben

Nachdem das Stück ausgewählt ist, werden Laienschauspieler angefragt, oder interessierte Leute melden sich selber. Meistens stünden für das Theaterspielen mehr Frauen als Männer zur Verfügung, sagt Ruth Kühne. Und für manche Rollen sei auch das Alter zu berücksichtigen. Nach einem ersten Treffen und Vorsprechen im März/April erfolgt eine verbindliche Zusage von beiden Seiten. Gleichzeitig wird der Probenplan erstellt. Als herausfordernd bezeichnet Ruth Kühne die Situation, wenn Proben verschoben werden müssen, oder ein Schauspieler zu oft abwesend ist. Zu den Aufgaben der Produktionsleiterin gehört auch das Erstellen von Gesuchen für finanzielle Unterstützung. Da muss jeweils ein Projektbeschrieb und ein Budget erstellt und eingereicht werden.

Für die Fabriggli-Eigenproduktion «37 Ansichtskarten» wünscht sich Produktionsleiterin Ruth Kühne ein volles Haus.

Für die Fabriggli-Eigenproduktion «37 Ansichtskarten» wünscht sich Produktionsleiterin Ruth Kühne ein volles Haus.

Fabriggli intern sind Absprachen mit verschiedenen Ressorts nötig. So zum Beispiel muss die Saalbelegung abgemacht, das Technik- und Umbauteam informiert und der Premiere-Apéro mit dem Beizliteam besprochen werden. Dazu gehört, ganz wichtig, auch die Zusammenarbeit mit der Werbefachfrau. Zudem müssen der Bühnenbauer, die Kostümverantwortliche, die Maskenbildnerin und ein Techniker für Licht und Ton gefunden und die Gagen dafür ausgehandelt werden.

«Wenn das ganze Team im Hintergrund steht, bin ich einfach mal erleichtert»,

meint Ruth Kühne. Sie ist Ansprechperson für alle und alles. Wichtig sind ihr die freiwilligen Fabriggli-Mitarbeitenden im Hintergrund, die viel zum Gelingen beitragen. Ohne den grossen Einsatz derselben, wäre die Eigenproduktion nicht möglich, ist sie überzeugt. Ihr gefällt an ihrer Arbeit, dass sie immer wieder mit andere Menschen zu tun hat. Dadurch entstehen neue, interessante Konstellationen.

Grundstein in der Primarschule

Seit ihrer Kindheit ist Ruth Kühne vom Theater fasziniert. Der Grundstein dieser Faszination wurde in der Primarschule gelegt.

«Auswendiglernen fiel mir leicht. Deshalb durfte ich bei Schulaufführungen oft die Zweitbesetzungen übernehmen. Allerdings war ich froh, wenn das nicht eintraf und half lieber hinter der Bühne.»

Nach dem Umzug vom Appenzellischen in die Nähe von Zürich hatte Kühne das Glück auf einen theaterbegeisterten Lehrer zu treffen. Ihr Appenzeller-Dialekt wurde gleich ins, von den Schülern selbst erarbeitete, Stück aufgenommen. «Mich in die neue Klasse zu integrieren war leicht. Durch das Theaterspielen fand ich sofort Anschluss.» Als junge Frau engagierte sie sich bei einer Theatergruppe und fand ihren Platz wieder hinter der Bühne.

Während ihre beiden Kinder klein waren, geriet das Theater aus zeitlichen Gründen eher in den Hintergrund. Ihre Kinder besuchten die Rudolf-Steiner-Schule. Da gehört Theaterspielen zum Lehrplan und so fand Ruth Kühne wieder zurück zu einer ihren Leidenschaften. Der Theatervirus hat sie ihren Töchtern weitergegeben. Ihre jüngere Tochter steht seit drei Jahren beim Volkstheater Wädenswil auf der Bühne.

