Vaduz
Menge hätte gereicht, um ganz Liechtenstein auszurotten – Mann wollte Drogen im grossen Stil importieren

Am Donnerstag musste sich ein 30-jähriger Mann vor dem Kriminalgericht in Liechtenstein verantworten, der versuchte 810 Liter GBL ins Fürstentum zu importieren.

Julia Kaufmann
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Der 30-jährige Mann wurde am Donnerstag verurteilt.

Der 30-jährige Mann wurde am Donnerstag verurteilt.

Daniel Schwendener

Gamma-Butyrolacton – kurz GBL – ist eine klare, farblose Flüssigkeit, die in der Industrie als Lösungs- und Reinigungsmittel verwendet wird und beispielsweise in Nagellack- oder Graffiti-Entfernern enthalten ist. Jedoch birgt die Substanz auch ein grosses Missbrauchspotenzial: GBL ist vor allem in K.-o.-Tropfen zu finden, die gerne auf Partys benutzt werden, um andere Personen gefügig zu machen und ihnen das Bewusstsein zu nehmen. Die Gefahr einer Überdosierung ist enorm hoch, da die «richtige» Menge nur sehr schwer einzuschätzen ist. Nimmt ein Mensch zu viel davon ein, kann dies tödlich enden. Aus diesem Grund ist der Import von GBL nur für die industrielle Verwendung mit entsprechender Bewilligung zulässig. Wird die Substanz aber ohne eine solche nach Liechtenstein eingeführt, gilt GBL als Betäubungsmittel.

Das Kriminalgericht musste sich am Donnerstag mit einem 30-jährigen in Liechtenstein wohnhaften Polen befassen, der im September 2019 versuchte, ganze 810 Liter GBL aus den Niederlanden nach Liechtenstein zu importieren. Aufgeflogen war er, weil die Ware vom schweizerischen Zoll beschlagnahmt wurde. Der 30-Jährige erfüllte die Voraussetzungen für eine Einfuhrbewilligung nicht.

Geschäftspartner gab Ton an – Angeklagter führte aus

Der Angeklagte beteuerte vehement seine Unschuld. Bis zur Beschlagnahmung durch den Zoll will er nicht gewusst haben, dass GBL auch ein Betäubungsmittel sein kann. Er habe lediglich den Auftrag seines polnischen Geschäftspartners angenommen, GBL als Reinigungs- mittel für Wärmetauscher zu importieren. «Und dies nur, weil ich seit 2015 über eine Gewerbebewilligung verfüge, die dazu benötigt wurde, um bei der niederländischen Firma die Bestellung überhaupt tätigen zu können», erklärte er und ergänzte, dass ihm sein Geschäftspartner noch Geld schuldete und er sich dadurch erhoffte, die Summe von rund 120000 Euro zurückzuerhalten.

Über mehrere Wochen führte der Angeklagte mit dem niederländischen GBL-Produzenten Korrespondenz, um den Kauf dieser immens grossen Menge abzuwickeln. Wie er erklärte, sei der ursprüng­liche Plan gewesen, das GBL direkt nach Deutschland zu importieren, da sich sein Geschäftspartner dort aufhalte. Um aber die in Deutschland anfallende Mehrwertsteuer von 21 Prozent zu umgehen, habe er die Liefer­adresse kurzerhand auf seine Wohnadresse in Liechtenstein umschreiben lassen.

Beweisen wollen, dass das GBL für den industriellen Gebrauch gedacht war

«Mein Geschäftspartner hat mir nur 7000 Euro gegeben, die er sich bei anderen Personen geliehen hat. Die restlichen 6410 Euro musste ich aus eigener Tasche bezahlen.» Er habe deshalb Geld sparen wollen. Zudem betonte der Angeklagte, immer der festen Überzeugung gewesen zu sein, dass das GBL für seinen Geschäftspartner und damit für industrielle Zwecke gedacht ist.

Dass der Geschäftspartner immer wieder Planänderungen durchgab und neue Wege finden wollte, um das GBL zu exportieren, ohne in den Transport invol­viert zu werden, erklärte sich der 30-Jährige mit dessen «chaotischen Art». Erst, als das GBL beschlagnahmt wurde, erkundigte sich der 30-Jährige im Internet, worum es sich bei der Substanz überhaupt handelt. «Da das Kind sowieso schon in den Brunnen gefallen war, wollte ich alles daransetzen, zu beweisen, dass das GBL tatsächlich für den industriellen Gebrauch gedacht war», sagte er.

Mit dem Geschäft wollten sie «das schnelle Geld machen»

Während der Vernehmung trat der 30-Jährige sehr selbstsicher auf. Er hatte auf jede Frage sogleich eine Antwort parat. Doch als ihm die Staatsanwältin Auszüge aus dem Chatverlauf mit dem Geschäftspartner vorhielt, begann die Fassade des Angeklagten zu bröckeln: Er geriet ins Stocken, manche Fragen blie­ben völlig unbeantwortet.

Denn in den Konversationen der beiden Männer war von einem «Kunden» und «Abnehmer» die Rede, der allmählich Druck machen würde – für die Staatsanwaltschaft ein klarer Beweis dafür, dass das GBL doch nicht für den Geschäftspartner des Angeklagten bestimmt war. Weiter war zu lesen, dass sie mit diesem Geschäft das «ganz schnelle Geld» machen würden, das er monatlich bar auf die Hand erhalten würde.

GBL hätte gereicht, um ganz Liechtenstein auszurotten

Die Indizien sprachen gegen den Angeklagten. Er wurde zu einer 18-monatigen Freiheitsstrafe verurteilt, die auf drei Jahre bedingt nachgesehen wurde. Zusätzlich muss er eine Busse über 400 Franken für den unerlaubten Besitz zweier Laserpointer bezahlen. Die Verfahrenskosten in der Höhe von 500 Franken hat er ebenfalls zu begleichen. Mildernd wertete der Vorsitzende, dass sich der 30-Jährige kooperativ zeigte und bis anhin unbescholten war.

Einen weiteren Milderungsgrund sah der Richter darin, dass es beim Versuch blieb. Erschwerend hingegen war die grosse Menge, um die es sich handelte. «Damit hätten Sie ganz Liechtenstein ausrotten können», sagte der Richter. Zum Vergleich: Eine Konsumationseinheit liegt zwischen 0,5 und 2 Gramm. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.