Kreisgericht Werdenberg-Sarganesrland
Ominöse Behandlung einer Hochschwangeren bringt dem Arzt ein Berufsverbot

Das Kreisgericht in Mels verurteilt einen Arzt wegen Schändung. Er war gegenüber einer Ärztin übergriffig geworden. Seine verhängnisvolle «Damm-Massage» mündet ins Verbot seiner ärztlichen Tätigkeit.

Reinhold Meier
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Nach dem Ultraschall massierte der Arzt die schwangere Frau. Dabei kam es zum Übergriff.

Nach dem Ultraschall massierte der Arzt die schwangere Frau. Dabei kam es zum Übergriff.

Bild: Marco Santi Amantini, Fotolia

Mels Die Anklage hatte dem Mediziner zur Last gelegt, eine Patientin bei der Geburtsvorbereitung zu einer sexuellen Handlung missbraucht zu haben, als die Frau widerstandsunfähig gewesen sei. Er habe ihr zunächst das Einölen des Bauches angeboten und dann die Rede auf eine Damm-Massage gebracht. Damit solle einem Dammriss vorgebeugt werden, hiess es, einer häufigen Komplikation während der Geburt.

Wehrlose Schwangere konnte sich nicht wehren

Obschon diese Behandlung nicht zur normalen Geburtsvorbereitung gehöre, habe die Frau eingewilligt. Sie habe sich gut aufgehoben gefühlt, habe ihm vertraut, so die Anklage. Dies wohl auch, weil sich beide in ihrer Haltung zur Anthroposophie nahestanden, einer esoterisch orientierten Weltanschauung, mit einer gewissen Nähe zu alternativmedizinischen Anwendungen. Eine Woche später folgte der neue Termin. Vormittags führte der Arzt einen Ultraschall durch und schlug vor, die Damm-Massage auf den Nachmittag zu verschieben. Man ging mittagessen und begab sich später in die zu diesem Zeitpunkt geschlossene Praxis. Hier nahm der Arzt erst eine Ganzkörpermassage vor, zu der die Frau sich vollständig ausziehen musste.

Dann ging er zur Damm-Massage über und begann dabei, mehrfach auch ihr Genital zu massieren. Die Frau, völlig überrumpelt, hochschwanger und in Seitenlage, konnte sich nicht wehren. Erst fünf Jahre nach dem Vorfall zeigte sie den Fall an. Die Anklage forderte für den bisher unbescholtenen Mann eine Freiheitsstrafe von elf Monaten, bedingt auf zwei Jahre sowie ein Berufsverbot von fünf Jahren.

«Die Geburt gab mir recht», so der Angeklagte

Sein Verteidiger plädierte auf Freispruch. Der Mann habe mit hohem ärztlichem Ethos getan, was er konnte. Damm-Massagen seien von Hebammen empfohlen, er habe sie nicht mal verrechnet. Die Frau sei zudem weitere Jahre vertrauensvoll zu ihm in Behandlung gekommen.

Weil sie selbst Ärztin sei, habe es kein Gefälle zwischen den beiden gegeben, beide verfügten über das nötige Fachwissen. Wer nach über fünf Jahren Anzeige erstatte, fülle seine natürlichen Erinnerungslücken mit subjektiven Ansichten. Das sei hier der Fall. Hinterlist liege keine vor.

Der Beschuldigte zeigte sich an Schranken bedacht, aber etwas nervös. Der Ablauf entspreche den Tatsachen, sagte er, allein der sexuelle Übergriff sei erfunden. Nein, Damm-Massagen biete er nicht durchgehend an, nur ausgewählten Patientinnen. In diesem Fall mit Erfolg, die Geburt sei ja ohne Dammriss erfolgt. «Das gibt mir recht, ich werde trotzdem kriminalisiert.» Er wünsche Freispruch, weil er schuldlos sei.

Weiterzug ans Kantonsgericht möglich

Die Anwältin der Frau forderte einen Schuldspruch und eine Genugtuung von 5000 Franken. Der Arzt habe Grundregeln verletzt, so sei etwa das vollständige Entkleiden einer Patientin nach Standesregeln nicht statthaft. Die Frau habe detailliert ausgesagt und auch offen eingestanden, dass sie selbst in die Behandlung eingewilligt habe. Ihr gehe es nicht um Rache, sie wolle nur eine Wiederholung verhindern.

Das Gericht gelangte zur Überzeugung, dass die Aussagen der Frau schlüssig, stimmig und glaubwürdig sind. Hingegen hinterliessen die Umstände der Massagen einen eher unbestimmten Eindruck, von der geschlossenen Praxis bis zur fehlenden Notwendigkeit. Es sei auch nicht klar geworden, nach welchen Kriterien der Arzt fallweise solche Behandlungen anbiete und das auch noch gratis.

Es resultierte ein Schuldspruch. Das Gericht folgte vollumfänglich den Anträgen der Anklage und sprach dem Opfer auch die beantragte Genugtuung zu. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, ein Weiterzug ans Kantonsgericht vorstellbar.