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Bauernhausforschung: «Jeder ist sein eigener Herr und Meister»

Es geht um Häuser, vor allem aber um Menschen und Tiere, die sie bewohnt haben. Die «Bauernhäuser des Kantons St. Gallen» schildern ausführlich die Verhältnisse im südlichen Kantonsteil.
Rolf App
Stattlich und mehrfach umgebaut: Das Zwei-Generationen-Haus im Lüpfertwil in Ebnat-Kappel (Bild: .)Stattlich und mehrfach umgebaut: Das Zwei-Generationen-Haus im Lüpfertwil in Ebnat-Kappel (Bild: .)
Maiensässe wie dieses hier in Grabs bilden einen im Werdenbergischen wichtigen Teil der erhaltenen Bauernhäuser. (Bild: Bilder aus: Bauernhäuser des Kantons St. Gallen)Maiensässe wie dieses hier in Grabs bilden einen im Werdenbergischen wichtigen Teil der erhaltenen Bauernhäuser. (Bild: Bilder aus: Bauernhäuser des Kantons St. Gallen)
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«Jeder ist sein eigener Herr»

Viele sind abgerissen worden. Oder umgenutzt. Oder umgebaut. Wie der Bauernstand selbst, so sind auch die Bauernhäuser einem scharfen Strukturwandel ausgesetzt. Immer mehr Landwirte bewirtschaften immer grössere Flächen. Auch im Kanton St. Gallen, der gegen Süden immer grüner wird. Und immer gebirgiger. Wer die Geschichte der Bauernhäuser erkundet wie Armin Eberle, Meinrad Gschwend, Irene Hochreutener Naef und Robert Kruker in ihrem dicken, zweibändigen Werk «Die Bauernhäuser des Kantons St. Gallen», das sie kürzlich in Magdenau vorgestellt haben, betritt deshalb ein schwieriges Terrain und benötigt detektivisches Gespür. Manchmal verrät die Bauweise einiges über Alter und Geschichte eines Hauses, manchmal sind es Inschriften. «Dis Haus ist von Hanns Böschy erbauwet worden im Jahr 1685», steht in jenem Toggenburger Zwei-Generationen-Haus im Lüpfertwil in Ebnat-Kappel, das im zweiten Band näher beschrieben wird.

In reichem Mass fündig geworden

Manchmal hilft die Dendrochronologie, das heisst die Altersbestimmung des Holzes. Wie bei jenem Maiensäss in Grabs, das sich an der Grenze zum Alpgebiet befindet, und dessen Bau auf die Jahre 1803/1804 fällt. Alte Dokumente verraten einiges, und oft können auch die Bewohner weiter helfen – vor allem dann, wenn sie schon älter sind und ein Haus seit mehreren Generationen bewohnen. Bei einer dieser Befragungen hat Eberle, der aus Flums stammt, sogar seine Cou-Cousine kennen gelernt. Sie hat ihn gefragt, woher er kommt, und gesagt: «Dann sind wir verwandt.» Jedenfalls: Obwohl die St. Galler Forscher mit ihrem Projekt spät dran gewesen sind und die meisten anderen Kantone ihre Bauernhausforschung längst abgeschlossen haben, sind Armin Eberle und seine Kollegen in reichem Masse fündig geworden, und zwar gerade im südlichen Kantonsteil, im Werdenberg, im Sarganserland und im Obertoggenburg. Es sind Gebiete, die bis zur Kantonsgründung 1803 ihre eigene Geschichte haben.

Das Toggenburg gehört wie der nördliche Kantonsteil von Wil bis Rorschach zum Herrschaftsbereich des Fürstabts von St. Gallen – mit Ausnahme der Stadt St. Gallen. Das Rheintal wird ebenso wie das Sarganserland gemeinsam von den acht alten Orten der Eidgenossenschaft verwaltet, Sax-Forstegg von Zürich, Gams von Schwyz und Glarus, Werdenberg von Glarus. Vertreter dieser Herrschaft schauen zum Rechten, ziehen Steuern und Abgaben ein, vieles bleibt aber auch den Untertanen überlassen. Sie regeln die Probleme des Alltags, aus Hofverbänden entwickeln sich genossenschaftliche Organisationen.

Im Süden des Kantons wird Vieh gezüchtet

Die Natur gibt vor, was angebaut werden kann. Während der Norden des Kantons auf Getreide setzt und im Rheintal Wein angebaut wird, spezialisiert sich der Süden mit seinen eher rauen Verhältnissen auf die Viehzucht. Im Sarganserland findet man überall Ziegenherden, die Ziege ist die Kuh des kleinen Mannes. Diese Spezialisierung auf Vieh zeigt sich etwa in einem Schreiben aus dem Jahr 1515: Damals ersuchen die Gemeinden im obersten Toggenburg den päpstlichen Legaten Ennius um die Erlaubnis, auch in der Fastenzeit Milchspeisen zu geniessen, «da bei ihnen ausser Gerste und Bohnen kein Körnchen wachse», wie Armin Eberle schreibt.

Die Natur bestimmt auch, wie die Landwirtschaft betrieben wird. Im Fall des Bezirks Werdenberg und des Obertoggenburg heisst das: Es gibt ein Unten, und es gibt ein Oben. Unten, in der Rheinebene und im Talgrund, entstehen andere Betriebsformen als oben, wo die nur im Sommer genutzten, ziemlich weitläufigen Alpweiden liegen.

