Toggenburg
Peter Roth – der Toggenburger Bob Dylan – ist engagiert wie eh und je

Peter Roth bestreitet mit seinem neuen Quintett «Beyond blue» seinen ersten, gelungenen Streaming-Anlass im Eisenwerk Frauenfeld.

Martin Preisser
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Peter Roth beschäftigt auch die unsichtbare Welt.

Peter Roth beschäftigt auch die unsichtbare Welt.

Bild: Archiv Ralph Ribi

Was haben der Songwriter Bob Dylan und der persische Sufi-Mystiker des 13. Jahrhunderts, Rumi, miteinander zu tun? Sie ergänzen sich perfekt, jedenfalls, wenn der Toggenburger Peter Roth sich ihnen musikalisch nähert. «Bob Dylan hat immer genau die Worte gefunden, die meine Gefühle beschreiben, er bringt das Alltägliche in eine poetische Form», sagt der Toggenburger Musiker und Komponist. Seit sechzig Jahren lässt ihn Dylan nicht los.

Wunderschöne Balladen komponiert

Und so lässt Roth, selbst am Flügel, sein erstes Streaming-Konzert denn auch mit Dylans Klassiker «Blowin’ In The Wind» beginnen. Und wenn er engagiert und berührt Dylan singt, merkt man ihm an: Er findet diese Poesie, für die Dylan mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, taufrisch und topaktuell. Was Roth an diesem engagierten Online-Konzert für Dylan ist, ist die Winterthurerin Barbara Balzan für die mystische Poesie von Rumi.

Wunderschöne Balladen hat Peter Roth dafür komponiert und greift damit auf seine Produktion «Silence» von 2016 zurück. Es ist immer wieder begeisternd, die Wandlungsfähigkeit, Bandbreite und die starke Emotion in Barbara Balzans Stimme zu erleben. Sie und Michael Neff an Trompete und Flügelhorn (auch sein betörender und speziell gedämpfter Klang ein Markenzeichen von Peter Roths Programmen) waren bei «Silence» dabei.

Das Unfassbare ergründet

Mit der Bassistin Adelina Filli und dem Perkussionisten Maurizio Grillo (beide liefern einen enorm sensiblen und feinfühligen Klangteppich) hat Peter Roth in anderen Produktionen als Trio zusammengespannt. Jetzt also die Musiker erstmals zu fünft, vereint im neuen Quintett «Beyond blue». Beyond, die Welt hinter dem Vordergründigen, das Geheimnisvolle hinter dem Sinnlichen, das interessiert die Mystiker und das interessiert Peter Roth. Er sagt:

«Die Welt des Unsichtbaren ist riesig.»

Peter Roth ergründet in seiner so fasslichen wie schwebenden Musik auch hinter den Tönen, hinter den Melodien, das Unfassliche. Dieser Zugang macht es auch, dass aus dem Eisenwerk nicht einfach eine neue Streaming-Aktion kommt, sondern dass einem dieser Abend auch am Laptop zu Hause zu Herzen geht. Die innere und die äussere Welt, Rumi und Dylan, Mystik und Gegenwart, Roths und Balzans Gesang, all das ist siebzig Minuten lang eine oft auch sinnlich schmeichelnde Einladung, die Atmosphäre zwischen und hinter den Tönen zu erahnen.

2003 hat Peter Roth für das St.Galler Kantonsjubiläum Texte von Niklaus Meienberg mit einem Antiphon von Notker Balbulus aus dem 9. Jahrhundert kombiniert. «Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben», war in dieser Produktion ein wichtiger Leitfaden. Das Quintett «Beyond» widmet ihr im Konzert eine Nummer. Das Thema ist aktuell. «Jeder muss in dieser Zeit gerade mit sich selbst zu Rande kommen», sagt Peter Roth, der in seinen Kommentaren zwischen der Musik seine Vision vom Geistigen hinter dem Körperlichen erklärt und die Gegenwart als Chance sieht, stärker nach innen zu schauen.

«Es braucht gerade viel Präsenz»

Ernste Themen, spirituelle Zugänge: Der Abend fällt dennoch lebensfroh und lebensbejahend aus. Die Klangmixturen der fünf bleiben haften, verführen, nehmen einen nie reisserisch, aber sanft fordernd auf spannende Ton-Reisen mit. «Es braucht gerade viel Präsenz», sagt Roth und bewies sie musikalisch wiederum eindringlich, auch als 76-Jähriger ohne Scheu vor der coronabedingten Online-Form.