Von der Stifti bis zur Pension: Die treue Seele der Riet-Garage Sevelen

Im Frühling 1970 hat Heinz Vorburger, der in wenigen Tagen 65 Jahre alt wird, bei der Garage Gebr. Schwendener in Sevelen seine Stifti als Automechaniker begonnen. Seither ist er seiner Arbeitgeberin, die inzwischen Riet-Garage AG heisst, treu geblieben – 49 Jahre lang.

Heini Schwendener
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Der Seveler Heinz Vorburger ist ein ganzes Berufsleben lang seinem Arbeitgeber, nicht aber seinem erlernten Beruf, treu geblieben. Der Automechaniker ist auch Maler, Schlosser und Bauarbeiter – ein Tausendsassa in der Riet-Garage AG. (Bild: Heini Schwendener)

Der Seveler Heinz Vorburger ist ein ganzes Berufsleben lang seinem Arbeitgeber, nicht aber seinem erlernten Beruf, treu geblieben. Der Automechaniker ist auch Maler, Schlosser und Bauarbeiter – ein Tausendsassa in der Riet-Garage AG. (Bild: Heini Schwendener)

Was wäre wohl aus dem damals 16-Jährigen geworden, hätte er sich an einem seiner ersten Tage seiner Stifti ungeschickt verhalten? «Ich konnte beim Service eines VW-Buses helfen», erinnert sich Heinz Vorburger, und dabei sei «natürlich rein zufällig» die Schraube des Öltanks in den Kessel mit Altöl gefallen. Logisch, dass ihn der Stift herausholen musste. Nach Handschuhen hat er nicht verlangt und sich auch sonst nicht zimperlich verhalten, sondern die Schraube mit blossen Händen aus der ölig-dreckigen Brühe gefischt.

Damit hatte er den üblichen Lehrlingstest bestanden. Der junge Mann war in der Werkstatt akzeptiert und die Grundlage für eine gute Beziehung zu seinem künftigen Beruf gelegt. Und sowieso: «Bei dieser Arbeit wird man eben dreckig», kommentiert der eher wortkarge Mann trocken. Betonen hätte er es nicht müssen, seine Arbeitskleidung spricht Bände. Und seine rauen Hände mit dem linken Daumenstummel zeugen davon, dass er immer manuell gearbeitet hat.

Ein «Chlütteri» schon seit seiner Jugend

Eigentlich hätte Heinz Vorburger ja bei den SBB anheuern wollen, «im Gleisbau, Hauptsache draussen». Weil das nicht klappte, ging er einer anderen Leidenschaft nach. Er habe eben schon immer gerne «g chlütteret». Als Knabe zerlegte er einst eine Lambretta komplett und baute sie danach wieder zusammen. «Etwas erstaunt war ich schon, dass ich am Schluss eine Schachtel Schrauben übrighatte», sagt Vorburger, betont aber sogleich, dass die Lambretta trotzdem wieder fahrtüchtig war. Nach seiner Lehre hat Heinz Vorburger eine Weile als Automechaniker weitergearbeitet. «Im Autoboom der 70er- und 80er-Jahre hätte man als Automech jeden Tag irgendwo eine neue Stelle bekommen können», erzählt Vorburger. Er hatte aber keine Wechselgelüste, auch wenn er dadurch wohl mehr Lohn hätte verdienen können.

Bei der Arbeit in einer Garage wird man dreckig, das gehört zu Vorburgers Job. (Bild: Heini Schwendener)

Bei der Arbeit in einer Garage wird man dreckig, das gehört zu Vorburgers Job. (Bild: Heini Schwendener)

Vorburger ist keiner, der sich gerne auf völlig neue Sachen einlässt, «obwohl ich als Wassermann schon auch neugierig bin». Das gute Arbeitsklima in der Seveler Garage, die tollen Kollegen und die sozial eingestellten Chefs des Familienbetriebs boten Vorburger Geborgenheit, so dass bei ihm in der Folge 49 Jahre lang nie das Bedürfnis nach einer grösseren Veränderung aufgekommen ist. Verändert hat sich indes das Berufsbild des Automechanikers mit dem Einzug der Elektronik. Doch da war Tausendsassa Vorburger schon nicht mehr nur als Automech tätig.

In der Riet-Garage hatte man nämlich seine vielfältigen Begabungen entdeckt. Sein Tätigkeitsfeld hat sich in der Folge sehr stark aufgeweitet. Heute sagt Vorburger, mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen unter seinem mächtigen Schnauz:

«Eigentlich bin ich ja unterdessen das Mädchen für alles.»

