Vergabe von Lehrstellen kann auch fragwürdig erfolgen

Während gewisse Ausbildungsplätze nur schwer zu besetzen sind, werden Jugendliche bei beliebten Stellen oft zu frühen Vertragsunterzeichnungen gedrängt. Die Lehrstellenvergabe entwickelt sich auch in der Region Werdenberg zunehmend zu einem Rennen um die besten Schulabsolventen.

Bianca Helbling
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Auf sympatische Art: In einem Schaufenster ist eine offene Lehrstelle ausgeschrieben. (Bild 13.März 2017, Susann Basler)

Auf sympatische Art: In einem Schaufenster ist eine offene Lehrstelle ausgeschrieben. (Bild 13.März 2017, Susann Basler)

Trotz der rekordhohen Zahl an unbesetzten Ausbildungsplätzen (W&O vom 18. August) setzt sich schon länger der Trend zu einer frühen Lehrstellenvergabe fort. Wie passt das zusammen? Peter Jehli-Kamm, Leiter der Berufs- und Laufbahnberatung Werdenberg erklärt: «Viele Betriebe sind in Sorge, letztendlich ohne Lehrling dazustehen. Sie wollen sich möglichst früh einen Jugendlichen sichern, der bestenfalls auch hohe schulische Kriterien erfüllt. Damit drängen sie die Schüler vielleicht ungewollt zu voreiligen Entscheidungen, was auch die Eltern belasten kann.»

Der Jugendliche wird überrumpelt

In diesem Zusammenhang lässt die Geschichte eines 15-jährigen Werdenbergers aufhorchen. Er befindet sich momentan in der dritten Oberstufe und erhält sehr gute Noten. Mitte September wird er die Aufnahmeprüfung zur Wirtschaftsmittelschule (WMS) in Sargans absolvieren. Da ihn aber auch eine Lehre mit Berufsmaturität reizt, hat er Anfang August mehrere Bewerbungen für eine KV-Lehrstelle verschickt.

Kurz darauf wird er von einem Unternehmen kontaktiert, bei dem er sich beworben und früher bereits geschnuppert hat. Überraschenderweise bekommt er die Stelle direkt angeboten, allerdings soll er sofort zusagen. Der Jugendliche ist von einer derart prompten Antwort und dem Angebot überrumpelt. Er kann eine mehrwöchige Bedenkzeit aushandeln, da er die Ergebnisse der WMS-Prüfung abwarten möchte. Wenn jedoch inzwischen eine gleichwertige Bewerbung bei besagtem Betrieb eintreffe, so muss eine sofortige Zusage erfolgen, ansonsten werde man den anderen Bewerber wählen.

«Nicht unter Druck setzen lassen»

Dass Unternehmen im Rekrutierungsprozess Fristen setzen, ist verständlich. Dass sie allerdings potenziellen Lehrlingen ein Ultimatum stellen, ist in dieser Offenheit auch für Jehli-Kamm neu. Zumal erst vor einer guten Woche das neue Schuljahr begonnen hat und der Bewerbungsprozess gerade anläuft. Sein Ratschlag an den 15-jährigen: Nicht unter Druck setzen lassen.

«Es sind zwei Parteien, die miteinander das Lehrverhältnis eingehen: Betrieb und Jugendlicher. Unter Druck eines Ultimatums zuzusagen ist kein wünschenswerter Start ins Berufsleben. Man darf sich die Frage stellen: Will ich an so einem Ort lernen? Als guter Schüler, der jetzt bereits Zusagen bekommt, kann er getrost zuwarten. Er wird noch weitere erhalten. »

Lage der Unternehmen nachvollziehbar

Dennoch kann Jehli-Kamm auch die Position der Unternehmen verstehen. Natürlich streben auch sie die bestmögliche Lösung an und können nicht wochenlang auf eine Antwort der Bewerber warten. Jene, die Wert auf schulisch starke Kandidaten legen, drängen eher auf einen frühen Entscheid. Manche Betriebe führen zudem Gespräche nach Schnupperpraktika durch, in denen sie bereits die Eignung prüfen. Somit entfällt ein konventionelles Vorstellungsgespräch und die Personalverantwortlichen treffen den Entscheid bereits bei einer ansprechenden Bewerbung.

Jehli-Kamm fügt an: «Wie und wann Firmen jemandem den Lehrvertrag vorlegen, liegt alleine bei ihnen. Das Gesetz greift hier nicht ein. Allerdings sollte jeder, der einen echt interessierten Lernenden haben möchte, Zeit für eine freie Entscheidung gewähren. Bei der grossen Mehrheit der Betriebe dürfte dies selbstverständlich sein. »

Letztlich haben die geburtenschwachen Jahrgänge, die sich in diesen Jahren um eine Berufsausbildung bemühen, eine grosse Auswahl auf dem Markt und müssen sich nicht sorgen, wenn nach den Herbstferien noch keine Stelle vorzuweisen ist. Sich vor einer Unterschrift Bedenkzeit zu nehmen ist zweifelsohne ein gute Idee, nicht nur bei Lehrverträgen.

Klarer Termin im Fürstentum

Jugendliche, die mit einer Lehre im Liechtenstein liebäugeln, befinden sich in einer anderen Situation. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe Industrielehre (agil) der Liechtensteiner Industrie- und Handelskammer geben nämlich vor November keine Zusagen. Diese Vereinbarung wurde getroffen, um jungen Erwachsenen den Druck zu nehmen.

Matthias Hassler, Mediensprecher der Hilti AG, bestätigt positive Erfahrungen mit diesem Vorgehen. «Uns ist diese freiwillige Abmachung wichtig, damit die Jugendlichen mehr Zeit für eine bewusste Entscheidung haben.» Für Schüler, die ausschliesslich im Fürstentum nach einer Lehrstelle suchen, ist das November-Abkommen eine sinnvolle und entgegenkommende Massnahme. Bewerber, die sich beidseitig des Rheins nach einer Ausbildung umsehen, stecken hingegen in einem Dilemma. Denn Schweizer Unternehmen rekrutieren früher und wollen daher eine Zusage, bevor die Firmen Liechtensteins entscheiden.

Für deren Grossbetriebe ist eine mündliche Zusage vor Vertragsunterzeichnung im November wohl eine denkbar grosse Verlockung, um zukünftige Lernende bei der Stange zu halten. Hassler bestätigt, dass auch schon Bewerber abgesagt hätten, weil in der Schweiz vor November eine Lehrstelle gewinkt habe. Er betont aber, dass sich dennoch sämtliche agil-Mitglieder an die Vereinbarung halten.