Streit um die «Loreley des Alpenrheins»

Aus verteidigungspolitischen Gründen warf die Schweiz schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein Auge auf das liechtensteinische Ellhorn. Aber erst zu Beginn des Kalten Krieges kam der Verkauf auf Druck der Schweiz zu Stande.

Günther Meier
Merken
Drucken
Teilen
Gegen Widerstand in Liechtenstein setzte die Schweiz vor 70 Jahren die Abtretung des Ellhorns aus militärisch-strategischen Gründen durch. (Bild: Günther Meier)

Gegen Widerstand in Liechtenstein setzte die Schweiz vor 70 Jahren die Abtretung des Ellhorns aus militärisch-strategischen Gründen durch. (Bild: Günther Meier)

Prinz Heinrich von Liechtenstein, der liechtensteinische Botschafter in Bern, und Bundesrat Max Petitpierre unterzeichnen am 23. Dezember 1948 einen Vertrag der beiden Länder über einen Landabtausch. Der Vertrag trägt einen harmlosen Titel, der die emotional aufgeladene Stimmung in Liechtenstein gegen die Abtretung des Ellhorns nicht widerspiegelt: «Allgemeine Revision der Landesgrenze im Abschnitt Rhein – Würznerhorn». Auch die Präambel des Vertragswerks lässt nicht erahnen, was sich in dieser Angelegenheit rund zehn Jahre lang abgespielt hat, denn dort heisst es, die Vertragspartner seien vom Wunsch geleitet, den Verlauf der Grenze den natürlichen Verhältnissen und den beiderseitigen Interessen besser anzupassen.

Vertragstitel wie Begründung lassen die Schlussfolgerung zu, dass beide Länder bemüht waren, den Vertragsabschluss als Routinegeschäft erscheinen zu lassen. Auch wird vermieden, bei der neuen Grenzziehung zwischen Liechtenstein und der Schweiz das Ellhorn zu erwähnen, um das sich in der Bevölkerung vorwiegend die leidenschaftlichen Diskussionen drehten. Mit dem Vertragsabschluss aber wurde klar, dass das Ellhorn, von Dichtern und Schriftstellern in früheren Zeiten auch als «Loreley des Alpenrheins» besungen, den Besitzer gewechselt hatte.

Ein ungünstiger Grenzverlauf für die Landesverteidigung

Das Ellhorn, die markante, rund 250 Meter über den Rhein aufragende Felsnase gelangte schon etliche Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg auf den Radarschirm des Schweizer Militärs. In Armeekreisen entstanden schon 1934 Pläne, wie die Schweiz in den Besitz dieses Felsens gelangen könnte. Die Militärführer waren besorgt, dass im Rheintal ein offener, nicht befestigter Zugang zum Bündnerland und in Richtung Zürich bestand. Nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland verfestigten sich die Pläne, zur militärischen Sicherung des Sarganser Beckens neue Festungsbauten auf beiden Seiten des Rheins zu errichten. Der Generalstab der Armee stellte beim Ellhorn einen für die Landesverteidigung ungünstigen Grenzverlauf fest, das sich zu jener Zeit im Besitz Liechtensteins befand. Ausserdem bestand die Gefahr, dass sich feindliche Truppen über das hinter dem Ellhorn liegende Elltal nähern könnten, weil dieses kleine Tal von Sargans aus nicht überblickt werden konnte.

Nach dem 1938 erfolgten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich beschleunigte die Armee die Festungspläne im Raum Sargans, womit das Ellhorn als weit sichtbarer Fels an der schmalsten Stelle des Rheintals erneut in den Fokus des Militärs geriet. Im August 1938 richtete der Generalstab den Wunsch an den Bundesrat, das Ellhorn für die Schweiz zu kaufen und in die geplante Festigungslinie einzufügen.

Dem Bundesrat war klar, dass dieses Unterfangen nur mit einem Staatsvertrag zu bewerkstelligen wäre. Weil die Schweiz aufgrund der militärischen Aufrüstung in Deutschland und den Kriegsdrohungen Hitlers kein Aufsehen erregen wollte, boten sich dafür die bereits laufenden Verhandlungen über die Vermarkung der Grenze an. Anfang Dezember 1938 traf sich Regierungschef Josef Hoop in Bern mit Militärs und dem Bundesrat, der aus den Besprechungen das Fazit zog, Liechtenstein sei zur Abtretung des Ellhorns bereit.

