Ostschweizer Globetrotter bezwingen auf ihrer Abenteuerreise in den Osten den Elbrus, den höchsten Berg Europas

Die Buchserin Michelle Senn und ihr Freund Andreas Brändle aus Abtwil sind mit ihrem selbst ausgebauten Wohnmobil auf dem etwa 20000 Kilometer langen Weg nach Wladiwostok. Dabei haben sie auch die 5000er-Gipfel Elbrus, Mt. Kazbek und Damavand bestiegen.

Heini Schwendener
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«Selma »vor dem eindrücklichen Gipfel des Mt. Kazbek, den die beiden Ostschweizer ohne Bergführer bestiegen haben. (Bilder: Michelle Senn/Andreas Brändle)

«Selma »vor dem eindrücklichen Gipfel des Mt. Kazbek, den die beiden Ostschweizer ohne Bergführer bestiegen haben. (Bilder: Michelle Senn/Andreas Brändle)

Packt Sie zuweilen das Fernweh? Ich kann Ihnen versichern, dann ist dieser Bericht und der Blog von der Reise von Michelle Senn und Andreas Brändle ein probates Heilmittel. In ihrem selber zum Wohnmobil umgebauten ehemaligen Mercedes-Polizeitransporter tuckern die zwei jungen Globetrotter aus Buchs und Abtwil gemächlich gegen Osten, Wladiwostok «am Ende der Welt» entgegen. Auf ihrem Blog berichten sie in Wort und Bild von einzigartigen Abenteuern mit fremden Kulturen, herzlichen und hilfsbereiten Menschen, atemberaubenden Landschaften und sportlichen Höchstleistungen im Kaukasus.

Gipfelglück auf dem 5642 Meter hohen Elbrus. Der höchste Berg Europas war eines der grossen Ziele auf der abenteuerlichen Reise von Michelle Senn und Andreas Brändle.

Gipfelglück auf dem 5642 Meter hohen Elbrus. Der höchste Berg Europas war eines der grossen Ziele auf der abenteuerlichen Reise von Michelle Senn und Andreas Brändle.

Tausende von Kilometern haben sie bereits zurückgelegt mit «Selma» – so nennen die Beiden ihr Wohnmobil – als zuverlässige Weggefährtin. «Sie ist unser absoluter Wohlfühlfaktor, quasi unser Heimatli», schreibt Michelle Senn in einer Mail aus dem Iran, wo die Beiden inzwischen eingetroffen sind, wegen Internetproblemen aber ihren Blog nicht «füttern» können. «Selmas» Fahrzeugtyp sei im Osten gut vertreten, so liessen sich wohl überall Ersatzteile finden, wenn denn solche gebraucht würden. Einzig die Hitze in Teheran mit Temperaturen um 45 Grad macht «Selmas» Interieur aus Holz, das bei etwa 10 Grad eingebaut worden war, zu schaffen. Es hat sich verzogen.

Zeichnungen und Gebärdensprache sind hilfreich

Der Weg bis nach Iran war voller Höhepunkte. Sprachliche Probleme in Tschechien, Polen, Ukraine, Georgien, Russland, Aserbaidschan und Iran gab es mitunter schon. In den Städten findet sich fast immer jemand, der Englisch spricht. «Auf dem Land wird es dann schon etwas abenteuerlicher», schreibt die Buchserin,

«da haben wir schon lustige Zeichnungen gemalt, damit man sich zumindest etwas verständigen kann. Und Gebärdensprache hilft da natürlich auch. Aber die Leute sind generell hilfsbereit, da kommt man immer irgendwie zum Ziel.»
In Odessa (Ukraine) wird Selma auf eine Fähre verladen, die die Ostschweizer Weltenbummler bis nach Batumi (Georgien) fuhr.

In Odessa (Ukraine) wird Selma auf eine Fähre verladen, die die Ostschweizer Weltenbummler bis nach Batumi (Georgien) fuhr.

Von wirklich gefährlichen Situationen wurden Senn und Brändle bisher verschont. Der Verkehr in Teheran ist herausfordernd, und die korrupte Polizei in einzelnen Ländern unangenehm. Einmal fuhr Andreas Brändle in Odessa verbotenerweise einen U-Turn (Wende). Die Polizisten, die sie dabei ertappten, konnten schliesslich mit umgerechnet 5 Franken zufriedengestellt werden. Gefordert hatten sie 200 US-Dollar – natürlich nicht für den Staat, sondern in die eigene Tasche.

