Wartau
Name des Monats: Palfris war einst eine Rossalp

Die bekannte Wartauer Alpterrasse heisst Palfris (nicht Palfries). Der nordwestliche Teil der Alp, Hinderpalfris, war jahrhundertelang durch Walser dauernd besiedelt.

Hans Stricker
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Blick vom Chriegguet auf den Chamm, die Chammegg und die mächtige Gauschla; westlich vom Chamm ist der vordere Teil der Palfriser Alpterrasse zu sehen.

Blick vom Chriegguet auf den Chamm, die Chammegg und die mächtige Gauschla; westlich vom Chamm ist der vordere Teil der Palfriser Alpterrasse zu sehen.

Bild: Hans Jakob Reich

Wartau Das weitläufige Alpgebiet hinter dem Chamm, südlich von Gauschla und Alvier, ist weit herum bekannt – eine langgezogene gewellte Terrasse, zum Seeztal abfallend und in steilen, trichterartigen Tobeln dorthin entwässernd. Sie wird auch von dort her mit einer Seilbahn erschlossen, während das Alpsträsschen von Oberschan her und über Elabria die Alp erreicht.

Diese wird eingeteilt in Vorder- und Hinderpalfris sowie Alpili; sie umfasst die Einzelsennereien Ober und Under Steinersess, Tschuggnersess, Chammboden, Rütiguet, Waldguet, Hirtenhütte (Alpenrösli), Vorderpalfris, Geissegg, Müllerighütte (Althus), Forggili, Stralrüfi und Alpili.

Einst sassen hier Walser Kolonisten

Der nordwestliche Teil der Alp, Hinderpalfris, war jahrhundertelang durch Walser dauernd besiedelt; deren Anwesenheit in Wartau ist erstmals bezeugt im Sarganser Urbar von 1398 (für Matug); Palfris erscheint 1414 urkundlich als Walsersiedlung. Noch heute steht auf Hinderpalfris das um 1409 errichtete Rathaus der gefreiten Walser. Diese haben später ihre hochgelegenen Wohnstätten wieder verlassen und sind nach und nach in der vormals romanischen Talbevölkerung aufgegangen.

In der älteren Wartauer Mundart wurde ein Mensch von rohen Manieren, ein Grobian, als «Pilfriiser» bezeichnet. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die Meinung der alteingesessenen Wartauer über die zugewanderten Kolonisten.

Die Aussprache und die leidige Schreibung

«Palfris» trägt die Betonung auf der zweiten Silbe. Der Wartauer sagt «Pilfriis», der Grabser «Palfriis», früher «Impelfriis». Die seit dem 19. Jahrhundert aufgekommene Schreibung «Palfries» erscheint in den urkundlichen Belegen zwischen 1400 und 1800 kein einziges Mal. Sie ist historisch unrichtig und führte dazu, dass mittlerweile der Name immer häufiger auch falsch ausgesprochen wird, nämlich mit dem Zwielaut «i-e» (wie etwa mundartlich «Chriesi»). Dabei sollte diese (dem Hochdeutschen abgeschaute) Schreibart ursprünglich ja bloss die Längung des -i- von «Pilfriis» ausdrücken (wie etwa bei hochdeutsch «Biene»).

Wenn wir nach dem Ursprung eines Namens fragen, sind wir uns gewohnt, zunächst die urkundlichen Schreibungen zu Rate zu ziehen. Dies bringt uns hier allerdings nicht weiter, denn die verfügbaren Belege bewegen sich alle im Bereich «Palfris, Balfris, Balfryss», entsprechen also lautlich der heutigen Form; 1750 erscheint auch ein naiv verhochdeutschtes «Balfreiss»; 1646 kommt erstmals auch ein «Jmpellfryss» dazu.

Nachdem man sich schon im 19.Jahrhundert zu unserem Namen erfolglos den Kopf zerbrochen hatte, kam der uns bereits bekannte Seveler Dorfarzt und Namenforscher Heinrich Gabathuler auf den guten Gedanken, eine Verbindung des Namens mit spätlateinisch «paraveredus» ‘Beipferd, Nebenpferd, Postpferd’ herzustellen. Die Idee hat viel für sich.

Fachbegriff des mittelalterlichen Transportwesens

Die Existenz von «paraveredus» ist im mittelalterlichen Latein nachgewiesen. Es muss als Fachbegriff des Transportwesens sehr bekannt gewesen sein, wurde es doch sogar ins Deutsche übernommen: In der Frühzeit der deutschen Sprache, in althochdeutscher Zeit, kam nämlich neben den alten Bezeichnungen «Gaul, Mähre, Ross» neu auch «parafred, pherfrid» (9. Jahrhundert) auf. Dieses wurde zu mittelhochdeutsch «pherit» (13. Jahrhundert) und schliesslich zu unserem hochdeutschen Wort «Pferd».

Man muss nun annehmen, dass der lateinische Ausdruck auch ins Rätoromanische eingegangen sei, denn er tritt in mittelalterlichen Dokumenten auch in unserem Raum recht häufig auf. Er wird auf altromanisch *parvrei(s) gelautet haben (dazu passen die Flurnamen «Palfrei» in Malix und «Balfrai» in Sent).

Mit dem Sprachwechsel entstand die Alp Palfris

Unsere Wartauer Alp wurde also auf romanisch als Pferdealp («alp parvreis») bezeichnet. Mit dem Sprachwechsel wurde aus «alp parvreis» deutsch «Alp Palfris». Dabei ging vergessen, dass «parvreis» allein eigentlich bloss ‘Pferde’ hiess – denn dieses «parvreis» (> Parvris > Palfris) wurde nun zum eigentlichen Namen der Alp.

Übrigens: Dass die Alp Palfris tatsächlich (auch) Pferdealp war, lässt sich nachlesen: In einem Rechtsspruch des Sarganser Landvogts zwischen Wartau und Berschis von 1772 (vgl. Werdenberger Jahrbuch 2011, S. 60) wird festgehalten, dass Palfris westwärts bis Stralegg und Alpilichopf reichen solle, «soweit dort das Vieh und die Pferde weiden könnten».

Hinweis
Zur Namenforschung im Werdenberg beachte man allgemein www.werdenberger-namenbuch.ch sowie die erhältliche gedruckte Ausgabe des Namenbuches. – Zum Liechtensteiner Namenbuch (ebenfalls von Hans Stricker) siehe www.namenbuch.li.

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