Keine rosigen Zeiten im Export

Bis 2017 stiegen die Exporte aus dem Werdenberg markant an, seither schwächelt die Exportindustrie.

Katharina Rutz
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Die Exportwirtschaft im Werdenberg gerät ins Stocken. Bild: Urs Bucher

Die Exportwirtschaft im Werdenberg gerät ins Stocken. Bild: Urs Bucher

Im Jahr 2017 erreichten die Exporte aus dem Werdenberg ihren Höchststand. Seither sinken sie wieder, so auch im ersten Halbjahr 2019 um rund 10 Prozent verglichen mit dem ersten Halbjahr 2018. Im Kanton St. Gallen sind sie im gleichen Zeitraum um zwei Prozent angestiegen. Im zweiten Quartal 2019 verliessen Waren im Wert von 451,6 Millionen Franken das Werdenberg. Das ist teuerungsbereinigt 10,2 Prozent weniger als im Vorjahresquartal. Auch im ersten Quartal dieses Jahres wurde 14 Prozent weniger exportiert als im ersten Quartal 2018. 

«In der kurzfristigen Betrachtung schwächeln die Exporte der Region Werdenberg und bleiben hinter dem Kantonsdurchschnitt zurück», bestätigt der Ökonom Peter Eisenhut, Inhaber des Beratungsunternehmens Ecopol AG in St.Gallen.

Das war allerdings bis vor kurzem ganz anders. Im vierten Quartal 2017 erreichten die Exporte aus dem Werdenberg mit 504 Millionen Franken einen Höhepunkt. Dazu Peter Eisenhut:

«Seit 2013 haben sich die Exporte aus dem Werdenberg um 52 Prozent erhöht.»

Damit seien die Exportumsätze deutlich stärker gewachsen als im gesamten Kanton St.Gallen. Kantonal sind die Exporte in der gleichen Zeitspanne um 18 Prozent gewachsen.

Zu diesem Wachstum haben insbesondere die Exporte von Metallen und Maschinen beigetragen. «In der mittleren Frist haben sich die Exporte der Region Werdenberg sehr gut entwickelt», kommentiert der Konjunkturforscher.

Die Wirtschaft lahmt und die Nachfrage stockt

Konjunkturforscher Peter Eisenhut. (Bild: Michel Canonica)

Konjunkturforscher Peter Eisenhut. (Bild: Michel Canonica)  

Die aktuelle Entwicklung allerdings zeigt ein anderes Bild und es sieht nicht so aus, als ob sich dies in naher Zukunft wieder ändern wird. «Die lahmende Wirtschaft wird die Nachfrage nach industriellen Produkten auch in den kommenden Monaten stocken lassen», ist Peter Eisenhut überzeugt. Der Auftragseingang in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie verspreche nichts Gutes. Auch die jüngste Schwäche des Euro macht den Exporteuren Sorgen, da dadurch die Margen sinken und die Ertragslage belastet wird. Strukturelle Verbesserungen kommen laut Peter Eisenhut nur zögerlich in Gange, obwohl Veränderungsprozesse in einzelnen Industriebranchen schon länger begonnen haben.

«Ein baldiger Aufschwung ist nicht in Sichtweite.»

Die zweitwichtigste Exportregion

Die Exporte im gesamten Kanton St. Gallen sind im zweiten Quartal teuerungsbereinigt ebenfalls gesunken, allerdings nur gerade um 0,8 Prozent. Insgesamt exportierte der Kanton im zweiten Quartal Waren im Wert von 3,2 Milliarden Franken. «Das Werdenberg ist mit einem Anteil von 15 Prozent an den Gesamtexporten die zweitwichtigste Exportregion des Kantons St. Gallen», sagt Peter Eisenhut, Konjunkturforscher bei Ecopol AG. Am meisten exportiert wird aus dem Rheintal, welches im zweiten Quartal 2019 einen Exporterlös von 1,2 Milliarden Franken erzielt hat.

Das Toggenburg konnte im zweiten Quartal seine Exporte im Wert von 136,1 Millionen Franken teuerungsbereinigt um 3,4 Prozent steigern. Damit setzt sich im Toggenburg der positive Trend weiterhin fort. Das Toggenburg knackte 2018 erstmals überhaupt die 500-Millionen-Grenze.

Keine rosigen Aussichten für das Werdenberg

Die bedeutendste Produktgruppe für das Werdenberg sind Metalle, Maschinen und Fahrzeuge. Ausgerechnet hier sind die Exportrückgänge überdurchschnittlich. «Die Region Werdenberg spürt die weltweite Abkühlung in diesen Industrien besonders stark», so Eisenhut. «Die deutsche Industrie, der weitaus wichtigste Kunde des Werdenbergs, ist nun bereits seit einem Jahr im Rückwärtsgang. Insbesondere die Krise in der deutschen Automobilindustrie macht den Zulieferanten aus dem Werdenberg zu schaffen.»

In gewissen Branchen, wie beispielsweise in der Halbleiterindustrie, sei es zudem von 2013 bis 2016 zu markanten Kapazitätserhöhungen gekommen. Der Markt ist aber nicht so stark wie erwartet gewachsen. Von dieser Entwicklung seien auch Unternehmungen im Werdenberg betroffen, sagt Eisenhut.

Die Talsohle ist erreicht

Die VAT in Haag ist beispielsweise ein stark exportorientiertes Werdenberger Unternehmen. VAT stellt Vakuumventile her, die vorwiegend in der Halbleiterindustrie eingesetzt werden. Das Unternehmen erzielte im ersten Halbjahr einen Umsatz von 263 Millionen Franken. «Rund 95 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir aus dem Export unserer Produkte», sagt Michel Gerber, Mediensprecher der VAT. Im Vergleich dazu wurden aus dem Werdenberg im ersten Halbjahr Waren von rund 480 Millionen Franken exportiert.

«Unser Umsatz ist im ersten Halbjahr 2019 rund 30 Prozent tiefer als im ersten Halbjahr letztes Jahr», sagt Michel Gerber. Nach einem «fantastischen Wachstum in den Jahren 2016 und 2017» musste die VAT ihre Strukturen in diesem Jahr korrigieren. Von Oktober 2018 bis Juni 2019 musste das Unternehmen Kurzarbeit anmelden. Die VAT hat ihren Personalbestand in ihrer Produktion bis Ende Mai von ursprünglich 700 festangestellten und temporären Mitarbeitenden auf 450 reduziert. «Doch nun ist die Talsohle erreicht», ist Michel Gerber überzeugt.