Gemeindepräsident Kindler: «Ich übernehme die Verantwortung»

Der Sennwalder Gemeindepräsident Peter Kindler äussert sich zu den roten Zahlen, die das Altersheim Forstegg zum dritten Mal in Folge schreibt, zur Kündigung des Altersheimleiters und zu den Massnahmen zur Verbesserung der Situation.

Interview: Heini Schwendener
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Gemeindepräsident Peter Kindlers vorrangigstes Ziel ist es, das Altersheim finanziell wieder in die Spur zu bringen. (Bild: Heini Schwendener)

Gemeindepräsident Peter Kindlers vorrangigstes Ziel ist es, das Altersheim finanziell wieder in die Spur zu bringen. (Bild: Heini Schwendener)

Der W&O hat erfahren, dass der Leiter des Altersheims Forstegg per Ende Mai gekündigt hat. Waren die hohen Verluste schuld? Wie geht es weiter? Gemeindepräsident Peter Kindler in einem selbstkritischen Interview.

Peter Kindler, zweimal hat das Altersheim bereits rote Zahlen geschrieben, das zeigen die Jahresrechnungen. Auch 2018 soll der Verlust etwa 500000 Franken betragen. Wie ist das möglich?

Ein grosser Teil ist auf Investitionen und den baulichen Unterhalt zurückzuführen, etwa neue Böden, LED-Beleuchtung oder neue Bewohnerbetten. Aber auch die Personalkosten wurden massiv überschritten, allerdings nicht im Bereich Pflege/Betreuung. Anzufügen ist, dass unsere Pflegetaxen nicht auf dem Maximum waren. Doch das ist nicht die ganze Erklärung.

Die wäre?

Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) der Gemeinde hat beispielsweise bei ihren Prüfungen festgestellt, dass die Debitoren viel zu hoch sind, also weit höher als etwa ein Monatsumsatz. Wir waren dann viel zu lange der Meinung, das habe mit der Umstellung der Migel (Mittel- und Gegenständeliste) und der Art, wie diese verrechnet werden kann, zu tun.

War dem so?

Nein. Leider hat sich inzwischen herausgestellt, dass diese Umstellung nicht die Ursache war. Der Fehlbetrag ist vielmehr auf Buchhaltungsmängel zurückzuführen.

Das eröffnet Interpretationsspielraum. Wurden Gelder veruntreut?

Das kann ich ganz klar verneinen, das hat der von uns beauftragte Revisor mir und der GPK versichert. Das restliche Geld nebst Baumassnahmen ist im strukturellen Defizit im Heim versickert.

Die Bettenbelegung des Heims ist gut. Noch einmal: Wie kommt es zu den roten Zahlen?

Das Heim hat ein strukturelles Defizit. Es kann nicht sein, dass ein Heim bei dieser Grösse und bei Vollbelegung rote Zahlen schreibt. Wir haben übrigens unterdessen die Heimtaxen auf das Maximum erhöht.

Warum hat der Gemeinderat, nicht viel früher reagiert?

Die Frage ist berechtigt. Wir waren zu lange auf dem falschen Weg, weil wir davon ausgegangen sind, dass alles schon gut kommen werde.

Was hat die GPK zu diesem finanziellen Debakel gesagt?

Sie hat kritische Fragen gestellt, beim Heimleiter Unterlagen und Erklärungen eingefordert und Anfang 2017 auch die Bildung einer Altersheimkommission angeregt.

Wie bitte, hatte die Gemeinde Sennwald früher gar keine Altersheimkommission?

Das ist so. Das Altersheim – und das ist in Sennwald historisch gewachsen – war immer ein völlig selbstständiger Betrieb. Der Heimleiter hat die volle Kompetenz über alles, aber auch die volle Verantwortung. Das war über Jahrzehnte schon so, beim Altersheimehepaar Tinner und danach 15 Jahre bei Hansjürg Hagmann, den Vorgängern des heutigen Heimleiters M.

Zeitgemäss ist das aber längst nicht mehr.

Im Rückblick ist man natürlich immer klüger. Doch früher hat sich niemand Gedanken darüber gemacht, etwas zu ändern, was bisher bestens funktioniert hatte. Es gibt im Übrigen ja auch Fälle, wo es zu Problemen in Altersheimen gekommen ist wegen der Altersheimkommission.

Was hat die Altersheimkommission gemacht?

