Pizol-Care-Geschäftsleiter: «Die Patienten sind im Allgemeinen anspruchsvoller geworden»

Dr.med. Urs Keller zum 20-Jahr-Jubiläum des Ärztenetzwerks Pizol Care der Region Werdenberg-Sarganserland.

Interview: Nadine Bantli
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Für dringende Fälle: Die Notfallpraxis in Sargans am Bahnhof ist die erste und einzige ihrer Art der Pizol Care AG.

Für dringende Fälle: Die Notfallpraxis in Sargans am Bahnhof ist die erste und einzige ihrer Art der Pizol Care AG. 

Bild: Nadine Bantli

Als Ärztenetzwerk setzt die Pizol Care AG, die aus insgesamt 34 Praxen mit Standorten in der gesamten Region Werdenberg-Sarganserland besteht, seit fast genau 20 Jahren das Managed-Care-Modell um. Vorbild dafür waren ursprünglich die USA mit den HMOs, sogenannte Health Maintenance Organizations mit eingeschränkter Arztwahl.

Dr.med. Urs Keller, Geschäftsleiter Pizol Care Sargans.

Dr.med. Urs Keller, Geschäftsleiter Pizol Care Sargans.

Ebenfalls als Managed-Care-Modell gilt das schweizerische Hausarzt-Modell, mit dem die Pizol Care AG arbeitet. Gleich wie bei der HMO verzichtet der Patient auf freie Arztwahl, sondern verpflichtet sich, im Krankheitsfall immer seinen festen Hausarzt, den «Gatekeeper», aufzusuchen. Laut dem Geschäftsführer der Pizol Care, Dr.med. Urs Keller, geht es beim Hausarztmodell vielmehr um optimale medizinische Betreuung entlang einem definierten Patientenpfad als um Kosteneinsparungen. Der Hausarzt kann, wie das bei der Pizol Care der Fall ist, in einem Ärztenetzwerk eingebunden sein und selbstständig eine Praxis führen oder auch eine Stelle in einer Gemeinschaftspraxis innehaben.

Urs Keller, wo liegen die Stärken des Managed-Care-, respektive des Hausarztmodells?

Der Patient erhält eine individuelle Betreuung durch einen selbst gewählten «Gatekeeper», der dessen ganze Krankengeschichte und idealerweise auch das familiäre und berufliche Umfeld kennt.

Und wo liegen die Schwächen?

Für den einzelnen Pizol-Care-Arzt, und das wird von der Bevölkerung häufig nicht so realisiert, ergibt sich kein finanzieller Vorteil, im Gegenteil. Die zusätzlichen Aufwendungen der Steuerung und Koordination werden nicht oder höchstens sehr schlecht vergütet – da wäre es durchaus einfacher, Geld zu verdienen, indem man einfach eine Untersuchung mit dem Patienten durchführt, statt mit ihm über die für ihn optimale Behandlung zu sprechen.

Wie sind die Patienten gegenüber dem Modell eingestellt?

Wenn man das Managed-Care-Modell mit dem schweizerischen Modell der eingeschränkten Arztwahl gleichsetzt, ist es ein Erfolgsmodell. Trotz abgelehnter Abstimmung sind aktuell schweizweit bereits gegen 70 Prozent der Bevölkerung mit diesem Modell versichert.

Haben sich die Bedürfnisse der Schweizer Patienten verändert?

Bedingt durch den medizinischen Fortschritt und Online-Informationen werden die Patienten im Allgemeinen anspruchsvoller und haben durch das stetige Älterwerden viele verschiedene, behandelbare Krankheiten.

Passt sich die Pizol Care an diese Veränderung an?

Unsere grosse Stärke liegt vor allem in der integrierten Versorgung – also die gute Zusammenarbeit mit allen Patienten, entlang der Behandlungskette der betreuenden medizinischen Leis­tungs­er­bringer: Ärzte, medizinische Praxisassistenten, Spitex und Heime oder Physiotherapeuten.

Blickt man auf die vergangenen 20 Jahre zurück: Womit hat das Ärztenetzwerk zu kämpfen?

Entsprechend der grundsätzlichen Problematik mit dem Finden von Praxisnachfolgern – nicht nur Grundversorger, sondern auch Spezialärzte wie Kinder- oder Frauenärztinnen.

Wie stabil ist denn das Team?

Grundsätzlich sind die 34 Grundversorger-Praxen, die Mitglied der Pizol Care sind, sehr stabil. Es gab in den letzten 20 Jahren mehrere Zusammenschlüsse zu Grosspraxen. Es ist normal, dass es in Grosspraxen auch zu personellen Veränderungen kommt.

Schauen wir zurück auf das Positive. Was sind die Meilensteine der letzten zwei Jahrzehnte?

