Migration
Mit wenig Gepäck, Smartphone und Zugticket unterwegs: Buchs ist nur Zwischenstation für afghanische Flüchtlinge

Auf der Suche nach Schutz und besseren wirtschaftlichen Verhältnissen reisen viele afghanische Flüchtlinge via Buchs. Seit Anfang Jahr wurden rund 700 Migranten im Provisorischen Bearbeitungszentrum Buchs befragt.

Corinne Hanselmann
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Mitarbeitende der Grenzwache kontrollieren um 7 Uhr den Nachtzug aus Wien. Illegale Migranten müssen aussteigen.

Mitarbeitende der Grenzwache kontrollieren um 7 Uhr den Nachtzug aus Wien. Illegale Migranten müssen aussteigen.

Bild: Corinne Hanselmann

Es ist Mittwochmorgen, kurz vor 7 Uhr. Auf Gleis 4 fährt der Nachtzug aus Wien in den Grenzbahnhof Buchs ein. Mehrere Mitarbeitende des Bundesamtes für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) steigen in den Zug und kontrollieren die Dokumente der Reisenden. Wer keinen Ausweis hat und illegal eingereist ist, muss aussteigen.

Rund 30 illegale Migranten sind es an diesem Morgen. Seit vergangenem Sommer greifen die Kantonspolizei St.Gallen und die Grenzwache am Grenzbahnhof Buchs fast jeden Morgen illegale Migranten auf. Durchschnittlich 30 am Tag – insgesamt über 5000, wobei die Migrantinnen an zwei Händen abgezählt werden können. Der deutlich überwiegende Grossteil ist männlich, jung – die Hälfte minderjährig – und stammt aus Afghanistan.

Praktisch jeden Tag werden an der Ostgrenze Migranten aufgegriffen – im Durchschnitt rund 30 pro Tag.

Praktisch jeden Tag werden an der Ostgrenze Migranten aufgegriffen – im Durchschnitt rund 30 pro Tag.

Bild: Corinne Hanselmann

Neues Bearbeitungszentrum beschleunigt die Abwicklung

Um die nötigen Abklärungen innert eines Tages abwickeln zu können, entschied der Kanton St.Gallen im vergangenen Herbst, in Buchs ein Provisorisches Bearbeitungszentrum (POB) einzurichten. Darin sind sämtliche involvierte Organisationen untergebracht: Kantonspolizei, Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit, Migrationsamt St.Gallen, Hilfswerk HEKS, Schweizerisches Rotes Kreuz sowie eine private Sicherheitsfirma.

Das POB ist im ehemaligen Verwaltungsgebäude des Chemieunternehmens im Ochsensand untergebracht. Nach Umbauarbeiten konnte der Betrieb am 3. Januar starten. Seither wurden bereits rund 700 illegale Migranten im POB Buchs befragt.

Seit dem 3. Januar ist das Provisorische Bearbeitungszentrum im Ochsensand in Buchs in Betrieb.

Seit dem 3. Januar ist das Provisorische Bearbeitungszentrum im Ochsensand in Buchs in Betrieb.

Bild: Corinne Hanselmann

Sind alle Abklärungen gemacht, werden die Migranten in Notunterkünfte nach Mels oder Wil gebracht. Dort dürften sie bleiben, bis ein Asylentscheid gefallen ist. Dies kann einige Wochen dauern. Doch der Grossteil der Afghanen reist am selben oder am nächsten Tag weiter. Ihr Ziel: Frankreich oder Grossbritannien.

In guter gesundheitlicher Verfassung

In einem Gebäude des BAZG beim Bahnhof Buchs findet eine erste Sicherheitsüberprüfung statt, erklärt Florian Schneider, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen, anlässlich eines Medienanlasses.

«Die Migranten werden aufgeteilt in Erwachsene und Minderjährige, weil Letztere besonderen Schutz geniessen.»

Schutzwürdig sind alle Flüchtlinge aus Afghanistan. Sie erhalten aufgrund der Situation in ihrem Heimatland keine Anzeige für die illegale Einreise.

Die Mehrheit der Flüchtlinge ist männlich und jung.

Die Mehrheit der Flüchtlinge ist männlich und jung.

