LGBT+
«Ich habe Hass und Gewalt erlebt»: Queere Menschen aus der Region fühlen sich diskriminiert – was sie von der Gesellschaft erwarten

Drei queere Menschen aus dem Süden des Kanton St.Gallen und aus Liechtenstein berichten, welchen Schwierigkeiten sie im Alltag gegenüberstehen - nämlich Hass, Intoleranz und Ablehnung in der Gesellschaft. Eine Art Heimat haben sie beim Verein Sozialwerk LGTB+ gefunden.

Armando Bianco
Merken
Drucken
Teilen
Kunterbuntes Treffen letzten Sonntag in Buchs: Queere Menschen aus der Region wünschen sich eine Anlaufstelle für ihre Anliegen.

Kunterbuntes Treffen letzten Sonntag in Buchs: Queere Menschen aus der Region wünschen sich eine Anlaufstelle für ihre Anliegen.

Bild: PD

Am letzten Sonntag erfolgte auf dem Marktplatz Buchs der Auftakt zur regionalen Kampagne für ein Ja zur «Ehe für alle». Über die Vorlage stimmt die Schweiz bekanntlich am 26. September ab. Rund 100 Menschen aus der Ostschweiz haben sich in Buchs für das politische Anliegen eingesetzt. Und dabei auch auf generelle Schwierigkeiten abseits von Politik hingewiesen, mit den sich queere Menschen in ihrem Leben auseinandersetzen müssen.

«Seit dem Outing fühle ich mich gut und gefestigt»

Von Diskriminierung und Übergriffen berichtet Cécile Weber aus Buchs. «Queere Menschen haben es im Rheintal nicht leicht, sei es im Beruf, Verein, Schule oder gar in der eigenen Familie.» Die Abneigung sei allgegenwärtig. «Es werden, wie vor einigen Wochen in Buchs, Regenbogenfahnen heruntergerissen, zerstört, ja teils sogar verbrannt. Das ist Alltag. Leider.»

Cécile Weber ist vor rund einem Jahr nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach Buchs gezogen. Wegen der Coronapandemie konnte sie keinen privaten Freundschaftskreis aufbauen.

«Meine einzigen lokalen Kontakte waren die Menschen, welche ich durch die Arbeit kennen lernte. Aus Angst, diese Kontakte zu verlieren, habe ich mit dem Outing bei der Arbeit zugewartet.»

Durch einen glücklichen Zufall sei sie auf den Verein sozialwerk.LGBT+ gestossen. «Die wöchentlichen Gespräche bei den Zusammenkünften in Chur haben mir so viel Rückhalt, Zuversicht und Mut gegeben, dass ich es vor rund einem Monat gewagt habe, mich bei der Arbeit zu outen. Nun kann ich auch bei der Arbeit ganz ich sein und fühle mich so gut und gefestigt wie schon lange nicht mehr.»

Moralische und öffentliche Unterstützung gewünscht

Die LGTB-Community steht vereinter denn je weltweit für ihre Anliegen ein.

Die LGTB-Community steht vereinter denn je weltweit für ihre Anliegen ein.

Bild: Francisco Guasco/EPA

Cécile Weber hofft nun auf einen Treffpunkt in Buchs, doch dafür muss erst eine Räumlichkeit gefunden werden. «Sichtbarkeit ist der erste Schritt gegen Diskriminierung, gegen Ausgrenzung und gegen Hass.» Wünschen würde sie sich deshalb auch mehr visuelle Bekenntnis und somit moralische Unterstützung in der Öffentlichkeit. Ihre Frage lautet:

«In Buchs sehen wir genau zwei Flaggen, eine davon in der Gass, die andere am Gebäude des ehemaligen Club Gate 7. Aber wo ist Wirtschaft Buchs?»

«Wir kämpfen für Respekt und Akzeptanz»

«Der Aufklärungsbedarf in der Region ist gross», sagt Matthias Breuss aus Liechtenstein. Als einer der wenigen queeren Personen aus dem Fürstentum sei es etwas schwieriger, in seinem eigenem Land Freunde zu finden, da queere Menschen eher versteckt leben und oftmals spät mit dem Outing anfangen. Am Arbeitsplatz hingegen war er diesbezüglich «strikt».

«Ich habe gleich zu verstehen gegeben, dass ich homosexuell bin. Interessanterweise steht oder stand meine Orientierung nie zur Debatte. Es ist den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, egal, was ich bin oder wen ich liebe.»

Da er flexibel sei, gehe er gerne dienstagabends nach Chur in die offene Beratung des Vereins sozialwerk.LGBT+, um sich dort auch auszutauschen. «Da aber für viele Personen Chur nicht ganz um die Ecke liegt, fände ich einen Treffpunkt oder eine Anlaufstelle in der Nähe, sprich in Buchs, Sargans oder Altstätten eine gute Idee.» Dadurch würde seiner Meinung nach der Mut bei queeren Menschen steigen, sich zu outen.

«Akzeptanz und Respekt schaffen Freiheit, dafür kämpfen wir alle. Das sollte das Ziel der Schweiz und von Liechtenstein sein».

«Ich habe Gewalt und Intoleranz erlebt»

H. B. aus der Region (Name der Redaktion bekannt) ist zirka 60 Jahre alt und schwul. «Ich habe deshalb Intoleranz, Unverständnis, Hass und Gewalt erlebt. Sogar Mord in meinem nächsten Umfeld und einen Mordversuch auf meine Person habe ich, weil ich schwul bin, erleben respektive überleben müssen.»

Vor wenigen Wochen wurden in Buchs gegen 100 Regenbogenfahnen von Unbekannten zerstört.

Vor wenigen Wochen wurden in Buchs gegen 100 Regenbogenfahnen von Unbekannten zerstört.

Bild: PD

Er sei dankbar, dass er unlängst auf den Verein sozialwerk.LGBT+ in Chur gestossen ist. «Da habe ich Leute getroffen und kennen gelernt, mit denen ich reden kann und die mir helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Das Treffen in Chur besuche ich gerne, jedoch wäre eine Anlaufstelle in Buchs sehr schön. Bestimmt gibt es auch in der Region Werdenberg Mitmenschen, die gerne die Möglichkeit für einen Treffpunkt hätten, um sich auszutauschen, erhalten würden.»

Von der Gesellschaft nicht als gleichwertig akzeptiert

Was er bedauert: «Allgemein sollte man meinen, dass unsere fortschrittliche und zivilisierte Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten eine weitgehende Akzeptanz und rechtliche Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans-, Inter- und asexuellen Menschen erlebt hat. Das dem leider nicht so ist, zeigt sich im Alltag oft, wenn ‹Queers› nicht von der Gesellschaft als gleichberechtigt akzeptiert werden.»