Karl Rüegg war 44 Jahre lang Lehrer in demselben Schulzimmer in Wildhaus

Vieles hat Karl Rüegg als Lehrer erlebt während 44 Jahre. Was nie fehlen durfte war der Humor.

Christiana Sutter
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In seinem ersten Lehrerjahr unterrichtete Karl Rüegg in Wildhaus 65 Schüler.

In seinem ersten Lehrerjahr unterrichtete Karl Rüegg in Wildhaus 65 Schüler.


Benjamin Manser

«Vierundvierzigeinhalb Jahre war ich dort drüben Primarlehrer.» Karl Rüegg steht in der Küche seiner Wohnung an der Dorfstrasse in Wildhaus und zeigt mit dem Finger auf das 200 Meter entfernte ehemalige katholische Primarschulhaus. Im ersten Stock, Schulzimmer links, das war sein Reich. Heute ist das ehemalige Schulhaus ein Wohnhaus. Seit 15 Jahre lebt er mit seiner Frau Silvia in einem Mehrfamilienhaus, in Sichtkontakt mit seiner ehemaligen Wirkungsstätte. Sie haben drei erwachsene Kinder und fünf Grosskinder.

Kein Radio, kein Fernseher

Der heute 75jährige ist in Fischingen, im Hinterthurgau, als Zweitältester mit zwei Brüdern und einer Schwester in einfachen Familienverhältnissen aufgewachsen. «Ich habe immer gesagt, wir seien drei Buben und jeder hätte eine Schwester.» Die Antwort der anderen Kinder war dann: Was ihr seid sechs Kinder. Karl Rüegg muss heute noch über diese Antwort lachen. «Zu Hause hatten wir keinen Radio, kein Telefon und natürlich noch keinen Fernseher.» Die Freizeit verbrachten die Geschwister im Wald, auf einer nahegelegenen Wiese beim Tschutten «und wenn es geregnet hat, haben wir auf der Hauptstrasse gespielt. Das war dazumal noch möglich, denn es kam nur etwa alle fünf Minuten ein Auto vorbei.» Lehrer war immer der Berufswunsch von Karl Rüegg. Obwohl viele im Dorf dachten, er werde Pfarrer. «Ich war ein frommer Bub und Ministrant.» Er begründete seine Berufswahl damit, dass die Lehrer lange Ferien haben, «und wenn der Lehrer etwas nicht weiss, kann er die Schüler fragen.» Seine Interessen lagen aber vor allem im Sport und der Geschichte.

«Ich war ein guter Mittelstreckenläufer und habe einige Wettkämpfe gewonnen.»

Von 1960 bis 1964 besuchte Rüegg das Lehrerseminar Marienberg in Rorschach. Während seiner Ausbildung waren es noch mehr Männer, die den Lehrerberuf erlernten. Ende der 60er-Jahre waren es zur Hälfte Frauen und Männer und heutzutage sind es rund 80 Prozent Frauen, welche die Pädagogische Hochschule besuchen. «In meiner Seminarzeit hat es immer wieder Wechsel von Lehrermangel und Lehrerüberschuss gegeben.» Wildhaus war die erste und einzige Lehrerstelle Rüeggs. Er erzählt, wie es dazu gekommen ist.

«Der Seminarreligionslehrer hat einen Anruf aus Wildhaus erhalten mit der Information, dass sie einen Lehrer suchen. Ich packte sofort meine Bewerbungsunterlagen in ein Couvert und schickte es ab.»

Bereits am nächsten Tag erhielt der Junglehrer einen Anruf aus Wildhaus mit der Meldung, dass er als Lehrer gewählt wurde, «und das, ohne dass mich der Schulrat gesehen hat.» In seinem ersten Lehrerjahr unterrichtete er 65 Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse. Im zweiten Jahr waren es dann nur noch 48 Schüler, weil in Alt St.Johann eine katholische Abschlussklasse gegründet wurde.

Lektionen frei gestalten

Während der ersten Jahre seiner Primarschullehrerzeit konnte er gewisse Lektionen noch frei gestalten. Bei schönem Wetter war beispielsweise Naturkunde oder Zeichnen im Freien angesagt, schwimmen im Schönenbodensee oder im Winter Skifahren. Ende Jahr mussten die Lehrer eine Statistik vorweisen und dem Bezirksschulrat vorlegen. Wieder lacht Karl Rüegg. «Einmal haben wir eine Statistik kopiert, niemand hat es gemerkt, also hat sie auch niemand gelesen.» 

