Im Schatten der grossen Arenen: Im Frauenfussball gibt es zwar Lichtblicke, jedoch auch einige Baustellen

Frauenfussball erlebt einen Aufschwung. Die Melser FCSG-Sportchefin Patricia Willi sieht noch viele Baustellen.

Reto Voneschen
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Kurze Pause: St. Gallen-Staads Jennifer Wyss (Mitte) und Luzerns Chantal Wyser (rechts) warten auf den Eckball.

Kurze Pause: St. Gallen-Staads Jennifer Wyss (Mitte) und Luzerns Chantal Wyser (rechts) warten auf den Eckball.

Bild: Reto Voneschen

Samstagabend, Tatort Gründenmoos. Im Schatten des Kybunparks schlummert die weitflächige Sportanlage am St. Galler Stadtrand dem Abend entgegen. Der Car mit den Fussballinsignien vor der Anlage verrät es: Hier wird heute Abend Fussball gespielt. Genauer gesagt, die zwölfte Runde der Axa Women’s Super League zwischen St. Gallen-Staad (6.) und Luzern (5.).

Die Partie im malerischen Abendrot hat es in sich. Von der ersten bis zur letzten Sekunde wird auf dem Kunstrasen ein imponierendes Tempo angeschlagen. Vor allem auch, da praktisch keine Unterbrüche entstehen. Maximal dreimal bleibt eine Spielerin nach einem Foul liegen. Sofort entschuldigt sich die Gegenspielerin. Ebenso bleibt grosses Lamentieren mit der Schiedsrichterin aus. Fussball pur. Welch wohltuender Unterschied zu den Männern.

Taktisch und vor allem technisch sind die Frauen auf einem erstaunlich hohen Level. Erstaunlich daher, da keine einzige Profisportlerin ist und viele Spielerinnen erst um die 20 Jahre alt sind. Fast schon ein «alter Hase» ist Aussenverteidigerin Karin Bernet mit ihren knapp 26 Jahren.

Profis unter Amateurbedingungen

Um zu verstehen, wo der Frauenfussball heute steht: Die St. Gallerinnen tragen ihre Heimspiele dort aus, wo die FCSG-Profis trainieren. Und sie sind auch nicht der FC St. Gallen AG angeschlossen, die den Profifussball der Männer finanziert, sondern der Nachwuchsorganisation Future Champs Ostschweiz (FCO). Profistatus hat keine St. Gallerin, ebenso verzichten die Frauen auf ausländische Verstärkung.

Der Aufwand für die Spielerinnen ist trotzdem riesig: Trainiert wird unter der Woche jeden Abend, am Wochenende steht zwischen Genf, Basel, Bern, Zürich und dem Tessin ein Spiel an.

Mit anderen Worten: Idealismus ist gefragt, bei allen Beteiligten. Auch bei Patricia Willi, die nach ihrem Rücktritt als Aktive im Frühling neu als FCSG-Sportchefin wirkt. «Es ist jetzt gut, dass wir in die Winterpause gehen können, die Saison war lang und heftig», so Willi. Die Rückrunde der letzten Saison wurde im April abgebrochen, die neue Spielzeit startete am 13. August.

Neue Impulse dank Sponsor

Den 50. Geburtstag hat der organisierte Frauenfussball in diesem Jahr gefeiert. Erst 1993 folgte die Integration in den Schweizerischen Fussballverband (SFV). Zum Vergleich: Der SFV wurde knapp 100 Jahre vor der Integration der Frauen gegründet. Das zarte Pflänzlein Frauenfussball blühte lange aber nur zögerlich auf, eher blieb es ein Schattengewächs. Mal etwas mehr beachtet, mal weniger.

Zum runden Geburtstag gab es aber kräftigen Dünger. Mit dem Versicherungskonzern Axa (ehemals Winterthur) stieg ein zahlungskräftiger Sponsor für den Frauenfussball beim SFV ein. Die gemeinsame Vision: den Schweizer Frauenfussball auf das nächste Level bringen. Das zahlte sich vor allem in der Sichtbarkeit aus.

Dank des Axa-Deals werden nun regelmässig Partien der Frauen-Super-League live im Schweizer Fernsehen SRF übertragen. Die weiteren Partien werden über einen Livestream gezeigt.

Für Sportchefin Willi, die in den letzten 15 Jahren die Entwicklung des Schweizer Frauenfussballs aus nächster Nähe erlebte, eine erfreuliche Entwicklung. Doch die mehrmalige FCZ-Meisterspielerin sieht weiterhin viele Baustellen – bei Verband und den Vereinen. «Der SFV ist der Hauptverantwortliche, dass die Entwicklung weiter vorangeht», so Willi, «aber die Vereine müssen auch immer nachziehen.»

Die Women’s Super League schneide auch im Vergleich zu anderen kleinen und mittleren Ligen Europas zu amateurhaft ab, so Willi. Von den Profiligen in England, Deutschland und Frankreich ganz zu schweigen. «Leader Servette hat nicht mal einen eigenen Kraftraum», nennt Willi ein Beispiel.

Die St. Gallerinnen profitieren da von der Zusammenarbeit mit dem FCSG. Die Anlage auf dem Gründenmoos sei ideal, «gerade auch jetzt, wo die umliegenden regionalen Klubs nicht spielen und trainieren dürfen». In anderen Bereichen müssen sich Frauen und Männer noch ein wenig näherkommen. Beispielsweise in der Presse- oder Social-Media-Arbeit. Vor allem würde es Willi begrüssen, wenn das Frauenteam aus dem Nachwuchsprojekt FCO ausgekoppelt würde.

Mit kleinen Schritten vorwärts

Es gibt dabei aber einen grossen Haken. Mit Frauenfussball lässt sich – bis jetzt noch – fast kein Geld verdienen. Da bis in die höchste Liga alle Spielerinnen als Amateurinnen gelten, werden bei Wechseln ins Ausland keine Ablösesummen fällig. Sprich, die Klubs in der Schweiz bezahlen die ganze Ausbildung und gehen am Schluss leer aus. Das heisst ebenso, dass die NLA-Klubs immer wieder mit Finanzsorgen zu kämpfen haben.

Auch die Anschlüsse an die Profi-Organisationen der Männer liefen nicht immer ganz reibungslos ab. Die einen dürfen «bloss» den Markennamen benutzen, andere – wie der FCSG oder Basel – gehören der Nachwuchsabteilung an.

«Frauenfussball hat viel Potenzial», ist Patricia Willi überzeugt. Sie musste aber auch feststellen, dass Veränderungen nicht so rasch umsetzbar sind. «Aber wir kommen mit kleinen Schritten vorwärts.» Dank der TV-Bilder ist dies nun auch für eine breite Öffentlichkeit sichtbar geworden. Und wenn dann eines Tages auch wieder Zuschauer zu Sportveranstaltungen zugelassen werden, dann ist zu hoffen, dass die Partien der Frauen auch den Zuspruch erhalten, «den sie eigentlich verdienten», wie es Willi nennt. Lange genug haben die Frauen auch darauf gewartet.