Zu den wichtigsten Meilensteinen in der Geschichte der Pizol Care gehört die erstmalige Equam-Zertifizerung als schweizweit erstes Netz ausserhalb der Gründungsinstitutionen von 2003. Dann auch die Zunahme der bei den Pizol-Care-Praxen eingeschriebenen Versicherten auf aktuell über 35000 Personen. Zudem darf man sicherlich auch die Eröffnung der ersten eigenen Pizol-Care-Grosspraxis im November 2012 und dann die Eröffnung der ersten Pizol-Care-Notfallpraxis im Dezember 2018 am Bahnhof in Sargans dazu zählen.

Die Notfallpraxis in Sargans hebt sich von den anderen Grosspraxen ab. Was sind deren Ziele?

Für Patienten da zu sein, die nicht innert der von ihnen als notwendig erachteten Zeit bei der eigenen Hausärztin oder dem eigenen Hausarzt einen Termin erhalten, natürlich speziell für die 35000 Managed-Care-versicherten Personen.

Wer nimmt die Notfallpraxis sonst noch in Anspruch?

Unfallpatienten oder solche, die eine rasche Verschlechterung des Gesundheitszustandes feststellen.

Angesichts der aktuell diskutierten Notfallgebühr von 50 Franken: Setzen die Patienten die Grenze zu einem Notfall falsch?

Die Grenze bestimmt nach gängiger Meinung und Rechtsprechung der Patient selbst. Gegenfrage: Setzt ein Arbeitnehmer, von dem schnellstmöglich ein ärztliches Zeugnis verlangt wird und der deshalb noch am Tag des erstmaligen Krankseins eine Konsultation benötigt, weil er um seinen Ar­beits­platz fürchtet, die Grenze zu tief? Und setzt sie andernfalls eine Person, die schon seit mehreren Tagen krank ist und nach einer Verschlimmerung des Zustandes einen sofortigen Arzttermin fordert, zu hoch?

Schwierig. Wie gross ist denn die Nachfrage nach der Notfallpraxis?

Durch die zunehmende Bekanntheit steigert sich auch die Nachfrage stetig.

Eine steigende Nachfrage hängt mit dem Angebot zusammen. Wie sieht es mit den Verfügbarkeiten der Ärzte aus?

Das ist von Murg bis Bad Ragaz und Sennwald nicht überall gleich – sicher ist aber, dass die medizinische Betreuung durch die Praxen an den lokalen Standorten sichergestellt wird, entweder durch eigene Präsenz oder Stellvertretungen und den gut organisierten regionalen Notfalldienst des Ärztevereins Werdenberg/Sarganserland.

Sind die Werdenberger und Sarganserländer kränker als der Rest der Schweiz?

Wir haben immer noch eine Übersterblichkeit an Herz-Kreislauf-Krankheiten, ansonsten gibt es gegenüber der restlichen Schweizer Bevölkerung aber keine relevanten Abweichungen zu verzeichnen.

Wie könnte man den Gesundheitszustand in der Region optimieren?

Mit Patient Empowerment.

Das heisst?

Ein informierter Patient, der mitentscheiden kann, welche medizinische Massnahme für ihn gut ist. Das bedeutet aber, dass er sich das Wissen dazu aneignen muss. Aus diesem Grund investiert die Pizol Care viel Geld in die Schulung unserer Versicherten mit Programmen zu Diabetes, Herz- und Lungenkrankheiten sowie psychischem Gesundsein, was in den halbjährlich erscheinenden Booklets ausgeschrieben und in den Zeitungsinseraten angezeigt wird.

Welchem grossen Problem sieht das Gesundheitswesen in Zukunft ins Auge?

Wir werden alle immer älter, nicht zuletzt bedingt durch die Medizin, die dadurch immer teurer wird. Das bedeutet auch zunehmende Betreuungsaufgaben im integrierten Bereich, wofür wiederum Personal und Finanzen benötigt werden.

Weshalb ist das Älterwerden so problematisch? Eigentlich ist das doch ein schöner Gedanke.

Eine höhere Lebenserwartung führt zu mehr Krankheiten, teilweise auch teure, für die der Patient während einer längeren Zeitdauer bezahlt. Andererseits gibt es aber auch immer mehr Möglichkeiten, diese Krankheiten zu behandeln und würdevoll, wenn auch nicht voll gesund, alt zu werden.

Inwiefern werden sich die Bedürfnisse der Patienten sonst noch ändern?

Die Forderung nach sofortiger, maximaler medizinischer Betreuung wird wahrscheinlich zunehmen und die IT, das Internet oder Doctor Google werden die Bedürfnisse mitbestimmen.

Was ist denn das Ziel der Pizol Care für die kommenden 20 Jahre?

Wir wollen zufriedene Patienten für zufriedene Ärzte.