Auch als Pensionär ist Karl Rüegg immer noch sehr engagiert im Dorf.

Auch als Pensionär ist Karl Rüegg immer noch sehr engagiert im Dorf.

Benjamin Manser

Was während seiner Lehrerzeit auch öfters gewechselt hat, sind die Lernmethoden. Gegen Ende seiner Lehrerzeit gab es grosse Einschränkungen in der Unterrichtsgestaltung. Immer mehr Schüler besuchten Förderstunden. «Es war normal, dass während des Unterrichts immer einige Kinder fehlten.» Im Gespräch mit Karl Rüegg spürt man, dass er seinen Beruf geliebt hat. Immer wieder erzählt er Anekdoten aus dem Schulzimmer und amüsiert sich köstlich.

Zu Beginn seiner Lehrertätigkeit waren der Lehrer und der Pfarrer noch Respektspersonen. Was damals auch anders war, ist das öffentliche Engagement der Lehrer in der Gemeinde. «Ich war in vielen Vereinen als Aktuar tätig, hatte aber auch andere Ämter.» Im Skiclub Wildhaus und der Katholischen Kirche Wildhaus war er Präsident. 25 Jahre hat er das Jugendskirennen von A bis Z organisiert. Noch heute ist Karl Rüegg mit dem Skisport verbunden, als Speaker. Schon als Kind hat sich Karl Rüegg für das Skifahren interessiert, «obwohl, wir hatten zu zweit nur ein paar Skis.» Auch war es zu Beginn seiner Lehrerzeit obligatorisch, dass der Lehrer im Dorf wohnte.

«Ich habe im Primarschulhaus, in der obersten Wohnung gewohnt.»

Die meiste Zeit seines Lehrerlebens verbrachte Karl Rüegg in seinem Schulzimmer, eigentlich fast sein Wohnzimmer. Viel Platz hatte es nicht. «Es hatte aber viele ausgestopfte Vögel.» Er erzählt, dass einmal ein Adler zwischen der katholischen Kirche und dem ehemaligen Beck Alpiger, gleich neben dem Schulhaus, auf den Boden gestürzt ist, «Raben haben den Adler angegriffen und heruntergeholt.» Bekommen hat ihn dann die Sekundarschule als ausgestopftes Tier. Für Rüegg war es wichtig, dass die Schüler auch Spass hatten in der Schule. «Wir hatten es oft lustig.» Am Samstag gab es ab und zu gemütlichere Schulstunden. Es wurde vorgelesen, ein Film wurde angeschaut, es gab Jass- und Spielturniere und es wurden Witze erzählt. «Am liebsten hatte ich die Lausbuben und Lausmädchen in der Klasse», erzählt er.

Für acht Vereine hat Karl Rüegg Chroniken geschrieben

Aber auch Karl Rüegg war nicht unfehlbar. Einmal zum Jahresabschluss liess er eine Tischbombe abbrennen. «Es knallte, zischte, krachte und feuerspeiende Raketen flogen im Schulzimmer herum.» Karl Rüegg lacht laut hinaus. «Blöd war, dass das Schulzimmer ein Jahr zuvor frisch gestrichen wurde.»

Pensionär Rüegg ist noch immer sehr engagiert im Dorf. Wenn man in Wildhaus etwas über Vereine wissen will, dann wird man an den ehemaligen Lehrer verwiesen. Für acht Vereine hat er Chroniken geschrieben. Als Wegwisser von Toggenburg Tourismus, wird er oft von Schulen angefragt, etwas über die Region zu erzählen. Gerne erzählt er über frühere Zeiten, über den Sport, den Tourismus, Traditionen und was sich im Dorf abgespielt hat. Fragt man Karl Rüegg heute, ob er wieder den Lehrerberuf wählen würde, wird er nachdenklich: «Das ist schwer zu beantworten. Ich bin in einer anderen Zeit aufgewachsen und, wir waren noch Lehrer und nicht nur Erzieher.»