Grabs
Platz für «Ver-rückte» in der Gesellschaft: Das Lukashaus betreut seit 175 Jahren besondere Menschen

Menschen mit herausforderndem Verhalten brauchen eine vertrauensvolle Begleitung. Insbesondere, wenn die Sprache eine zusätzliche Hürde darstellt. Im Lukashaus in Grabs wird entsprechende Care-Arbeit geleistet.

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Von der Gesellschaft als «ver-rückte» wahrgenommene Personen ziehen sich durch die Geschichte der einstigen Werdenbergischen Erziehungsanstalt, welche sich zum Lukashaus entwickelte.

Von der Gesellschaft als «ver-rückte» wahrgenommene Personen ziehen sich durch die Geschichte der einstigen Werdenbergischen Erziehungsanstalt, welche sich zum Lukashaus entwickelte.

Bild: PD

(pd) Verrückung ist eine grundlegende Verschiebung des Denkens, Fühlens und Verhaltens. Das Lukashaus in Grabs war lange Zeit eine Anstalt für jene Kinder, die als «Ver-rückte» ihren Platz ansonsten auf der Strasse hatten. Aus der früheren Werdenbergischen Erziehungsanstalt wuchs das Lukashaus. Eine Institution, die «Behinderten» Raum zur Entfaltung bietet und sich für deren Recht auf Selbstbestimmung starkmacht.

«Die Selbstbestimmung der Menschen mit besonderen Herausforderungen muss auch in der heutigen Zeit und Gesellschaft noch erkämpft werden. Sie werden durch die Gesellschaft immer noch «ver-rückt»», weiss Hubert Hürlimann, Lukashaus-Geschäftsleiter. Entsprechend wichtig sei es, dass der dafür benötigte Platz geboten wird. Im Rahmen des geplanten Ersatzbaus wird das Intensiv-Wohnen und die intensive Beschäftigung auf vier Plätze erweitert. Zusätzlich werden zwei Übergangsplätze eingerichtet.

Migrationshintergrund als neue Herausforderung

Weil die Gesellschaft im Umgang mit «Ver-rückten» oftmals überfordert ist, übernimmt das Lukashaus diese herausfordernde Aufgabe. Kommt zur «Ver-rückung» ein Migrationshintergrund hinzu, wird es doppelt anspruchsvoll. Hürlimann erklärt:

«Durch die fremde Sprache erwächst eine Art Hilflosigkeit, die im Umgang alles andere als förderlich ist.»

Es brauche viel Feingefühl, Verständnis und Fachlichkeit der Begleitpersonen. Trotzdem kann es vorkommen, dass sich die Hilflosigkeit mangels adäquater eigener Handlungskompetenz und mangels Sprachverständnis in aggressivem Verhalten gegen sich selbst und andere zeigt. «Deshalb braucht es klare Rahmenbedingungen», weiss Hubert Hürlimann. Das Lukashaus investiert nebst den baulichen Massnahmen fortlaufend in die Weiterbildung der Mitarbeitenden, damit sie mit solchen Situationen gut umgehen können:

«Die Care-Arbeit, also die Sorge-Arbeit, ist Fürsorge gegenüber sich und dem Gegenüber.»

Care-Arbeit ist ein Teil der Wirtschaft

Care-Arbeitende sind unersetzlich. Dies zeigt sich nicht nur im Lukashaus, sondern in verschiedenen Bereichen, etwa in Spitälern, Institutionen, bei der Spitex oder sogar im eigenen Haushalt. «Die Pandemie-Situation fordert zusätzlich. Dies spürten vor allem auch Eltern während der Schulschliessung. Die Care-Arbeit braucht auf allen Ebenen das Verständnis, dass wir ein Teil der Wirtschaft sind. Da reicht ein Applaus von der Terrasse nicht aus», sagt der Geschäftsleiter des Lukashauses.

Caring Ökonomie sei Sorge-Arbeit und denke auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen für die Zukunft. Denn «Ver-rückte» gibt und gab es in der Gesellschaft schon immer. Der Umgang mit ihnen und die bewusste Förderung zur Selbstbestimmung hat sich über all die Jahre verändert.