Psychiatrie-Fachärzte aus der Region sagen: «Die grosse Mehrheit kann die Krise gut bewältigen»

Die Pandemie zeigt nicht nur wirtschaftliche und soziale Folgen, sondern auch seelische.

Reinhold Meier
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40 Prozent der Jüngeren sind beunruhigt.

40 Prozent der Jüngeren sind beunruhigt.

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Das Virus stellt vieles auf den Kopf. Distanzregeln, Heimarbeit und rasche Veränderungen bringen ungewohnte Labilität. Das stresst. So der Tenor einer aktuellen Studie der Uni Basel. Danach fühlt sich die Hälfte im Lande durch Corona unter Druck. Man könne nicht mehr unbeschwert Kontakte pflegen, erlebe rasche Veränderungen am Arbeitsplatz, müsse Isolation aushalten oder Zusatzbelastungen in der Kinderbetreuung stemmen, heisst es. Typische Reaktionen seien Gereiztheit, Schlafprobleme und Antriebslosigkeit bis hin zur Depression. Rund ein Viertel der Befragten fühle sich in der Krise jedoch weniger gestresst, weil etwa Termindruck, Prüfungen oder Sitzungen wegfielen.

40 Prozent der Jüngeren sind beunruhigt

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag deutscher Medien bestätigt diesen Eindruck. Danach fühlen sich 57 Prozent der Frauen und 42 Prozent der Männer gestresst. Der markante Unterschied liege in der häufigen Doppelbelastung von Frauen durch Beruf und Kinderbetreuung. Die Strapaze beschränkter Sozialkontakte wird gravierender erlebt, als die Angst vor einer Infektion. Dabei reagierten Menschen über 60 Jahre entspannter als Jüngere. Nur 27 Prozent von ihnen fühlen sich beunruhigt, gegenüber 40 Prozent bei den Jüngeren. Zugleich liessen sich Entschleunigung, Erstarken der Solidarität und ein Rückgang populistischer Stimmungen als positive Tendenzen wahrnehmen.

«Zeitfenster der Entspannung schaffen»

Dr. Jutta Reiter plädiert denn auch dafür, die Krise nicht zur Panikmache zu gebrauchen, sondern sie in allen Facetten nüchtern wahrzunehmen. Die Leitende Ärztin am Psychiatrie-Zentrum Werdenberg-Sarganserland erklärt:

«Wir sehen ihre Auswirkungen, aber sie überrollt uns nicht.»

Bei drei von 24 Erstgesprächen sei Corona jüngst ein Thema gewesen, jedoch im psychosozialen Bereich, also wegen Arbeitslosigkeit oder Beziehungskonflikten.

Die Angst vor dem Virus selbst ebbe eher ab, weil man inzwischen mehr darüber wisse. Gleichwohl bleibe das Bild widersprüchlich.

«Manche haben in der Krise mehr Arbeit, manche weniger oder gar keine, manche sind isoliert, andere sind mit ihrer Familie überlastet.»

Dazu kämen Unsicherheiten wie fehlende Tagesstrukturen und Zukunftsängste.

Umso wichtiger sei es, sich selbst einen sicheren Rahmen zu geben. «Nur in begrenzten Zeitfenstern Medien konsumieren sowie Angst und Aggression ausdrücken, aber nicht ausleben», empfiehlt Reiter. Sie denkt an Sport und Bewegung, Entspannung und Geduld üben, Kontaktpflege, auch digital und allenfalls ungeniert Hilfe holen bei Fachpersonen. «Vor allem Menschen, die schon zuvor schwierige Situationen in Familie oder Arbeit hatten oder Suchtmittel konsumierten, sind anfälliger für Zuspitzungen», hält sie fest.

«Das Problem ernstnehmen»

Dr. Thomas Meier, ehemaliger Chefarzt der St.Galler Psychiatrie-Dienste Süd erklärt, dass vor allem jene gut mit der Ausnahmesituation zurechtkommen, die in funktionierende soziale Systeme integriert und kommunikativ sind. Verunsichernd wirkten Verschwörungstheorien, für die eher ängstliche, einsame und unsichere Menschen empfänglich seien.

«Wichtig sind daher klare, verlässliche, einfache Informationen, wobei das Eingestehen von Noch-nicht-Wissen besser ist als unbegründete Behauptungen.»

Ältere Personen, namentlich Heimbewohner, berichteten, dass sie die Isolierung durch Besuchsverbote als einschneidend und schmerzhaft erlebt hätten. Angst vor dem Virus selbst äusserten sie hingegen kaum. Während sie sich gut an die vom Bund auferlegten Massnahmen halten würden, scheinen viele Jugendliche und junge Erwachsene das Problem nicht wirklich ernstzunehmen und beklagten sich über «überrissene» Auflagen.

«Angst in Achtsamkeit verwandeln»

«Die grosse Mehrheit, sicher über 90 Prozent, kann die Krise gut bewältigen», betont auch Dr. Joachim Leupold, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Bad Ragaz. Er sehe durchaus auch Menschen, die in der Krise einmal aufatmen könnten. «Während des Lockdowns gab es plötzlich freie Zeit und weniger Druck, für manche eine Anti-Burn-out-Massnahme.» Gleichwohl dürfe man mögliche Gefahren nicht unterschätzen. «Bei ängstlichen Menschen kann das ‹Ungreifbare› der Pandemie Ängste verstärken, bei ohnehin schon Einsamen kann die Isolation zunehmen, bei problematischem Alkoholkonsum kann die Suchtgefahr steigen.»

Sorge bereiten ihm die psychosozialen Folgen wie Arbeitslosigkeit oder Beziehungskonflikte wegen der drohenden wirtschaftlichen Folgen. «Umso wichtiger ist es, nicht in ein Gefühl der Ohnmacht zu fallen, sondern wahrzunehmen, was man selbst steuern kann.» Dazu gehöre eine bewusste, achtsame Hygiene, aber auch die Pflege von Kontakten. «Angst in sorgsames Bewusstsein verwandeln», empfiehlt er. Oder augenzwinkernd formuliert «Ball flach halten, weiteratmen und Hände waschen». So liesse sich an das alte Sicherheitsgefühl anknüpfen. Wobei die durch das Virus beförderte Einsicht, dass man nicht alles so fest im Griff habe, wie man dachte, eine wertvolle Erfahrung sein könne.