Kesb-Präsident Patrik Terzer verlässt Buchs: «Durch die Kesb-Arbeit wird man geprägt»

Bei der Kesb-Arbeit gibt es nicht immer nur richtig oder falsch, sagt Präsident Patrik Terzer. Entscheide müssen trotzdem gefällt werden. Am Freitag ist sein letzter Arbeitstag in Buchs. Am Montag tritt er seine Stelle als Kesb-Präsident in St. Gallen an.

Interview: Alexandra Gächter
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Für Patrik Terzer heisst es: Abschied nehmen von der Kesb Werdenberg. Am Freitag war sein letzter Arbeitstag in Buchs. Am Montag tritt er die Stelle als Kesb-Präsident in St.Gallen an.

Für Patrik Terzer heisst es: Abschied nehmen von der Kesb Werdenberg. Am Freitag war sein letzter Arbeitstag in Buchs. Am Montag tritt er die Stelle als Kesb-Präsident in St.Gallen an.

Bild: Alexandra Gächter

Seit dem 1.August 2012 präsidierte Patrik Terzer die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Werdenberg. Nach gut siebeneinhalbjähriger Tätigkeit als Kesb-Präsident verlässt Patrik Terzer per Ende Februar das Werdenberg und wird Präsident der Kesb-Region St.Gallen.

Patrik Terzer, Wie haben Sie die Kesb Werdenberg zu Beginn erlebt?

Patrik Terzer: Als ich im Sommer 2012 als designierter Präsident angefangen habe, hat es noch keine Büroräumlichkeiten gegeben für die Kesb. Ich hatte ein Notebook ohne Daten und das Büro hatte noch keine Infrastruktur. Die Kesb Werdenberg war sozusagen eine grüne Wiese. Es musste alles aufgebaut werden, auch personell. Ende 2012 haben wir sämtliche Dossier übernommen und mussten uns erst ein Bild der betroffenen Personen machen. Im Sommer 2013 sind wir dann bereits erstmals umgezogen. Das war ein steiler Einstieg und sehr anspruchsvoll. Die Aufbauarbeit geschah gleichzeitig, während wir uns um die Fälle kümmern mussten.

«Ich vergleiche das gerne mit einem Operationszug. Wir mussten nicht nur schauen, dass er fährt, sondern gleichzeitig noch operieren und die Räder wechseln.»

Wie ging es weiter?

Erst nach einiger Zeit konnten wir neben der Fallarbeit wichtige Themen wie beispielsweise die Zusammenarbeit mit privaten Beiständen und die externe Kommunikation in Angriff nehmen. Auch konnten erst mit der Zeit Ablauf und Strukturen überprüft werden. Seit einigen Jahren ist die Kesb nun personell stabil. Heute sind wir organisatorisch, fachlich und menschlich gut in der Lage, unsere anspruchsvolle Aufgaben interdisziplinär in der Teamarbeit gut zu erledigen.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Kesb-Präsident zwischen 2012 und heute verändert?

Meine Arbeit hat sich erheblich verändert. Zu Beginn waren wir in der Pionierphase. Ich musste viele Ideen einbringen und gestalten. Später ist es mehr darum gegangen, das Ganze zu integrieren, die Kesb zu positionieren und sie gut zu vernetzen und einzubetten. Heute stehen wir mit verschiedenen Partnern in gutem Kontakt. Da der Bedarf an Unterstützung steigt, hat die Kesb heute mehr Arbeit als früher. Mittlerweile sind wir erfahren und routiniert und haben gute Zusammenarbeitsformen mit verschiedenen Partnern gefunden. Ebenfalls anders als früher ist, dass wir heute von verschiedenen Aufsichtsgremien geprüft werden.

Was waren die grössten Herausforderungen bei Ihrer Tätigkeit als Kesb-Präsident?

