Liechtenstein
Kritik an Liechtensteiner Satellitenprojekt: «Eine Gefahr für die Raumfahrt und die Astronomie»

Satelliten unter Liechtensteiner Fahne ins All zu schicken, ist laut dem Astronomischen Arbeitskreis imageschädlich.

Damian Becker
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Viele Satelliten kreisen um die Erde.

Viele Satelliten kreisen um die Erde.

PPR/Verkehrshaus Schweiz

Inserate in den Landeszeitungen und Medienberichte haben aufhorchen lassen: Ein europäisch-chinesisches Konsortium plant, über die Nutzung liechtensteinischer Frequenzen, ein weltumspannendes Satellitennetz zu verwirklichen. Dabei verspricht Projektleiter Florian Krenkel Einnahmen und Arbeitsplätze für das Land: «Für das Image des Landes ist das Projekt unbezahlbar.» Die Vorstellung, dass Liechtenstein als Kleinstaat eine baldige Bodenstation haben könnte, dürfte zudem einigen Einwohnern tatsächlich schmeicheln.

Streit um Satellitenumlaufbahnen

Doch der Astronomische Arbeitskreis Fürstentum Liechtenstein ist besorgt und widerspricht genau dem, was Krenkel verspricht:

«Enorme Kosten und ein riesiger Imageschaden sind zu erwarten.»

Erich Walser vom Astronomischen Arbeitskreis zeichnet ein Bild vom Orbit, das eher einer Müllhalde gleicht. Seit dem Jahr 1968 hätten Grossmächte unermüdlich Satelliten ins All geschickt und als die Technologie der verschiedenen Objekte veraltet gewesen sei, seien diese nicht weggeräumt worden.

Erich Walsers (rechts) Arbeit wird durch den Weltraumschrott erschwert.

Erich Walsers (rechts) Arbeit wird durch den Weltraumschrott erschwert.

Daniel Schwendener

Satelliten umlaufen die Erde für einen gewährleisteten Funkkontakt im niederen Orbit. Dieser ist beschränkt, sodass er nicht unendlich viel Satelliten und Weltraummüll zu fassen vermag. In den vergangenen Jahren sind auch Unternehmer wie Elon Musk oder Jeff Bezos in das Geschäft eingestiegen. Sie zielen auf eine schnellere Datenvermittlung, die es beispielsweise für selbstfahrende Autos benötigt.

Das Konsortium, dem Liechtenstein seine Frequenzen überlässt, hat laut Walser Ähnliches im Sinn. «Mit einem weltumspannenden Satellitennetzwerk wollen die beteiligten Akteure den Zugang für das Hochgeschwindigkeitsinternet für ihre Geschäfte sichern», sagt Walser, «und um Satellitenumlaufbahnen wird nun gestritten.»

Zwischenfälle könnten eine Kettenreaktion auslösen

Tausende Satelliten bahnen sich den Weg zwischen Weltraumschrott. Das kann zu Kollisionen führen – was auch schon geschehen ist. Für Walser stellt das eine grosse Gefahr dar, denn eine unkalkulierbare Kettenreaktion droht:

«Kommt es da oben zum Kollaps, wird etliches auf dem Planeten stillstehen. Denken wir an die Telekommunikation, Navigation, Forschung und vieles mehr.»

Dass der Verkehr im Orbit in den vergangenen Jahren zugenommen hat, merkt Walser in seiner täglichen Arbeit. In der Sternwarte in Schaan machen Satelliten Astrofotografien, die eine Belichtungszeit von zwei Stunden benötigen, zunichte. «Die momentane Entwicklung ist auch eine Gefahr für die Raumfahrt und die Astronomie.» Die Forschungsarbeit von Astronomen werde schwer behindert.

Ein «Elon-Musk-Kleinsatelliten-Schwarm» zog vorbei

Wie allumfassend die Entwicklung ist, illustriert er an einem kleinen Beispiel: Der Astronomische Arbeitskreis bietet in der Sternwarte Kassiopeia Beobachtungsabende für die Bevölkerung und Schulklassen an.

Ein von ihnen begleitetes Schulprojekt erlaubt es, in Malbun das Firmament kennen zu lernen. Angefangen hat der Arbeitskreis bei Sonnenaufgang mit der Beobachtung des Sonnenlaufes. Eine Sonnenuhr zur Messung der wahren Sonnenzeit wurde dazu gebaut. Am Abend stand die Beobachtung des Sternenhimmels und der Planeten Saturn und Jupiter auf dem Programm.

Walser erzählt: «Noch bevor das Sommerdreieck am Himmel zu sehen war, zog ein Elon-Musk-Kleinsatelliten-Schwarm, viel heller als alle schon sichtbaren Sterne, in regelmässigen Abständen in einer langen Kette über das Malbuner Tal. Solche Ereignisse mit liechtensteinischen Frequenzen müssen verhindert werden.»

«Frequenzen werden zu grosszügig vergeben»

Die Internationale Fernmeldeunion (ITU), eine Sonderorganisation der UNO, beschäftigt sich mit technischen Aspekten der Telekommunikation und ist die einzige Organisation, die Frequenzen vergibt. «Sie werden meiner Meinung nach zu grosszügig vergeben», so Walser. Liechtenstein erhielt deren drei.

Walser macht darauf aufmerksam, dass es zwar die Internationale Fernmeldeunion gibt, allerdings keine Institution, die den Orbit kontrolliert. Künftig wird aber der Weltraumschrott beseitigt werden müssen. Und laut Walser werden dafür die Staaten zur Kasse gebeten. Das dürfte auch Liechtenstein betreffen.