Immer wieder wird umgebaut

Mehr als ein Fünftel der Fläche der Landschaft Werdenberg besteht aus produktiver Alpweide mit einer Gesamtfläche von rund 4335 Hektaren, die, wie im obersten Toggenburg auch, in zwei Etappen genutzt werden. Zuerst verbringen die Tiere im Obertoggenburg drei bis vier Wochen auf 41 Voralpen, bevor sie für acht oder neun Wochen auf die Hochalpen getrieben werden. Seit langem wohnen hier Menschen. Schriftliche Hinweise reichen im Werdenberg bis ins 8. Und 9. Jahrhundert zurück. In Wildhaus, mit 1100 Metern über Meer die höchstgelegene Gemeinde des Kantons, werden die Alpen im 1. Jahrtausend sogar schon vor dem Talgrund genutzt: Romanisch sprechende Bewohner des heutigen Werdenbergs treiben ihr Vieh auf die Alpweiden ins oberste Thurtal.

Eberle beschreibt die Entwicklungen am Beispiel der Gemeinde Grabs. Zunächst gehören die Alpen den Grafen von Werdenberg, die aber in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kurz vor dem Ruin stehen und sie Stück für Stück verpfänden oder verkaufen müssen, sei es an private Genossenschaften oder an Gemeinden. Die Zwischenstufe zwischen Tal und Alp ist die Zone der Maiensässe. Am Grabserberg umfasst ihre Fläche 450 Hektaren mit insgesamt 131 Gebäuden. Zu ihnen gehört jenes zweigeschossige Maiensäss, von dem eingangs die Rede war. Es hat mehrere Umbauten erlebt und lässt sich schriftlich bis zum ersten Versicherungskataster 1811 zurück verfolgen. Und es zeigt, wie hier Mensch und Tier ganz eng beieinander wohnten. Denn der Stall und der mächtige Heuraum beanspruchen den Grossteil des Raums, für die Menschen bleiben nur einige wenige Zimmer. Es ist kein Vergleich zu jenem grossen Zwei-Generationen-Haus im Lüpfertwil in Ebnat-Kappel, bei dem Hof und Scheune getrennt sind. Es steht auf einem massiven, gemauerten Sockel, stammt wie erwähnt von 1685, die Innenausstattung aber aus der Zeit um 1900. Wieder einmal bestätigt sich, dass Bauernhäuser keine Monumente sind, die in einer ursprünglichen Form konserviert werden. Im Gegenteil: Unablässig werden sie umgebaut und erweitert.

Was das Zwinglihaus erzählt

Ein Monument allerdings gibt es schon. Es ist das Haus in Wildhaus, in dem der Reformator Ulrich Zwingli aufgewachsen sein soll – was allerdings auf mündlicher Überlieferung beruht. Datiert auf das Jahr 1449, ist es eines der ältesten Häuser der Ostschweiz und eines der im Obertoggenburg besonders zahlreichen Tätschdachhäuser mit relativ flachem Dach. Allerdings, merkt Eberle an, ist es mit seinen Holzverbindungen auch wieder sehr untypisch für die Gegend.

Was aber über das einzelne Haus hinweg besonders spannend ist: Wie sich in Wohn- und Siedlungsformen das soziale Zusammenleben und die Schichtung zeigen – und umgekehrt, wie das Wohnen Einstellungen prägt.

Ein Beispiel für das Erstere bietet die Beschreibung von Buchs. Dort finden sich im südöstlichen Ortsteil Burgerau ärmliche Höfe, die aufgrund des Bevölkerungsdrucks erst im 19. Jahrhundert in die – immer wieder von Hochwassern heimgesuchte – Ebene hinausgebaut worden sind. Kleinbauernhäuser versammelt der gegen den Hang gelegene Ortsteil Altendorf, im Stickereiboom zwischen 1890 und 1920 kommen im Quartier Stüdtli die einfachen Häuser der Eisenbahner und Sticker hinzu, und an der Schulhausstrasse schliesslich finden sich im Stil des Historismus und des Jugendstils reich verzierte Häuser.

Zurechtgefunden in einer harten Umgebung

Schon früh haben die Menschen des Werdenbergs und des Obertoggenburgs gelernt, sich in einer sehr harten Umgebung zurechtzufinden. Sie haben angefangen, die Dinge des Alltags gemeinsam zu regeln: Strassen zu bauen, Trinkwasser zu erschliessen, Allmende zu nutzen. Darüber hinaus aber sind sie gern ihre eigenen Wege gegangen – was auch wieder mit dem Wohnen zu tun hat.

Was Meinrad Gschwend in seinem Kapitel über die Alpnutzung über den Toggenburger Bauer schreibt, das gilt durchaus darüber hinaus: Er «bewirtschaftet kleinräumige Flächen. Sein ‹Heimet› wird von bewaldeten Steilhängen und Tobeleinschnitten begrenzt. Die Topografie führte zu einer individualistischen Grundhaltung, die in der ausgeprägten Streusiedlung ihren Ausdruck findet. Jeder ist sein eigener Herr und Meister.»

Armin Eberle u.a.: Die Bauernhäuser des Kantons St. Gallen, 2 Bde., Appenzeller Druckerei AG, Herisau

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