Die ehemalige Leiterin der Buchser Bibliothek hat seit je Bücher verschlungen

Während vieler Jahre hat Christina Gartmann die Bibliothek Buchs als Leiterin geprägt. Nach ihrer Pensionierung geniesst sie es, Zeit zu haben, und ist offen für Neues.

Esther Wyss
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Von 1998 bis Ende 2019 arbeitete Christina Gartmann in der Bibliothek Buchs.

Von 1998 bis Ende 2019 arbeitete Christina Gartmann in der Bibliothek Buchs.

Bild: Lisa Jenny

«Eigentlich war es eher ein Zufall, dass ich mit der Arbeit in der Bibliothek angefangen habe», erzählt Christina Gartmann und lacht. «1998 suchten sie in der Bibliothek jemanden für ein kleineres Pensum. Eine gute Bekannte fragte mich deshalb, ob ich daran interessiert wäre, ungefähr zwei Nachmittage an der Theke bei der Bücherausgabe zu arbeiten. Ich musste nicht lange überlegen und sagte zu.»

Nach einer intensiven Familienzeit hatte Christina Gartmann in ihrem Beruf als Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin wieder zu arbeiten begonnen. Bald stelle sich jedoch heraus, dass in den vergangenen zehn Jahren, in denen sie sich ihrer Familie gewidmet hatte, nicht nur der Unterricht, sondern auch die Schülerinnen und Schüler verändert hatten. Ihr wurde bald klar, dass sie diesen Beruf nicht für den Rest ihrer Arbeitstätigkeit ausüben wollte. Mit der Bibliothek bot sich ihr eine interessante Alternative. «Ich arbeite gerne mit Menschen und lese seit meiner frühesten Kindheit gerne», erklärt sie.

Bücherwurm im Bergtal

Christina Gartmann ist im Safiental in der Walser Streusiedlung Zalön oberhalb des Dorfes Safien-Platz auf einem Bauernhof aufgewachsen. Die nächsten Nachbarn wohnten wenige Minuten entfernt. «Ich wünschte mir keine andere Kindheit», sagt sie mit Überzeugung.

«Wir hatten viel Freiheit, obwohl wir fünf Geschwister viel helfen mussten, sei es beim Heuen, im Garten, im Haushalt oder die jüngeren Geschwister hüten. Wir lernten auf diese Weise, früh Verantwortung zu übernehmen.»

Sie besuchte die nur fünf Minuten entfernt liegende Gesamtschule. 17 Kinder von der ersten bis zur neunten Klasse wurden im selben Klassenzimmer unterrichtet. Das fand sie als Erstklässlerin toll. Denn wenn sie ihre Aufgabe fertig hatte, konnte sie bei den älteren Schülern zuhören und hatte am Ende eines Schuljahres mehr als nur den Erstklasse-Schulstoff gelernt.

Bücherkiste aus der Kantonsbibliothek

In Erinnerung ist ihr die Geschichte von Robinson Crusoe, die sie spannend fand. Es sei nie langweilig gewesen. Das Highlight war für sie, wenn im Herbst die Bücherkiste der Kantonsbibliothek aus Chur gebracht wurde. Sie sei schon als Kind ein Bücherwurm gewesen. Zuerst habe sie die Bücher, die sie interessierten ausgewählt und sich später durch alle anderen Bücher gelesen.

Christina Gartmann, pensionierte Bibliotheks-Leiterin.

Christina Gartmann, pensionierte Bibliotheks-Leiterin.

Bild: Lisa Jenny

Christina Gartmann liest auch heute noch gerne. Was sie lese, sei jeweils abhängig von ihrer Stimmung.

«Ein angefangenes Buch lese ich meistens fertig, auch wenn es manchmal etwas harzig ist»,

sagt sie. Nach der sechsten Klasse besuchte sie die Sekundarschule in Thusis und wohnte bei Verwandten. Die Umstellung in eine Klasse mit 30 Kindern sei gross gewesen. Die Eltern hätten sie sehr unterstützt, als sie eine weiterführende Schule besuchen wollte. Nach der Sek folgte die Ausbildung zur Handarbeit- und Hauswirtschaftslehrerin in Chur. Dort wohnte sie die ersten zwei Jahre im Internat, was damals obligatorisch war, jedoch nicht allen leichtgefallen ist. Sie seien eine lässige Klasse gewesen und pflegen bis heute Kontakt zueinander.

Während mehrerer Jahre hat sie ihren Beruf ausgeübt. Gemeinsam mit ihrem Mann, der ebenfalls im Safiental aufgewachsen ist, führte der Weg die beiden ins Liechtenstein. Dort wurde Christina Gartmann als Stellvertreterin jeweils für ein Jahr angestellt und lernte so verschiedene Gemeinden kennen. Als ihre Tochter in den Kindergarten kam, und sie ein Haus suchten, wurden sie in Grabs fündig und zügelten in die Schweiz zurück.

Aufwendiger Zetteli-Krieg

Als sie in der Ausleihe der Bibliothek begann, war der Zetteli-Krieg eindrücklich und umständlich. Sie schmunzelt, wenn sie sich diese Arbeit in Erinnerung ruft. Damals wurden die Katalogdaten noch mit einer halbautomatischen Schreibmaschine erfasst. Christina Gartmann besuchte einen Einführungskurs und erlernte das Kärtchensystem. Jedes Buch hat einen Titel, einen Autor, einen Inhalt, ein Thema. Jedes Suchkriterium erforderte ein eigenes Kärtchen. Im Klartext bedeutete das, je mehr Suchkriterien ein Buch hat, desto mehr Kärtchen mussten erstellt werden. Das war eine riesige zeitaufwendige Fleissarbeit. «Wenn ich vergleiche und daran denke, dass wir heute praktisch auf Knopfdruck alle Daten abrufen können», sagt sie ungläubig, lacht schallend und schüttelt den Kopf.