Elbrus: 5642 Meter über Meer, das Ziel der Träume

In Russland haben sich Michelle Senn und Andreas Brändle einen Traum auf ihrer abenteuerlichen Reise verwirklicht: sie bestiegen mit einem Bergführer den höchsten Berg Europas, den 5642 Meter hohen Elbrus. Der Bergführer empfahl, eine Strecke mit dem Ratrac zurückzulegen, um einige Höhenmeter auf dieser Monstertour zu sparen. Der Schweizer Bergsteigerstolz war damit natürlich etwas verletzt. Doch Senn und Brändle meinen im Rückblick, dass dieser Entscheid richtig war, denn der Aufstieg auf Skiern war auch so noch sehr anstrengend.

Michelle Senn und Andreas Brändle sind bereit für die Einreise in den Iran.

Michelle Senn und Andreas Brändle sind bereit für die Einreise in den Iran.

Der Bergführer, «ein lokales kleines Mannli», machte beim Gehen mit den Harscheisen nicht den besten Eindruck, weil er immer wieder retour rutschte. Michelle Senn schrieb im Blog dazu:

«Aber egal, ich fühlte mich fit und könnte im Notfall auch ihn noch halten.»

Die Ankunft auf dem Elbrus-Gipfel war einer der vielen sportlichen und emotionalen Höhepunkte ihrer bisherigen Reise.

Doch damit waren die Gipfelstürmergene erst recht geweckt. Mit dem 5047 Meter hohen Mt.Kazbek in Georgien und dem 5604 Meter hohen Damavand in Iran testete das Paar seine körperliche Leistungsfähigkeit unter ganz besonderen Bedingungen, denn es schaffte diese Besteigungen sogar ohne die Hilfe eines Bergführers.

Todmüde nach 15 Stunden wieder bei «Selma»

Hier einige Angaben, um die Leistungen etwas einzuordnen: Auf den Mt. Kazbek starteten sie aus einer Berghütte mitten in der Nacht um 1.40 Uhr; um 9 Uhr waren sie auf dem Gipfel; um 11.30 Uhr, dank der Ski, die ihnen den Abstieg erleichterten, wieder bei der Hütte. Dort entschieden sie, auch noch den Weg bis zu «Selma» im Tal unter die Ski bzw. die Bergschuhe zu nehmen. Um 17 Uhr, also mehr als 15 Stunden nach ihrem Aufbruch zur Gipfelbesteigung, erreichten sie ihr «Heimetli» wohlbehalten, aber todmüde.

Ein Lagerfeuer vor «Selma», gibt es einen schöneren Abend?

Ein Lagerfeuer vor «Selma», gibt es einen schöneren Abend?

Eindrücklich und mit einer guten Prise Humor beschreiben die beiden Weltenbummler in ihrem Blog die Vorbereitungen, die nötig waren, um die 5000er-Gipfel zu besteigen, wie sie sich akklimatisierten und welche Kämpfe sie mit sich selber in diesen extremen Höhenlagen auszutragen hatten. Die Rede ist aber auch von Begegnungen mit interessanten und stets hilfsbereiten Menschen, vom Zwischenstopp auf einem Bauernhof, wo Brändle und Senn mit anpackten, vom Zopf, der am Sonntag in «Selmas» Ofen gebacken wird, von Bike- und Klettertouren, von der Schiffspassage von Odessa (Ukraine) bis Batumi (Georgien), vom Osterfest in Wroclaw (Polen) usw.

Iraner sind herzlich und gastfreundlich

«Kultureller Höhepunkt ist für uns bisher ganz klar der Iran», schreibt Michelle Senn in einer Mail, «wir sind überwältigt von der Herzlichkeit und der Gastfreundschaft der Iraner. Man wird hier immer und überall mit offenen Händen begrüsst, alles wird ganz selbstverständlich geteilt und jedem wird geholfen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Da könnten wir Schweizer uns gut eine Scheibe davon abschneiden.»

Stolz und glücklich auf dem Gipfel des Mt. Kazbek in Georgien.

Stolz und glücklich auf dem Gipfel des Mt. Kazbek in Georgien.

Wenn der Blog von Senn und Brändle ein Heilmittel ist, dann braucht es zwingend die Bemerkung: «Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.» Ich bin kein Arzt, kann Ihnen, liebe Fernwehgeplagte, aber folgende Nebenwirkung versichern: Ein aufkommendes Gefühl von Neid – was zwar nicht rühmlich, aber sehr verständlich ist.

Hinweis: www.selmaontheroad.ch

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