Die ganze Anfangsphase, in der wir den Operationszug gefahren sind, war eine Herausforderung. Wir mussten uns um die Organisation und um alle Fälle kümmern und den verschiedenen Ansprüchen der externen Kommunikation gerecht werden, obwohl die Ressourcen zu knapp waren. Die Ressourcen konnte die Kesb Werdenberg nun in der Zwischenzeit ein paar Mal aufstocken.

Mit welcher Vorgehensweise hat man am meisten Erfolg?

Mit einer offenen und transparenten Kommunikation. Von grosser Bedeutung ist auch ein respektvoller Umgang mit den Betroffenen, den Partnern und den Mitarbeitenden. Erfolgreich ist man auch, wenn man ergebnisoffen und unvoreingenommen auf Menschen zugeht. Ausserdem soll man zusammen mit den Betroffenen nach guten Lösungen suchen und diese umsetzten. Ich finde, das sind die Erfolgsfaktoren im Kindes- und Erwachsenenschutz.

Auf was für Erfolge sind Sie stolz?

Ich bin stolz, dass wir es als Team geschafft haben, die Kesb Werdenberg auf gesunde Beine zu stellen. Ausserdem bin ich stolz, dass wir gut in der Lage sind, unsere Arbeit für schutzbedürftige Menschen zu verrichten und dafür Anerkennung, Wertschätzung und positive Rückmeldungen aus der Öffentlichkeit erhalten. Zudem machen mich verschiedene Fallbeispiele stolz, bei denen wir den Betroffenen helfen konnten. Das freut auch das ganze Team.

Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden?

Ich konnte viel lernen bei der Kesb Werdenberg. Heute würde ich die Aktenführung, der Bereich der externen Kommunikation und den Umgang mit den privaten Beistandspersonen anders lösen. Dort hätte ich bereits früher einen Schwerpunkt setzen sollen.

Gibt es etwas, das Sie bei der Kesb Werdenberg ändern würden?

Nein. Das ganze Paket der Organisation Kesb Werdenberg ist in sich stimmig und passt gut auf die Region. Ebenfalls hat sich die interne Zusammenarbeit gut bewährt. Das würde ich wieder genau gleich machen.

Was denken Sie, wird bei Ihrer Arbeit bei der Kesb St.Gallen anders sein als bei der Kesb Werdenberg?

Das Werdenberg hat eine gute Grösse, die überschaubar ist. Hier im Werdenberg hatte ich einen guten Überblick. Ich habe die wichtigsten Fälle inhaltlich gekannt, fast jeden Entscheid gesehen und alle Zusammenarbeitspartner gekannt.

«Bei der Kesb St.Gallen wird es so sein, dass ich nicht jedes einzelne Dossier kenne, da es viel mehr sind.»

Auch die Organisation der Führung ist anders. In Buchs habe ich direkt geführt. In St.Gallen werde ich Führungspersonen führen. Dort führe ich also indirekt und werde nur noch Spezialfälle kennen. Die ganze Einbettung wird anders sein. Aus der Stadtverwaltung erhalten wir verschiedene Supporte, die sich eventuell auch auf die Führung auswirkt. Und: St.Gallen hat die grösste Kesb im Kanton. Andere Kesb orientieren sich an derjenigen in St.Gallen. So gesehen werden wir eine verstärkte Aussenwirkung haben.

Was können Sie aus der Zeit bei der Kesb Werdenberg für Ihre neue Stelle in St.Gallen mitnehmen?

Ich kann ganz viel Erfahrung mitnehmen, die ich hier gemacht habe. Meine Offenheit und das Interesse an den Menschen und den Mitarbeitenden kann ich ebenfalls mitnehmen und in St.Gallen einsetzen.

Können Sie auch etwas für Sie privat mitnehmen?

Während meiner in Arbeit bei der Kesb Werdenberg stiess ich einmal auf den Satz: «War der Tag nicht dein Freund, so war er dein Helfer.» Wenn also etwas nicht so gelaufen ist, wie es sollte, kann man etwas daraus lernen. So kann man gesund und motiviert bleiben. Diesen Satz konnte ich für mich mitnehmen. Es hilft mir privat und in beruflichen Situationen.