Vielseitig interessiert

«Ich wuchs mit Tieren auf und interessierte mich früh für Medizin», sagt Ruth Kühne. In der Familie fand sie keine Unterstützung für ihre Pläne Hebamme zu werden. Daher kombinierte sie Tier und Medizin und lernte Tierarztgehilfin/Tierpflegerin. Als junge Mutter absolvierte sie eine Abend-Handelsschule, was ihr ermöglichte in Homeoffice das Sekretariat eines Entlastungsdienstes für Angehörige von Sterbenden zu führen. Nebenbei bewirtschaftete sie, zusammen mit einem guten Freund, zwei Hektaren Land und verkaufte Gemüse-Abos nach biodynamischen Richtlinien. Zudem hielt sie 35 Hühner nach KAG-Bestimmungen und war die Eierfrau des Dorfes. Ihre Kinder wuchsen mit Enten, Gänsen, Schafen und einem Pferd auf. Die Familie war zum grössten Teil Selbstversorger.

Als ihre Kinder grösser wurden, machte Kühne eine Ausbildung zur Maltherapeutin und fand eine Anstellung in der Psychiatrie. Im Alter von 40 Jahren absolvierte sie die dreijährige Vollzeitausbildung zur Ergotherapeutin. Auf die Frage, wie sie das alles schaffen konnte, erklärt sie, mit Organisationstalent und der Unterstützung ihres Mannes sei irgendwie immer alles aneinander vorbeigegangen.

Durch Zufall mit dabei

Verschiedene Zufälle führten dazu, dass Ruth Kühne ein Teil des Fabriggli-Teams wurde. Durch eine in Bern wohnhafte Freundin lernte sie deren Nachbarin kennen. Diese Frau hatte ihre Wurzeln im Rheintal und zog zwischenzeitlich wieder zurück nach Buchs und war Teil des Fabriggli-Teams. Als Familie Kühne nach Sevelen zog, wurde dieser Kontakt erneuert. Durch diese Bekanntschaft wurden Ruth und ihr Mann Ruedi auf das Fabriggli aufmerksam. Ruedi Kühne entschloss sich, im Beizli-Team mitzuarbeiten. Nach der Aufführung einer Eigenproduktion ergab sich an der Bar ein zufälliges Gespräch. Ruth Kühne war fasziniert von dem, was sie gesehen hatte, und erwähnte dabei leichthin, dass es toll wäre, da mitarbeiten zu dürfen. Kurze Zeit darauf wurde sie angefragt, ob sie mitmachen möchte. Während zehn Jahren war sie Regieassistentin und hat jetzt erstmals als Nachfolgerin von Hedy Sutter die Produktionsleitung übernommen.

Während der zehn Jahre habe sich ihre Rolle jeweils je nach Regie verändert und entwickelt. «Ich bin kreativ und handwerklich begabt und seit fünf Jahren bei der Stückauswahl dabei. Ich finde die Zusammenarbeit immer spannend», sagt sie.

Der Moment mit dem Wow-Effekt

Kühne erzählt, dass das Stück «37 Ansichtskarten» von Michael McKeever, das am 1. November Premiere feiert, in den USA spielt. Avery Sutton kehrt nach acht Jahren Europareise mit seiner Verlobten in die Staaten zurück. Er möchte seine Partnerin seiner exzentrischen Familie vorstellen. Die Beiden treffen auf eine schräge Situation. Das Elternhaus steht schief in der Landschaft und die Menschen darin scheinen ebenfalls arg aus dem Lot geraten zu sein. Mehr möchte sie nicht verraten, um keine Pointen vorwegzunehmen. Ruth Kühne sagt: «Das Fabriggli ist ein guter Ort, der auch unbekannten Regisseuren die Möglichkeit bietet, Erfahrungen zu sammeln.

Es haben auch unkonventionelle Ideen Platz. Der allerwichtigste Moment des ganzen Prozesses ist für mich dann, wenn die Schauspieler kurz vor der Premiere das erste Mal kostümiert und geschminkt auf der Bühne stehen. Dann denke ich wow, es kommt gut. Das ist ein erlösendes Gefühl. Wir sind ein tolles Team.» Für die diesjährige Eigenproduktion im Fabriggli wünscht sie sich ein volles Haus, gute Unterhaltung, und dass dieses Theaterstück die Zuschauer zu Diskussionen anregt.

Hinweis
Fabriggli-Eigenproduktion, Premiere 1. November, www.fabriggli.ch, Telefon 081 756 66 04