O(je) du fröhliche Adventszeit

Je tiefer die Erwartungen gehalten werden, desto seliger können Weihnachtszeit und -fest ausfallen.

Jessica Nigg
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Einfach mal durchatmen und Pause machen, ob Zuhause oder beim Bummeln auf einem Adventsmarkt.

Einfach mal durchatmen und Pause machen, ob Zuhause oder beim Bummeln auf einem Adventsmarkt.

Donato Caspari

In Liedern wird die Adventszeit als fröhlich, selig, gar gnadenbringend beschrieben. In dieser Zeit geht es darum, sich zu entschleunigen und zu besinnen. Das ist leichter gesagt beziehungsweise gesungen, als getan: Der Arbeitgeber will mehr Leistung denn je sehen, nach Feierabend und am Wochenende müssen passende Geschenke für die Lieben besorgt und, wenn es geht, Guetsli gebacken werden. Gleichzeitig sollen der Familiengeist hochgehalten sowie Freundschaften gepflegt werden. Darüber hinaus dürfen Alltagspflichten genauso wenig untergehen wie die Rechnungen, die sich Ende Jahr auf ihrem Stapel in so manchem Haushalt besonders hoch türmen.

Statt sich in der Vorweihnachtszeit zu besinnen und zur Ruhe kommen zu dürfen, nimmt der Druck bei vielen Menschen immer mehr zu. So manch einer droht daran zu zerbrechen.

Depressionen, Angst und Flucht in die Sucht

Wie Stefan Griengl, Oberarzt und Bereichsleiter Tagesklinik im Psychiatrie-Zentrum Werdenberg-Sarganserland in Trübbach, bestätigt, kommt es entgegen dem ursprünglichen Sinn in der Weihnachtszeit vermehrt zu Stressbelastungen, und bestehende Schwierigkeiten verschlechtern sich bei vielen Patienten. «Suchtprobleme, Stimmungsschwankungen und Depressionen sowie Angstzustände stehen im Fokus», erklärt Griengl.

«Weihnachten ist ein wichtiges Fest der Beziehungen. Das Fehlen von Familie und Freunden wird einem in dieser Zeit bewusster.»

Dies führe zu einem Gefühl der Einsamkeit, das vielleicht während des Rests des Jahres weniger deutlich wahrgenommen werde.

Aber auch die Menschen, denen Beziehungen nicht fehlen, sind nicht unbedingt seliger in der Weihnachtszeit, die auch eine Zeit der Beziehungskonflikte und Familienstreitigkeiten ist. Bei vielen Menschen staut sich durch den Stress der Vorweihnachtszeit oder durch den Umgang mit Verwandten und Freunden während des Jahres einiges auf. Plötzlich sitzt man zusammen und soll Zeit in harmonischer Einhelligkeit verbringen. Das ist nicht immer ganz einfach. Konflikte im Familien- und Freundeskreis sind während der Feiertage folglich keine Seltenheit.

Wie schaffe ich es also, die anstehende Zeit friedlich und in Würde zu bestehen, vielleicht sogar zu geniessen? Stefan Griengl rät, die Erwartungen auf ein realistisches Mass anzupassen. «Unsere Vorstellungen knüpfen an eine ‹heile Welt›. Sie fangen bei weissen Weihnachten an, erstrecken sich über Harmonie mit dem Mitmenschen, tolle Geschenke und gutes Essen bis hin zu den leuchtenden Kinderaugen.» Der Oberarzt weiss: «Diese Erwartungen werden nicht alle erfüllt. Das Ergebnis ist, dass man überreizt und frustriert ist.» Was als «schlechte Laune» an die Oberfläche treten kann, verbirgt vielleicht Angst, Gefühle der Unzulässigkeit, Frustration, Zorn oder die Lust, die Realität mit Hilfe von Alkohol oder Drogen auszublenden.

Sich Zeit nehmen und Probleme ansprechen

Neben den angesprochenen realistischen Erwartungen helfen auch Zeitpuffer, die Adventszeit stressreduziert zu absolvieren: «So müssen beispielsweise ja nicht sämtliche Verwandten und Freunde während der Festtage besucht werden», gibt Stefan Griengl zu bedenken. Wer nicht nur Zeit-, sondern auch Beziehungsmanagement betreibt, spricht Dinge, die einen an anderen stören, an. Und das nicht nur jetzt im Advent, sondern am besten schon dann, wenn sie zu nerven beginnen.

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