Ruhe ist die beste Fütterung für Wildtiere

Im Fürstentum Liechtenstein hat die Jägerschaft vergangene Woche die Notfütterung für Wildtiere eingeleitet. Im Kanton St. Gallen gibt es grundsätzlich keine Notfütterung. Dennoch wird eine solche immer wieder auch hier gefordert.

Katharina Rutz
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Wildtiere sind an den Nahrungsengpass im Winter von Natur aus gut angepasst. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

Wildtiere sind an den Nahrungsengpass im Winter von Natur aus gut angepasst. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

Der viele Schnee führt den aufmerksamen Beobachter zwangsläufig zur Frage: Finden Wildtiere überhaupt noch genügend Futter? Dominik Thiel, Leiter des Amtes für Natur, Jagd und Fischerei (Anjf) des Kantons St. Gallen sagt ganz klar Ja. «Das Wichtigste ist Ruhe!», wird er nicht müde zu betonen.

Die Notfütterung hat das Anjf komplett eingestellt. So verfolgt der Kanton St. Gallen das Motto: «Ruhe ist besser als jede Fütterung». Dies gilt übrigens laut Konzept Notmassnahmen Rothirsch Kanton St. Gallen auch in den meisten anderen Kantonen. Das Konzept hat das Anjf letztes Jahr erstellt.

In Liechtenstein wird Wild gefüttert

Im Gegensatz dazu ist in den Liechtensteiner Medien zu lesen, dass Hirsche und Rehe seit letzter Woche mit Heu gefüttert werden. Bei diesen Wetterverhältnissen sei dies nötig, da wir in einer extrem stark vom Menschen genutzten und kultivierten Landschaft leben würden, erklärt Michael Fasel, Präsident der Liechtensteiner Jägerschaft gegenüber dem «Liechtensteiner Vaterland». Deshalb wurden die Wildzäune rund um das im Sommer vor Ort gewonnene Heu, aufgehäuft zu Tristen, entfernt.

Tatsächlich kam auch im Obertoggenburg vergangenes Wochenende die Frage auf, ob eine Notfütterung eingerichtet werden soll oder nicht. «Das Thema einer Notfütterung kommt in jedem Winter wieder auf, vor allem nach grossen Schneefällen», sagt Dominik Thiel. Der Amtsleiter hat sich die Gegebenheiten jedoch zusammen mit dem Wildhüter persönlich in Alt St. Johann angeschaut. «Die Situation für die Wildtiere hat sich inzwischen schon wieder deutlich verbessert. Der Schnee ist stellenweise an den Hängen abgerutscht, sodass sie wieder an Gras gelangen», erklärt er. «Ausserdem finden die Wildtiere in einem nahe gelegenen Wald am selben Hang ausreichend Ruhe.» Deshalb sieht Dominik Thiel keinen Handlungsbedarf.

Den Tod akzeptieren

«Der Mensch muss lernen zu akzeptieren, dass in einem strengen Winter Tiere sterben», sagt Dominik Thiel. Für die gesamte Hirschpopulation ist dies kein Nachteil. Der Hirschbestand im Kanton St. Gallen war noch nie so gross. Im Konzept Notmassnahmen Rothirsch steht: «Je schwächer die Kondition der Tiere ist, umso mehr sterben in strengen Wintern». Diese natürliche Auslese bei Wildtieren mit eingeschränkter Kondition fördere zugleich den Gesundheitszustand eines Wildbestandes und biete anderen Wildtieren wiederum eine Nahrungsgrundlage. Langjährige Erfahrungen im In- und Ausland würden zeigen, dass es dem Wild und dem Wald ohne Fütterungen besser gehe. So verteile sich das Wild besser in seinem Lebensraum, was zu weniger Schäden, sozialem Stress und Seuchen führe, heisst es im Konzept.

Wildtiere sind ausserdem an den Nahrungsengpass im Winter mit verschiedenen Strategien gut angepasst. Sie schränken ihren Bewegungsraum im Winter massiv ein. Stoffwechsel, Körpertemperatur, Puls und Verdauung werden reduziert. «So sinkt der Energie- und Nahrungsbedarf der Hirsche um ein Vielfaches, sofern übermässige Störungen ausbleiben und die Tiere ihren Energiesparmodus umsetzen können», schreibt das Anjf im Konzept.

Tiere werden auch in der Nacht gestört

«Für die Wildtiere ist zurzeit absolute Ruhe überlebenswichtig», sagt auch der Werdenberger Wildhüter, Silvan Eugster. Er appelliert an die Bevölkerung, sich genau zu überlegen, wo und wie man seine Touren jetzt plant. Sehr schlecht sei es beispielsweise, auch noch nachts auf Ski- oder Schneeschuhtouren zu gehen, wie das am Studnerberg in Grabs der Fall sei. «Skifahren oder Schneeschuhlaufen in der Nacht ist Gift für Wildtiere», sagt Eugster.

Bei Störungen würden die Hirsche nicht mehr in die offenen Flächen auf Futtersuche gehen und sich im Wald konzentrieren, was zwangsläufig zu vermehrten Fressschäden an den Bäumen führt. Dies haben auch die Resultate der besenderten Hirsche aus dem Forschungsprojekt Rothirsch in der Ostschweiz belegt.