Mehr Sicherheit für Kröten, Frösche und Schüler dank neuem Amphibienweiher in Plattis

Bis die Amphibien den neu erstellten Weiher als Laichgewässer annehmen, wird es einige Jahre dauern. Die Verlegung eines ganzen Laichgewässers in dieser Grösse sei im Kanton St. Gallen erstmalig, so die Gemeinde Wartau.

Corinne Hanselmann
Hören
Drucken
Teilen
Ein Grossteil der Amphibien kommt zum Laichen aus dem oberhalb liegenden Hangwald zum Tankgraben bzw. hoffentlich bald zum neu angelegten Weiher in Plattis. Noch wirkt die Umgebung kahl, dies wird sich aber in den kommenden Jahren ändern.

Ein Grossteil der Amphibien kommt zum Laichen aus dem oberhalb liegenden Hangwald zum Tankgraben bzw. hoffentlich bald zum neu angelegten Weiher in Plattis. Noch wirkt die Umgebung kahl, dies wird sich aber in den kommenden Jahren ändern.

Corinne Hanselmann

Während der vergangenen Wochen entstand beim Chäshof in Plattis ein neuer Weiher mit einer Wasserfläche von gut 2000 Quadratmetern. Das Gewässer soll den Tankgraben, welcher sich auf der anderen Strassenseite befindet, ersetzen und rund 2000 Amphibien als Laichgebiet dienen.

Weiher und Umgebung werden für Artenvielfalt bedeutend sein

Der Ersatzweiher bietet nicht nur Laichmöglichkeiten für Amphibien. Das Areal wird als artenreicher Lebensraum mit direkter Anbindung an das Waldareal eine grosse Bedeutung für die Artenvielfalt in der ganzen Region erlangen. Diese ist gemäss Simon Zeller, Leiter der kantonalen Biodiversitätsstrategie, besonders wichtig: «Die Folgen des Biodiversitätsverlusts dürften mindestens so gravierend sein wie die des Klimawandels.» Deshalb sei es wichtig, dass jetzt gehandelt wird, sagte er an der Begehung vom Mittwoch. 

Beat Tinner

Beat Tinner

PD

Seit über 30 Jahren werden in Plattis Frösche und Kröten über die Strasse getragen, wenn sie in Richtung Laichgewässer wandern. «Schon vor Jahren stellten wir fest, dass das Einsammeln der Kröten und das Queren der stark befahrenen Strasse ein Risiko darstellt, nicht nur für die Tiere, sondern insbesondere für die Kinder, welche diese Arbeit erledigen», erklärte der Wartauer Gemeindepräsident Beat Tinner am Mittwoch bei der Begehung vor Ort.

Beim neuen Weiher: Gemeindepräsident Beat Tinner (von links), Biologe Urs Weber, Simon Zeller, Leiter kantonale Biodiversitätsstrategie, Amphibienexperte Jonas Barandun, Amphibienbeauftragte Katrin Szacsvay und Susanne Haag, Naturemade-Star-Fonds vom EWZ zusammen mit Schülern, welche die Amphibien jeden Morgen einsammeln.

Beim neuen Weiher: Gemeindepräsident Beat Tinner (von links), Biologe Urs Weber, Simon Zeller, Leiter kantonale Biodiversitätsstrategie, Amphibienexperte Jonas Barandun, Amphibienbeauftragte Katrin Szacsvay und Susanne Haag, Naturemade-Star-Fonds vom EWZ zusammen mit Schülern, welche die Amphibien jeden Morgen einsammeln.

Corinne Hanselmann

Primarschüler sammeln in ihrer Freizeit die Tiere ein

5.- und 6.-Klässler aus Weite fahren jeweils morgens um 7 Uhr mit dem Velo nach Plattis, um entlang des Schutzzauns Amphibien aus den Schächten zu sammeln. Die Lehrerin und Wartauer Amphibienbeauftragte Katrin Szacsvay begleitet sie dabei. Die Schüler zählen die Tiere und bringen sie in Eimern zum Laichgebiet.

Das Einsammeln der Tiere so nah an der stark befahrenen Strasse ist risikoreich.

Das Einsammeln der Tiere so nah an der stark befahrenen Strasse ist risikoreich.

Corinne Hanselmann

Bis zur Realisierung war Hartnäckigkeit nötig

Mit dem Tiefbauamt des Kantons klärte man ab, ob ein Durchgang unter der Strasse möglich wäre. Doch der Aufwand dafür wäre erheblich gewesen. Gleichzeitig kam man in Absprache mit dem am Mittwoch ebenfalls anwesenden Amphibienexperten Dr. Jonas Barandun zum Schluss, dass die Wasserqualität im Tankgraben je länger je schlechter wird. Man verfolgte von nun an das Projekt Ersatzweiher, wodurch Schüler und Amphibien nicht mehr dem Risiko des starken Verkehrs ausgesetzt wären.