Ich muss an dieser Stelle sagen, dass der Gemeinderat erst Mitte 2018 eine Altersheimkommission eingesetzt hat. Natürlich viel zu spät, wie es sich jetzt zeigt. Wir haben uns immer mit den Erklärungen, die uns vom Heimleiter vorgelegt wurden, blenden lassen. Die Altersheimkommission konnte auch nur noch die Buchhaltungsmängel feststellen. Die GPK hat dann eine externe Finanzrevisionsstelle mit der Durchleuchtung der Buchhaltung beauftragt. Dabei wurde Ende 2018, wie schon gesagt, klar festgestellt, dass keine Gelder veruntreut worden sind.

Schrieben die Vorgänger von M. denn keine roten Zahlen?

Nein, sie konnten zumeist sogar die Reserven aufstocken.

Bleibt davon nach drei Jahren mit roten Zahlen in der Höhe von je etwa 500000 Franken überhaupt noch etwas übrig?

Die Reserven sind leider fast aufgebraucht und belaufen sich nur noch auf knapp 300000 Franken. Mir ist noch wichtig zu betonen, auch wenn es ein schwacher Trost ist, dass es sich nicht um Steuergelder handelt.

Rote Zahlen, Fragezeichen zur Buchhaltung und nun wird bekannt, dass der Heimleiter gekündigt hat. Besteht ein Zusammenhang?

Das kann ich nicht beurteilen. Der Heimleiter hat aufgrund einer beruflichen Neuausrichtung auf Ende Mai gekündigt.

Nicht die Gemeinde hat ihm gekündigt?

Diese Frage hat sich uns durch seine Kündigung nicht gestellt.

Der Heimleiter arbeitet also noch bis Ende Mai. Fehlt nicht das Vertrauen?

Ich vertraue ihm, dass ihm viel an einem geordneten Übergang liegt. Wir haben zudem noch ein grosses Projekt im Altersheim Forstegg zu stemmen. Im April müssen wir den Bettenlift sanieren. Dafür wird im Nebentreppenhaus ein Treppenlift eingebaut, zusammen mit dem Zivilschutz. Es macht Sinn, dass der Heimleiter diese schon seit einiger Zeit aufgegleisten Arbeiten noch begleitet.

Wie können künftig rote Zahlen vermieden werden?

Unterdessen hat der Gemeinderat eine Betriebsanalyse durch die Firma Vitalba in Auftrag gegeben. Das ganze Heim muss in allen Bereichen durchleuchtet werden. Erste Ergebnisse erwarten wir bereits im März.

Wird nun ein neuer Heimleiter gesucht?

Damit wollen wir uns Zeit lassen und die Ergebnisse der Betriebsanalyse abwarten. Notfalls würde ein «Springer» das Heim bis zu einer Neubesetzung der Stelle leiten.

Das Stellenprofil ist also noch offen?

Ja, es ist noch nicht einmal klar, ob es wieder eine 100-Prozent-Stelle sein wird. Sicher wird aber in Zukunft die Buchhaltung nicht mehr vom Heimleiter geführt.

Ein Altersheimleiter wird wohl nie mehr so freie Hand haben wie bisher?

Ganz bestimmt nicht, das ist jetzt vorbei.

Die Altersheimkommission wird nun auch in Sennwald institutionalisiert?

Natürlich. Mitglieder der Kommission sind der Finanzverwalter der Gemeinde, ein Gemeinderat – und es gibt ausserdem eine Aktuarin. Wir sehen noch eine externe Fachperson für dieses Gremium vor, die nicht zwingend in der Gemeinde wohnen muss.

Müssen im Altersheim Stellen abgebaut werden?

Bevor die Ergebnisse der Betriebsanalyse nicht vorliegen, kann ich dazu noch nichts sagen. Wie gesagt, irgendwo gibt es ein strukturelles Defizit. Sicher ist nur: Das Heim muss wieder schwarze Zahlen schreiben.

Bis wann?

Spätestens bis Mitte Jahr ist das Heim neu aufgestellt, das ist mein vorrangigstes Ziel. Dann stimmen automatisch auch die Zahlen wieder, denn unser Heim hat praktisch eine Vollbelegung. Von Reserven leben darf ein Altersheim nämlich nur in speziellen Situationen, beispielsweise während einer vorübergehenden Unterbelegung.

Dieses finanzielle Debakel ist kein Ruhmesblatt für die Gemeinde.

Wahrlich nicht. Und dafür übernehme ich als politisch Verantwortlicher die volle Verantwortung. Wir sind viel zu spät tätig geworden. Diesem Vorwurf werde ich mich stellen müssen. Mein oberstes Ziel ist es, das Altersheim Forstegg so schnell wie möglich finanziell wieder in die Spur zu bringen.