Regierungschef Hoop lieferte anschliessend die liechtensteinischen Forderungen nach Bern: Bei einer Grenzregulierung müsse Liechtenstein flächenmässig mindestens so viel Boden an anderer Stelle erhalten, wie beim Ellhorn abgetreten werde. Sollte dieser Realtausch nicht ganz möglich sein, müsste die Schweiz zu anderen Kompensationen bereit sein: Liechtenstein forderte die Freizügigkeit für liechtensteinische Arbeitskräfte in der Schweiz, die Aufnahme der liechtensteinischen Banken in die Schweizerische Bankiervereinigung sowie die Gleichstellung Liechtensteins mit den schweizerischen Kantonen in wirtschaftlicher Hinsicht, also die völlige Integration in die schweizerische Wirtschaft. Hoop wollte bei den Verhandlungen möglichst viel für sein Land herausholen, und deutete gegenüber dem Bundesrat an, Deutschland als neuer, unmittelbarer Nachbar habe ebenfalls gewisse Wünsche im Fall von Grenzbereinigungen.

Gemeinde Balzers wehrte sich gegen eine Abtretung

Aber so reibungslos, wie sich die beiden Verhandlungsparteien den Ellhorn-Handel vorgestellt hatten, konnte die neue Grenzziehung nicht über die Bühne gebracht werden. Regierungschef Hoop, der die Verhandlungen mit der Schweiz allein geführt hatte, musste vor Weihnachten 1938 zur Kenntnis nehmen, dass er einer Front von Ablehnung gegenüber stand. In der Regierung regte sich Widerstand, die Gemeinde Balzers, in deren Gemarkungen das Ellhorn liegt, wehrte sich gegen eine Abtretung. Auch Fürst Franz Josef II. war dagegen, was wohl damit zusammenhing, dass das Fürstenhaus mit dem Deutschen Reich in Verhandlungen über die Rückgewinnung von Gütern stand, die in der Tschechoslowakei zwangsenteignet worden waren. Unter diesen Vorzeichen schien eine Einigung über die Abtretung des strategisch wichtigen Ellhorns kaum mehr möglich. Und tatsächlich kam es zum Bruch bei einer weiteren Verhandlungsrunde am 19. Januar 1939. Nicht mehr Hoop allein war nach Bern gereist, sondern Landtagspräsident Pfarrer Anton Frommelt und Regierungsrat Alois Vogt, der als deutschfreundlich galt. Der Regierungschef hatte sich kurzfristig für dieses Treffen wegen einer plötzlichen Erkrankung entschuldigt, was stimmte, in der Schweiz dagegen als diplomatisches Spiel betrachtet wurde.

Frommelt und Vogt erklärten, dass in Liechtenstein alles andere als klar sei, das Ellhorn an die Schweiz abtreten zu wollen. In der Gemeinde Balzers erhebe sich Widerstand, und deutsche Stellen hätten signalisiert, eine Übergabe des Ellhorns an die Schweiz würde vom Deutschen Reich als Neutralitätsverletzung betrachtet.

Historiker bewerten diese Unterredung, die mit der Drohung der Schweiz endete, die Schweiz werde «ihre Hefte gegenüber Liechtenstein revidieren», als Eklat. In der Tat reagierte der Bundesrat sofort. Das auf den nächsten Tag anberaumte Gespräch über ein Fremdenpolizeiabkommen, das den liechtensteinischen Saisonarbeitern den Arbeitsmarkt Schweiz geöffnet hätte, wurde gestrichen. Ein paar Tage später traf aus Bern eine diplomatische Note in Vaduz ein, die Unverständnis über die Rücksichten Liechtensteins gegenüber dem Deutschen Reich äussert und die Sperrung des ein Jahr vorher zugesagten und teilweise schon ausgelieferten 2-Millionen-Kredits der Schweiz mitteilt. Ausserdem erhielten die Schweizer Zollbeamten, die an der Grenze Liechtenstein–Österreich (bzw. Deutsches Reich) stationiert waren, die Anweisung, die Einfuhr von Nazi-Propagandamaterial schärfer zu kontrollieren. An die Regierung richtete sich ferner die unmissverständliche Aufforderung, endlich klare Vorschriften gegen staatsgefährdende Umtriebe zu erlassen, die von deutschfreundlichen Kräften ausgingen. Nach dieser deutlichen Reaktion befürchtete Liechtenstein, die Schweiz könnte als weitere Massnahme den 1923 abgeschlossenen Zollvertrag aufkündigen, was aber glücklicherweise nicht eintraf.