Bild: Corinne Hanselmann

Die meisten der jungen Männer tragen Jeans oder Trainerhose, Winterjacke und Mütze oder Kapuze. Sie haben praktisch kein Gepäck dabei – der eine oder andere trägt einen kleinen Rucksack oder eine Plastiktasche. Fast alle haben ein Smartphone und etwas Geld (einige hundert Euro) bei sich. Schneider sagt:

«Was auch alle haben, ist ein Zugticket. Sie fahren nicht schwarz.»

«Die meisten Migranten befinden sich in einer guten gesundheitlichen Verfassung.» Einzig die Hautkrankheit Krätze sei etwas verbreitet.

Der Grossteil komme wohl nicht auf direktem Weg aus Afghanistan, sondern habe sich schon eine Zeit lang in Österreich aufgehalten und befinde sich dort oder in einem anderen Land in einem Asylverfahren. Trotzdem reisen die Afghanen weiter, ihr Ziel ist meist Frankreich oder Grossbritannien.

Die Situation am Bahnhof ist ruhig. Die Flüchtlinge warten geduldig, bis die ersten Abklärungen gemacht sind. Simon Bless, Gesamteinsatzleiter der Kantonspolizei St.Gallen, sagt:

«Die afghanischen Migranten sind völlig anständige Menschen.»

Bei Migranten aus anderen Ländern, etwa den nordafrikanischen Maghreb-Staaten, werde es eher mal laut.

Woher kommen Sie, wohin wollen Sie?

Nach ersten Überprüfungen werden die Migranten ins Provisorische Bearbeitungszentrum im Buchser Ochsensand gebracht. Es wurde Anfang Jahr in Betrieb genommen, um sämtliche administrative Arbeiten im Zuge des illegalen Grenzübertritts an der Ostgrenze rechtmässig, menschenwürdig und möglichst rasch zu erledigen.

Eine Mitarbeiterin des Migrationsamtes befragt via Dolmetscher einen Migranten.

Eine Mitarbeiterin des Migrationsamtes befragt via Dolmetscher einen Migranten.

Bild: Corinne Hanselmann

Dort wird kontrolliert, was die Migranten bei sich haben. Mittels Fingerabdrücken wird überprüft, ob sie im Eurodac, dem zentralen Fingerabdruck-Identifizierungssystem aller Asylbewerber, erfasst sind. Das sogenannte Dublin-Verfahren bezweckt nämlich, dass jeder Asylantrag, der auf dem Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten gestellt wird, nur durch einen Staat geprüft wird.

Je nach Resultat dieser Abklärungen findet anschliessend eine Befragung durch Mitarbeitende des Migrationsamtes und einen Dolmetscher statt. Es gehe beispielsweise um die Fragen: Woher kommen Sie, wohin wollen Sie?

Danach ist das Staatssekretariat für Migration am Zug

Bevor das POB in Betrieb genommen wurde, habe man diese eigentlich vorgeschriebenen Befragungen meist nicht durchführen können, erklärt Schneider. Bis die Befragungen am nächsten Tag organisiert waren, sind die Migranten meist schon weitergereist. Dank dem POB können nun alle Abklärungen innert eines Tages erledigt werden. Damit habe der Kanton St.Gallen seine Schuldigkeit getan – danach sei das Staatssekretariat für Migration am Zug.

«Wie lange das POB in Betrieb bleibt, können wir im Moment nicht abschätzen.»

Das sei von der Migrationswelle abhängig und werde von Woche zu Woche neu beurteilt. Die Kosten für den Betrieb des POB mit rund 45 Mitarbeitenden betragen zwischen 3 und 4 Millionen Franken pro Halbjahr.

Minderjährige haben Anrecht auf eine Vertrauensperson des Hilfswerks HEKS.

Minderjährige haben Anrecht auf eine Vertrauensperson des Hilfswerks HEKS.

Bild: Corinne Hanselmann

Man dürfe nie vergessen, dass man es bei dieser Arbeit immer mit Einzelschicksalen zu tun habe, betont Florian Schneider:

«Wir befinden uns hier mitten in der globalen Migrationslage mit Menschen, die auf der Suche nach Schutz und besseren wirtschaftlichen Verhältnissen sind.»

Video: TVO

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