SP-Regierungsratskandidatin Laura Bucher in Buchs: Care-Arbeit ist der «Kit für unsere Gesellschaft»

Care-Ökonomie oder die andere Hälfte der Wirtschaft, mit diesem Thema befassten sich Laura Bucher, Kantonsrätin und SP-Regierungsratskandidatin, Nadja Gähwiler und Johannes Lehmann, beide Kantonsratskandidierende der SP Werdenberg

Drucken
Teilen
Nadja Gähwiler, Laura Bucher, Katrin Schulthess und Johannes Lehmann (von lins) informierten und diskutierten über die Care-Ökonomie.

Nadja Gähwiler, Laura Bucher, Katrin Schulthess und Johannes Lehmann (von lins) informierten und diskutierten über die Care-Ökonomie.

Bild: PD

(pd) Nadja Gähwiler führte ins Thema ein. Unter Care-Arbeit versteht man jene Tätigkeiten, die die Fürsorge für Menschen beinhalten, z. B. die Pflege von Familienmitgliedern, die Betreuung von Kindern, Nachbarschaftshilfe. Ein grosser Teil dieser Arbeit sei weder bezahlt noch sozialversichert und erscheine nicht im Bruttoinlandprodukt (BIP). 2016 wurde in der Schweiz für 408 Milliarden Franken unbezahlte Arbeit geleistet, zu rund 62 Prozent von Frauen.

Umfassender Index sollte BIP ablösen

Das BIP betrug 662 Milliarden Franken. Man kann also ohne Übertreibung von der anderen Hälfte der Wirtschaft sprechen. Um der Care-Arbeit zu einem höheren Stellenwert zu verhelfen, bräuchten wir einen Blick aufs Ganze, verlangte Gähwiler daher und unterstützte diese Forderung mit einem kurzen Film. Johannes Lehmann, VWL-Student, warf einen Blick auf seine Studienrichtung. Die Volkswirtschaftslehre bewege sich heute weg vom Dogma «Menschen entscheiden aufgrund von Preisen». Dass auch Dinge ohne Preis einen Nutzen stiften können, müsse vermehrt in Forschung und Lehre einfliessen.

Ökonomie sollte sich viel umfassender mit allen Tätigkeiten auseinandersetzen, die Nutzen für Mensch und Umwelt stiften. In der Schweiz wurden 2016 7,9 Milliarden Stunden bezahlte und 9,2 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit geleistet. Das BIP, dass nur auf die bezahlte Arbeit abstellt, müsste durch einen umfassenden Index abgelöst werden. Die Begründung, dies sei halt schwierig umzusetzen, könne nicht befriedigen.

«Kit für unsere Gesellschaft»

Laura Bucher bezeichnete die Care-Arbeit als «Kitt unserer Gesellschaft». Sie schilderte die Abwärtsspirale, in die insbesondere Alleinerziehende geraten, wenn sie unbezahlte Care-Arbeit leisten müssen. Die Zeit reiche nur noch für einen Teilzeitjob, das führe zu schlechteren Sozialleistungen, zu grösserem Armutsrisiko, zur Rollenzementierung, zur Einschränkung der Karriere und zu einer erheblichen Doppelbelastung. Um dem entgegenzuwirken, müsse die unbezahlte Arbeit gerechter verteilt, besser finanziell abgesichert und mit höherer Wertschätzung belohnt werden. Dies verlange auch den Einsatz des Staates. Dazu gehörten ein flächendeckendes Angebot an Kinderbetreuung, Elternzeit, tiefere Wochenarbeitszeit, die Unterstützung von Personen, die kranke Familienmitglieder pflegen und auch den staatlichen Schutz von Care-Migrantinnen.

Angeregte Diskussion

Die anschliessende angeregte Diskussion mit dem Publikum wurde von Kantonsrätin Katrin Schulthess geleitet. Dabei wurden auch persönliche Beispiele von Care-Arbeit geschildert. Wichtig schien allen Teilnehmenden, dass das Thema Care-Ökonomie in der Öffentlichkeit bekannter gemacht wird. Es wurden auch Vorschläge zur Verbesserung der Situation gemacht: Das bedingungslose Grundeinkommen müsste auch im Zusammenhang mit Care-Arbeit beleuchtet werden, denn es würde allen helfen, die wegen ihrer unbezahlten Arbeit in eine Armutsfalle, insbesondere im Alter, geraten könnten.

Care-Arbeit sollte sozial abgefedert werden. Dazu könnte eine Ausweitung des heutigen AHV-Anspruchs für die Kindererziehung auf weitere Tätigkeiten helfen. Die Sozialversicherungen müssten ihre Leistungen über die Erwerbstätigkeit hinaus erweitern. Und alle Studierenden der Volkswirtschaft sollten eine gründliche Einführung in die Care-Ökonomie erhalten.