Strategische Schlüsselrolle im Ost-West-Konflikt

Das Schweizer Militär baute trotz der liechtensteinischen Absage zur Abtretung des Ellhorns die Festungen im Raum Sarganserland nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weiter aus. Die «Loreley des Alpenrheins» aber stand weiterhin im Fokus des Generalstabs, weil nur mit deren Hilfe die Sperrung des Sarganserlands möglich wäre. Obwohl die Schweiz vom Krieg verschont geblieben war, und die Festungen im Rheintal und Sarganserland nicht erprobt werden mussten, forderte General Guisan schon am 17. März 1945, also noch vor dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai 1945 in Deutschland, die Aufnahme von Verhandlungen mit Liechtenstein über das Ellhorn.

Die Schweiz befand sich, anders als vor dem Krieg, in einer besseren Position: Mit dem Ende der Hitler-Diktatur fiel das Hauptargument Liechtensteins weg, deutsche Kreise wären mit dem Ellhorn-Abtausch nicht einverstanden und Liechtensteins Neutralität könnte damit tangiert werden. Die Schweiz argumentierte wiederum mit der strategischen Schlüsselrolle des Ellhorns, aber nicht mehr als Schutz gegen das Dritte Reich, sondern neu mit dem Ost-West-Konflikt im beginnenden Kalten Krieg, der zu einem Dritten Weltkrieg führen könnte.

Im Zusammenhang mit einem Gedankenaustausch über fremdenpolizeiliche Massnahmen forderte die Schweiz 1947 die Aufnahme neuer Ellhorn-Verhandlungen. Geschickt verknüpfte die Schweiz die wirtschaftlichen und fremdenpolizeilichen Ansuchen Liechtensteins mit der Frage des Ellhorns. Auf den Vorschlag Liechtensteins, den begehrten Felsvorsprung der Schweiz für militärische Zwecke über einen längeren Zeitraum zu verpachten, ging der Bundesrat nicht ein.

Auch der Widerstand in der Gemeinde Balzers konnte von Liechtenstein nicht als Hebel eingesetzt werden. Die emotionalen Wogen gingen bei den Balznern, die das Ellhorn unter keinen Umständen abtreten wollten, erneut hoch. Im Rahmen einer Gemeindeversammlung sprachen sich 302 Bürger gegen die Ellhorn-Abtretung aus, nur vier Bürger wollten der Schweiz entgegenkommen. Die Abstimmung vom 19. April 1947 hatte allerdings nur konsultativen Charakter, war sozusagen als Stimmungsbild für den Landtag gedacht, der sich im November und Dezember 1948 mit der Ellhorn-Frage beschäftigte.

Die Entscheidung fiel im Landtag am 13. Dezember 1948: Nach längeren und leidenschaftlichen Diskussionen stimmten 10 Abgeordnete mit Ja und 5 Abgeordnete mit Nein. Prinz Heinrich, Liechtensteins Botschafter in Bern, hatte die Abgeordneten noch kurz vor der Abstimmung beschworen, der Eidgenossenschaft diesmal entgegenzukommen, denn Liechtenstein profitiere von den verschiedenen Leistungen der Schweiz, insbesondere vom Zollvertrag. Regierungschef Alexander Frick, der Nachfolger von Josef Hoop, erwähnte in seiner Stellungnahme zusätzlich den Schutz der Schweiz, auf den Liechtenstein dringend angewiesen sei, wenn «sich etwas in Europa zusammenbraue».

Mit der mehrheitlichen Zustimmung des Landtags war der Weg offen für den neuen Grenzvertrag, der am 23. Dezember 1948 in Bern unterzeichnet wurde. Im dem nur vier Artikel umfassenden Grenzvertrag, der am 15. August 1949 in Kraft trat, wird das in jener Zeit zu allgemeiner Bekanntheit gelangte Ellhorn nicht ausdrücklich erwähnt. Erwähnung findet das Ellhorn nur in der «Beschreibung des Grenzverlaufs», die als Zusatz zum Vertrag ebenfalls die Unterschriften von Bundesrat Max Petitpierre und Prinz Heinrich von Liechtenstein trägt.

Quellen - Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein – Stichwort Ellhorn - Peter Geiger: Krisenzeit – Kapitel «Der Ellhornhandel 1938/39» - Arthur Brunhart: Der Verlust des Ellhorns 1948 – Balzner Neujahrsblätter 1999