Die Erdkröte ist die dominierende Art beim Amphibienweiher in Plattis. Zwischen 1000 und 2500 Tieren wurden in den vergangenen Jahren jeweils gezählt.
4 Bilder
Auch der Bergmolch ging beim Tankgraben Plattis ein und aus. Der genaue Bestand ist unklar, vermutlich sind es mehrere hundert Tiere.
Die Färbung und Zeichnung vom Grasfrosch ist sehr vielfältig. Am Mittwoch fanden die Schüler fast ausschliesslich Grasfrösche.
Der Wasserfrosch wurde gemäss Experte Jonas Barandun in den vergangenen 20 Jahren in Plattis nicht mehr gesichtet.

Die Erdkröte ist die dominierende Art beim Amphibienweiher in Plattis. Zwischen 1000 und 2500 Tieren wurden in den vergangenen Jahren jeweils gezählt.

Hanspeter Schiess

Grundeigentümer wollten vorerst nichts wissen von Tinners «Schnapsidee»

Bei der ersten Kontaktaufnahme mit den Grundeigentümern vor neun Jahren ist die Idee jedoch auf wenig Gegenliebe gestossen. «Ich habe das Projekt wieder schubladisiert – diese Gnade muss man manchmal haben», so Tinner. Per Zufall ergab sich für die Gemeinde Wartau einige Zeit später doch die Möglichkeit, das Grundstück für den Weiher zu erwerben, wenn auch über Umwege. Das Landwirtschaftsamt hatte die Bewilligung für den Landkauf nämlich im ersten Anlauf verweigert. In der Zwischenzeit konnte die Gemeinde sogar auch noch die oberhalb liegende Waldparzelle übernehmen. In jenem Gebiet lebt wohl ein Grossteil der Amphibien, die in der Vergangenheit im Tankgraben laichten und nun hoffentlich bald den neu erstellten Weiher nutzen.

Altes und neues Laichgewässer in Plattis

Möglichst schnell eine neue Population aufbauen

Amphibienexperte Jonas Barandun betonte:

«Der neue Weiher bietet wesentlich bessere Bedingungen für Amphibien als der Tankgraben.»
Weil die Amphibien standorttreu sind, wenn es um ihr Laichgewässer geht, werden sie derzeit im neuen Weiher ein bis zwei Tage in einem Käfig eingesperrt, bis die Eiablage erfolgt ist.

Weil die Amphibien standorttreu sind, wenn es um ihr Laichgewässer geht, werden sie derzeit im neuen Weiher ein bis zwei Tage in einem Käfig eingesperrt, bis die Eiablage erfolgt ist.

«Der Weg dahin ist kürzer. Wir haben ein sauberes Gewässer, welches sich neu entwickeln kann. Zudem haben wir rundherum Bedingungen, die – sobald sie sich entwickelt haben – einen geschlossenen Lebensraum bieten für Amphibien, Libellen und auch Fische.»

Jonas Barandun

Jonas Barandun

Ralph Ribi

Dennoch kommen die Amphibien kaum von alleine in den neuen Weiher. «Die Erdkröten und Frösche gehen schon ihr Leben lang in den Tankgraben zum Laichen. Diejenigen, die wir bei der Strasse abfangen, können wir nun zwingen, die Eier im neuen Weiher abzulegen. So möchten wir hier möglichst schnell eine neue Population aufbauen.» Er rechnet damit, dass es noch etwa fünf Jahre lang nötig sein wird, die Amphibien entlang der Strasse einzusammeln.

«Es ist ein Experiment. Aber ich bin überzeugt, dass wir hier einen grösseren Amphibienbestand erhalten mit mehr Molchen.»

In drei Jahren werde es rundherum grün sein, auch dank Pflanzungen von Sträuchern und Bäumen.

Alter Tankgraben wird aufgefüllt

Der Tankgraben 1 wird bis Herbst 2021 mit dem Aushub des Weihers in Etappen aufgefüllt. Derzeit sind etwa 60 Prozent aufgefüllt.

Das gesamte Projekt kostete rund 782000 Franken. Beat Tinner betonte, dass die Realisierung ohne Unterstützung verschiedener Geldgeber nicht möglich gewesen wäre.

Etwa 60 Prozent des alten Tankgrabens sind schon aufgefüllt.

Etwa 60 Prozent des alten Tankgrabens sind schon aufgefüllt.

Mehr zum Thema