Er hat Seilwinden, Kipper und Pflüge an Nutzfahrzeuge montiert, Druckluftbremsen eingebaut usw. Und weil der Garagenbetrieb auf mehrere Gebäude verteilt ist, kam auch noch der Gebäudeunterhalt dazu. Vorburger ist heute Schlosser, «Elektriker», wenn irgendwo um- oder ausgebaut wird, hilft er beim Hoch- und Tiefbau mit und deckt das Dach. Diese Vielfalt kommt ihm entgegen. «Ich wollte nie weg von hier, denn einerseits hatte ich immer genug zu tun und andererseits ist meine Arbeit sehr abwechslungsreich. An einem Förderband zu arbeiten, kann ich mir nicht vorstellen», sagt’s und zündet sich erneut eine Zigarette an, die dritte in dieser Stunde.

Stift, als der heutige Chef noch ein «Strupf» war

«In meinem Reich stört es niemand, wenn ich rauche», meint er in «seiner» Schlossereiwerkstatt im Keller. Er macht eine Trennscheibe einsatzbereit, um Metallteile zu kürzen, die er für die Konstruktion eines Balkons braucht. Vorburger ist ein starker Raucher, sieht darin aber kein grosses Problem, sondern sagt vielmehr: «Wenn ich etwas konstruiere, ist es besser, auch einmal innezuhalten und über etwas nachzudenken. Rauchen hilft mir dabei. Man muss den Kopf bei der Arbeit haben, sonst kommt es nicht gut. Es gibt genug Leute, die ihren Kopf morgens zu Hause vergessen.» Heinz Vorburger ist ein Faktotum – er ist schon länger da, als die aktuellen Chefs des Familienunternehmens mit seiner langjährigen Tradition. Darauf angesprochen erzählt der bald 65-Jährige: «Thomas Schwendener, meinen heutigen Chef, kenne ich seit meiner Stifti. Er war damals noch ganz klein.» Nach einem kurzen Zögern sagt er aus Überzeugung: «Der Thomas, der war damals ein richtiger ‹Strupf›.»

Der treue Mitarbeiter Heinz Vorburger (Mitte) und sein heutiger Chef Thomas Schwendener jr. (links) sowie sein ehemaliger Chef Thomas Schwendener (rechts). (Bild: Heini Schwendener)

Der treue Mitarbeiter Heinz Vorburger (Mitte) und sein heutiger Chef Thomas Schwendener jr. (links) sowie sein ehemaliger Chef Thomas Schwendener (rechts). (Bild: Heini Schwendener)

Die Riet-Garage in Sevelen ist vor allem bekannt als die erste und grösste Toyota-Garage in der Region. Vorburgers erstes Auto war ein Döschwo, dann ein BMW. Seither ist er aber Toyota so treu wie seinem Arbeitgeber. Die günstigen Japaner waren hierzulande vor Jahrzehnten noch nicht überall gern gesehen. Vorburger erinnert sich:

«Im Plattis musste man nicht mit einem Toyota vorfahren, da wurde dir kein Most getankt.»

In diesen Tagen geht nun also für den Seveler ein bewegtes Berufsleben zu Ende. Heinz Vorburger, viel eher ein Mann der beherzten Taten als der grossen Worte, sagt auf die Frage nach einer Bilanz trocken: «Es war durchzogen, es ging auf und ab, eben wie überall. Insgesamt war es aber eine schöne Zeit. Ich habe mich immer mit der Bude identifiziert.» Was geht ihm durch den Kopf, wenn an seine bevorstehende Zeit nach der Riet-Garage, in der er fast ein halbes Jahrhundert gearbeitet hat, denkt? Allzu tief in sein Inneres lässt er nicht blicken. «Gedanken macht man sich schon», sagt er und zündet sich eine weitere Zigarette an. Und ergänzt nach etwas Nachdenken:

«In ein Loch falle ich aber bestimmt nicht.»
In seiner Schlossereiwerkstatt im Keller fühlt sich Heinz Vorburger in seinem Element. (Bild: Heini Schwendener)

In seiner Schlossereiwerkstatt im Keller fühlt sich Heinz Vorburger in seinem Element. (Bild: Heini Schwendener)

Mehr Zeit fürs Holzen und seine beiden Suzukis

Auf jeden Fall freut er sich darauf, künftig mehr Zeit für seine beiden grossen Hobbys, das Holzen und das Töfffahren, zu haben. Nicht mehr an Wochenenden, wenn die schönsten Routen «übervoll» sind, wird er fortan mit seiner Suzuki Intruder oder seiner Suzuki Bandit über Pässe heizen. Besonders freut er sich, dass gelegentlich auch sein Sohn dabei sein wird. Erich heisst er. Er hat die gleichen Leidenschaften wie sein Vater: Er fährt gerne Töff und ist ein begeisterter Holzer. Und Erich Vorburger hat bei der Riet-Garage AG die Stifti als Autospengler gemacht. Und noch immer arbeitet der inzwischen 29-Jährige in seinem einstigen Lehrbetrieb.

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