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Kolumne

Kinderkram: Die Mär vom Bewegungsmangel

«Kinder bewegen sich heutzutage zu wenig. Sie sitzen nur noch vor dem Bildschirm.» Aussagen wie diese kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.
Katharina Rutz
Schaukeln fördert das Gleichgewicht und ein gutes Gleichgewicht fördert das Selbstvertrauen. (Bild: AP Photo/Michael Probst)

Schaukeln fördert das Gleichgewicht und ein gutes Gleichgewicht fördert das Selbstvertrauen. (Bild: AP Photo/Michael Probst)

Bereits in der Spielgruppe müssen offenbar speziell Bewegungsanreize geschaffen werden. In meiner Wohngemeinde gibt es an der Schule seit über einem Jahr einen Psychomotorik- und Bewegungsraum. Bewegung ist wichtig für die psychische Entwicklung unserer Kinder, das ist klar.

Bewegung kommt also auf meine Liste zur Förderung meiner Kinder. Selbstverständlich habe ich keine solche Liste, brauche ich auch nicht. Meine Kinder bewegen sich nämlich von alleine. Verstanden habe ich die gefühlten tausend Artikel, welche den allgemeinen Bewegungsmangel bei Kindern beklagen, deshalb nie.

Schaukeln beispielsweise wollten sie schon, als sie sich noch nicht einmal selber auf der Schaukel festhalten konnten. Nebenbei bemerkt, Schaukeln ist sehr wichtig für das Gleichgewicht. Ein sicheres Gleichgewicht gibt Selbstvertrauen. Selbstvertrauen ist nötig, um neue Lernschritte zu wagen. Gleich­gewicht braucht es übrigens auch für einen guten Reitersitz.

Stundenlang habe ich meine beiden Mädchen geschaukelt. Stundenlang stand ich neben dem Gerüst der Schaukel, da meine Mädchen unbedingt an der horizontalen Gerüststange der Schaukel rumturnen wollten. Dabei hatte ich doch noch so viel zu tun.

An dem Tag, als sie selber turnen und schaukeln konnten und vor allem selber ihren Ansprüchen genügend hoch und wild, machte ich drei Kreuze.

Heute muss ich nicht mehr danebenstehen, wenn die Mädchen auf Bäume klettern, Velofahren oder sonst irgendwo rumrennen. Darüber bin ich froh. Weil sie sich einerseits bewegen und ich andererseits dennoch einer Beschäftigung nachgehen kann.

Allerdings hat wie immer alles eine Kehrseite.

Denn heute muss ich jeweils mein Telefon rausrücken, das Stoppuhr-App wird benötigt. Meine fünfjährige Tochter spielt nämlich Parcours.

Von klein bis gross versammeln sich dann die Cousins und Cousinen in unserem Garten, erfinden einen Parcours und absolvieren diesen einer nach dem anderen so schnell wie möglich. Die Zeit wird gestoppt und ein Sieger erkoren.

Können Sie sich vorstellen, wie mir das Herz aufgeht, die Kinder dabei zu beobachten, wie sie sich ohne jegliches Zutun eines Erwachsenen bewegen, gegenseitig unterstützen und lernen, zu verlieren? Und nach der Siegerehrung des siebten Parcours drücke ich ohne schlechtes Gewissen beim TV auf Play.

Katharina Rutz (Bild: Urs Bucher)

Katharina Rutz (Bild: Urs Bucher)

Hauptberuflich Mami von Lilly (5)
und Sarah (4), nebenberuflich
Journalistin, Bäuerin und
Pferdenärrin.

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