«s Hültschis, s Chöchlis und s Maadlis»: Gamser Übernamen sind ein Kulturgut – diese Maturandin dokumentiert die Hintergründe

Michelle Wismer hat eine Maturaarbeit über Gamser Übernamen verfasst.

Corinne Hanselmann
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Michelle Wismer hat ihre Maturaarbeit über Gamser Übernamen geschrieben.

Michelle Wismer hat ihre Maturaarbeit über Gamser Übernamen geschrieben.

Bild: Corinne Hanselmann

Fast jeder Einheimische weiss Bescheid, wenn in der Beiz oder am Familientisch von s Hültschis, s Wireblis oder s Joggelis gesprochen wird. Es handelt sich um Gamser Übernamen. Fast jeder kennt sie – doch dokumentiert sind sie kaum.

Bist du eine Chöchli?

Schon als Kind sei sie oft gefragt worden, ob sie denn eine Chöchli sei, schreibt Michelle Wismer im Vorwort ihrer Maturaarbeit mit dem Titel «s Weibels, s Chöchlis und s Wireblis – Gamser Übernamen». Damals habe sie nicht verstanden, was denn die lustigen und urchigen Namen bedeuten. Mit dem Älterwerden habe sie langsam gelernt, was so ein Übername ist.

Die Faszination dafür sei im Laufe der Zeit gewachsen. Mit der Maturaarbeit wollte die 18-Jährige der Herkunft und Verwendung dieser Spitznamen genauer auf den Grund gehen. Sie setzte es sich zum Ziel, herauszufinden, wie ein Gamser Familienstamm zu seinem Übernamen kam, welchen Zweck der Gebrauch dieser Namen hatte und wie bekannt die Übernamen heute noch sind. Michelle Wismer stammt selber aus einer eingesessenen Gamser Familie. Den Übernamen Chöchli hat sie also sozusagen geerbt.

Übernamen sind mit Geschichten verbunden

An vertiefte Informationen über Übernamen zu kommen, stellte sich als schwierig heraus. «Es gibt keine Literatur dazu», so Michelle Wismer. So hat die 18-Jährige stattdessen mit alteingesessenen Gamsern gesprochen und Experten in diesem Bereich befragt. Massgebend weitergeholfen haben ihr beispielsweise die Lokalhistoriker Noldi und Judith Kessler, aber auch der ehemalige Gemeindepräsident Werner Schöb, der pensionierte Lehrer Michael Dürr oder der Urgamser Sepp Kaiser. «Ohne diese Leute hätte ich diese Arbeit nicht machen können.» Michelle Wismer erfuhr Vieles rund um Gams. «Denn mit den Übernamen sind immer auch Geschichten und Anekdoten verbunden», weiss sie jetzt. «Das Recherchieren war spannend und ich habe viel darüber erfahren, wie es früher im Dorf zu und her ging.»

Hültschis ist der bekannteste Übername

Sozusagen ein Grundstein ihrer Arbeit ist ein Gedicht über Gamser Übernamen. Michelle Wismer hat es von Werner Schöb erhalten. Im Gedicht heisst es zum Beispiel:

«Ob Bur, ob Stigger, ob Gemeindamma, en jede het sin Übernamma. Lenherr gits a sone Schwetti, wie roati Hünd und no viil meh, wenn dia kei Übernämma hättend, wär e Darmverwigglig gschäh.»

Im Gedicht, das Agnes Dürr-Zahner einst für eine Klassenzusammenkunft schrieb, werden viele Übernamen aufgezählt.

Ein Ausschnitt vom Gedicht:

Keine Verwechslungen dank Übernamen

In der Region Werdenberg sind Übernamen weiter verbreitet als in anderen Regionen der Schweiz. In Gams waren sie von besonders grosser Wichtigkeit, denn es gab nicht viel mehr als ein Dutzend verschiedene Familiennamen, und auch die Vornamen waren oft dieselben. So war es oft nur dank dieser Übernamen möglich, von einer bestimmten Person zu sprechen. Sprach man beispielsweise einfach von Beat Hardegger, wusste man nicht, welcher gemeint war. Sprach man hingegen von Hültschis Beat, kamen keine Fragen auf.

Bezug zu Flurnamen, Berufen oder ausserordentlichen Ereignissen

«Bei der Findung eines treffenden Übernamens waren die Dorfbewohner stets kreativ», schreibt Michelle Wismer in ihrer Maturaarbeit. Manchmal bezog sich der Übername auf den ursprünglichen Wohnort oder Hof der Familie. So stammt Hültschis vom Flurnamen Hültsch ab. Andere Übernamen liessen sich durch Berufsbezeichnungen ableiten, so beispielsweise Säumers oder Nachtwächters. Auch bestimmte Positionen im Dorf wurden mit Übernamen versehen. s Bresis war etwa die Familie des Ortsgemeindepräsidenten und s Schriiberlis hatten einmal einen Gemeinderatsschreiber in der Familie. s Weibels ist abgeleitet vom Amt des Gemeindeweibels, das es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Auch durch Heirat mit einer Person aus einem anderen Dorf konnte ein Übername entstehen. «Meine Mutter Erika Wismer ist eine ehemalige Hardegger mit dem Übernamen Chöchli», erklärt die Maturandin. Einer ihrer Vorfahren hatte einst eine Frau aus Wildhaus mit dem Namen Koch geheiratet. Auch ausserordentliche Erlebnisse oder langes Fortbleiben vom Dorf führten zu Übernamen. Beispielsweise mussten im 19. Jahrhundert etliche arme Familien ihre Kinder ins Schwabenland schicken zum arbeiten. So entstand der Übername s Schwöblis.

120 Leute befragt an Viehschau und Gasenzlerfest

Als praktischen Teil der Arbeit machte Michelle Wismer an der Viehschau sowie am Gasenzlerfest eine Umfrage bei rund 120 Personen. Sie wollte herausfinden, wie verbreitet Übernamen heute noch sind. Sie wählte 20 Übernamen aus, bekanntere und weniger bekannte, und fragte die Leute, ob sie die Namen kennen oder nicht und ob sie sie regelmässig verwenden. Das Ergebnis zeigt, dass gerade bei den älteren Personen ab 60 Jahren viele einen Grossteil der genannten Übernamen kennen und verwenden. s Hültschis, s Chöchlis und s Maadlis sind gemäss Umfrage die bekanntesten Gamser Übernamen.

Zu Wismers Maturaarbeit gehört auch ein Register mit den 20 in der Umfrage verwendeten Übernamen. Darin verzeichnet sind jeweils die älteste noch in Gams lebende Generation dieser Familie, das Elternhaus und den Hof.

An Bedeutung verloren aber dennoch in Gebrauch

Gegenüber früher haben die Übernamen an Bedeutung verloren. Das Dorf ist gewachsen, es kamen viele neue Vor- und Familiennamen dazu, dadurch gibt es die Notwendigkeit der Übernamen kaum mehr. Heute tragen fast nur noch Ur-Gamser-Familien solche Übernamen. Michelle Wismer bezeichnet die Übernamen heute als eine Art Kulturgut. Nicht ohne Stolz sagt sie:

«Man kann stolz sein, wenn man einen hat. Schliesslich hat nicht jeder einen Übernamen.»

Die Schülerin, die ihre Matura mit dem Schwerpunkt Latein voraussichtlich im kommenden Sommer abschliesst, findet es schön, dass die Namen noch gepflegt werden. «So sterben sie auch noch nicht sofort aus», ist sie überzeugt.