Bücher spielen in Christina Gartmanns Leben eine wichtige Rolle.

Bücher spielen in Christina Gartmanns Leben eine wichtige Rolle.

Bild: Lisa Jenny

In jener Zeit stiegen die Anforderungen an die Tätigkeit der Bibliothekarinnen. Während eines halben Jahres besuchte Christina Gartmann einmal wöchentlich den Kurs der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der öffentlichen Bibliotheken (SAB) in Chur, den sie mit einer Prüfung abschloss.

Neue Herausforderung

Als Elsbeth Vetsch zurücktrat, wurde eine neue Bibliotheksleiterin gesucht. Christina Gartmann liebt neue Herausforderungen. Diese Arbeit hat sie gereizt und die Vorstellung, mehr Verantwortung zu übernehmen, hat ihr gefallen. «Ich liebe den Kontakt mit Menschen und die Teamarbeit.» Für ihre neue Aufgabe besuchte sie den Leiterkurs. Als Leiterin war sie dem Vorstand unterstellt. Neu waren für sie die Vereinsarbeit und die Arbeit in der Kommission. Zudem musste sie an gewissen kantonalen Veranstaltungen teilnehmen. Es habe etwas gedauert, bis sie den Überblick über alles Neue hatte. Genau und zuverlässig zu planen und zu organisieren, war sie sich glücklicherweise aus ihrem Erstberuf schon gewohnt. Der Wechsel von der Mitarbeiterin zur Leiterin bezeichnet sie als grossen Schritt.

Digitalisierung und Supergau

«Ich war ambitioniert und spürte manchmal einen gewissen Widerstand gegen geplante Veränderungen im Sinne, wieso soll man etwas ändern, das wir bis jetzt immer so gemacht haben», sagt sie mit einem Schmunzeln. Dabei erweckt sie den Eindruck einer weltoffenen, fröhlichen Frau, die so leicht nichts aus der Ruhe bringt. 2001 wurde die Digitalisierung der Bibliothek eingeführt. Der Aufwand brachte einen grossen Wandel mit sich, viele Erleichterungen auf der einen und neue Herausforderungen auf der anderen Seite.

Ein Supergau war, wenn das System abstürzte. Dann mussten Zettel organisiert und alles von Hand aufgeschrieben werden. Einmal mussten sie sogar über eine Radiomeldung bekanntgeben, dass die Bibliothek nur eingeschränkt benützt werden könne. Seit fünf Jahren wird nun auf einem externen Server gearbeitet mit der Möglichkeit einer Notausleihe, das sei sicherer, aber es könne halt immer etwas passieren, meint sie.

Lesen heute

Auf das Leseverhalten der Kinder und Jugendlichen angesprochen, sagt Christina Gartmann, dass es sich ihrer Ansicht nach verändert habe. Die Eltern und die Schule spielten eine wichtige Rolle darin, die Kinder zum Lesen zu animieren. Lesen und das Gelesene zu verstehen, sei wichtig, um die Sprache zu erlernen, denn ohne Lesen geht nichts, ist sie überzeugt. Glücklicherweise besuchen zehn Schulklassen (Stand 2019) die Bibliothek regelmässig.

Christina Gartmanns Abschiedsbild aus der Bibliothek, nun geniesst sie ihre Pension.

Christina Gartmanns Abschiedsbild aus der Bibliothek, nun geniesst sie ihre Pension.

Bild: Lisa Jenny

Die Bibliothek arbeitet eng mit der Mütter- und Väterberatung Werdenberg zusammen und schenkt den frischgebackenen Eltern ein Buchstart-Paket. Der Buchstart setzt sich dafür ein, dass alle Kinder in der Schweiz vom ersten Lebensjahr an in ihrer Sprachentwicklung so gefördert werden, dass sie den Zugang zur Welt der Bücher und des Wissens finden. Das Paket enthält einen Gutschein für ein Kinderjahresabo der Bibliothek.

Neue Lebensphase

In Grabs gefällt es Christina Gartmann gut. «Wir wohnen in einem Aussenquartier, aber das bin ich aus meiner Kindheit gewohnt. Im Quartier gab es viele Kinder, und wir konnten sie machen lassen.» Nun sind die Kinder längst erwachsen und ausgeflogen. Ende 2019 wurde Christina Gartmann ordentlich pensioniert. Das Ausscheiden aus dem Bibliotheksdienst mit Erreichen des Pensionsalters findet sie richtig. Platz zu machen schafft Raum für neue Ideen und Veränderungen. Jetzt müsse sie erst noch in der neuen Lebensphase ankommen. Sie habe Ideen, jedoch noch keine Pläne. Es sei eine Kunst, sich in der Beziehung zu koordinieren, wenn beide pensioniert sind, ist sie sich bewusst.

Eine Weltreise würden ihr Mann und sie jedoch nicht machen. Es sei schön, mal nichts zu tun, Zeit zu haben. «Ich habe mir vorgenommen, offen zu sein für das, was kommt, und mich nicht in irgendetwas hineinzustürzen», sagt sie.