Inwiefern prägt die Kesb-Arbeit einen persönlich?

Durch die Arbeit bei der Kesb wird man geprägt. Man sieht, dass es auch bei uns Personen gibt, die es schwierig haben in ihrem Leben. 

«Gewisse Situationen würde man in der Schweiz nicht erwarten.»

Es gibt Menschen, die unverschuldet in eine Lage geraten, aus der sie sich nicht mehr selber befreien können. Sie geraten in eine wirtschaftliche Not, haben psychische Probleme und sind sozial isoliert. Sieht man so etwas, wird man demütig und entwickelt ein Bewusstsein dafür, dass es nicht selbstverständlich ist, dass alles rund läuft, man Anerkennung erhält, soziale Kontakte hat und sich in einer gesunden finanziellen Situation befindet.

Kann die Kesb-Arbeit auch motivierend sein?

Auf jeden Fall. Die Arbeit bei der Kesb zeigt auch, dass wir mit den Betroffenen vieles erreichen können, wenn die richtigen Mitarbeitenden in den richtigen Positionen sind. Das schafft Zuversicht und ergibt viele Erfolgsgeschichten. Das sind die dankbaren Momente, die unsere Arbeit sinnvoll macht. Wir bei der Kesb sind fröhliche Menschen, weil wir der Überzeugung sind, dass wir etwas Gutes tun für die Menschen.

Wann ist die Kesb-Arbeit schwierig?

Die krassen Situationen finde ich nicht die belastendsten, weil dort können wir schnell handeln. Wenn beispielsweise ein Kind missbraucht wird, können wir es am gleichen Tag noch aus der Familie nehmen und niemand ist dagegen – weder im Kesb-Team noch extern. Schwieriger ist es, wenn man im Dilemma steckt. Wenn alle möglichen Lösungen positive und negative Aspekte mit sich bringen. Zum Beispiel wenn ein Kind am 5. Tag in Folge mit Chips und Cola allein vor dem Fernseher ist. In so Fällen beobachten wir länger, klären mehr ab, diskutieren zu fünft und entscheiden dann zu dritt. 

«Bei solchen Entscheiden schwingt dann oft ein bisschen falsch im Richtigen oder ein bisschen richtig im Falschen mit.»

Wie schaffen Sie es, nach Feierabend Abstand von der Arbeit zu gewinnen und abzuschalten?

Für meine Psychohygiene mache ich gerne Sport. Bei ganz krassen Fällen, habe ich folgendes Ritual eingeführt: Nach dem Heimkommen dusche ich mich und ziehe etwas anderes an. So erhalte ich Abstand zum Arbeitstag – als wäre es ein anderer Tag.

Welchen Tipp möchten Sie Ihrem Nachfolger Arno Rissi mitgeben?

Ich wünsche mir für ihn, dass er die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Partnern weiterhin pflegt, dass er transparent ist und Auskunft gibt. Dem ganzen Team wünsche ich, dass es sich weiterhin so engagiert einsetzt und dass es weiterhin die Beiträge für eine gute Vernetzung und Zusammenarbeit leisten.

Wie sehen Sie die Kesb Werdenberg in Zukunft?

«Ich sehe eine positive Zukunft für die Kesb Werdenberg. Sie ist gut aufgestellt.»

Fachlich und menschlich hat es hier fähige Leute. Ich bin überzeugt, dass die Kesb Werdenberg dies bewahren und sich stetig entwickeln kann. Gute und motivierte Mitarbeitende sind ein Erfolgsfaktor für die Kesb. Und dies hat es bei der Kesb Werdenberg. Auch wenn ich von hier gehe, habe ich sehr gern hier gearbeitet und fühle mich weiterhin mit der Kesb Werdenberg verbunden.