Homeoffice-Wunsch stellt Betriebe in Liechtenstein insbesondere bei Grenzgängern aus der Schweiz vor Hürden

Grenzgänger mit Arbeitsplatz im Fürstentum im Homeoffice sind sozialversicherungsrechtlich in zwei Staaten tätig. Damit dies ohne einen deutlichen Mehraufwand für die Arbeitgeber funktioniert, empfiehlt die Stiftung Zukunft.li Lösungen durch bilaterale Verhandlungen.

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Vier von fünf Liechtensteiner Unternehmen rechnen damit, dass Homeoffice an Bedeutung gewinnen wird..

Vier von fünf Liechtensteiner Unternehmen rechnen damit, dass Homeoffice an Bedeutung gewinnen wird..

Bild: Sandra Ardizzone

(pd) Homeoffice funktioniert besser als erwartet. Zu diesem Schluss kommen zwei Drittel der 125 Liechtensteiner Betriebe und Institutionen, die sich im Juni an einer Umfrage der Stiftung Zukunft.li beteiligt haben.

Rechtliche Grenzen sind auf politischer Ebene zu lösen

Rund 80 Prozent der Umfrageteilnehmenden glauben, dass Homeoffice nach der Pandemie an Gewicht gewinnen wird.

Doch in einem Land mit einem Grenzgängeranteil von 56 Prozent stossen die Arbeitgeber an rechtliche Grenzen, die nur auf politischer Ebene gelöst werden können. Das geht aus einer Medienmitteilung der Stiftung hervor.

Schweizer Arbeitnehmer sind stärker eingeschränkt

Der grösste Hemmschuh ist das Sozialversicherungsrecht, wie der neuste «Fokus» von Zukunft.li zeigt. Ein Grenzgänger, der im Homeoffice arbeitet, sei per Definition parallel in zwei Staaten tätig.

Dies kann sich je nach Umfang der Homeoffice-Tätigkeit darauf auswirken, welchem Land – also entweder dem Wohn- oder dem Arbeitsort – er sozialversicherungsrechtlich unterstellt wird. Dabei gelte: Verbringt ein Grenzgänger mehr als 25 Prozent seiner Arbeitszeit im Homeoffice, muss er sozialversicherungsrechtlich komplett dem Wohnsitzstaat unterstellt werden. Das heisst, dass alle Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge ins dortige Sozialversicherungssystem eingezahlt werden müssen.

Unternehmen können Potenzial nur eingeschränkt nutzen

Noch stärker eingeschränkt sind Grenzgänger aus der Schweiz, die keinen Schweizer bzw. Efta-Pass besitzen. Für sie gelte diese 25-Prozent-Regel nicht. Arbeitet beispielsweise ein in der Schweiz wohnhafter Deutscher oder Österreicher im Homeoffice, dann muss er anteilsmässig den Sozialversicherungen beider Staaten unterstellt werden, also die Stunden, die er im Homeoffice verbringt, mit den Schweizer Behörden abrechnen und den Rest in Liechtenstein.

Deshalb können Unternehmen ihr Homeoffice-Potenzial nicht ungehindert nutzen – es sei denn, sie nehmen höheren administrativen Aufwand und gegebenenfalls höhere Sozialbeiträge in Kauf.

Mischform hilft auch Verkehrsprobleme einzudämmen

Wie die Umfrage von Zukunft.li zeigt, haben die Unternehmen während der Covid-19-Pandemie durchaus positive Erfahrungen mit Homeoffice gemacht. Insgesamt sind rund zwei Drittel der Umfrageteilnehmenden der Meinung, dass die Pandemie eine nachhaltige Veränderung in Gang gesetzt hat und dass sich künftig in vielen Branchen eine Mischform von Präsenz am Arbeitsplatz und Homeoffice etablieren werde.

Für in der Schweiz wohnhafte Grenzgänger wird die Abrechnung der Homeoffice-Stunden kompliziert.

Für in der Schweiz wohnhafte Grenzgänger wird die Abrechnung der Homeoffice-Stunden kompliziert.

Bild: PD

Ebenfalls zwei Drittel der Umfrageteilnehmenden gaben an, dass ein zeitgemässes Homeoffice-Angebot die Attraktivität des Arbeitsplatzes stärkt und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördert. Zwei von drei sind der Meinung, dass durch vermehrtes Homeoffice die Verkehrsprobleme eingedämmt werden könnten.

Als Nachteil sehen die Unternehmen die anspruchsvollere Organisation und Führung, den Aufwand beim Datenschutz, die Gefahr mangelnder Zusammengehörigkeit sowie die rechtlichen Bedingungen für Grenzgänger. Von Letzterem fühlen sich rund 40 Prozent der Unternehmen eingeschränkt.

Es besteht politischer Handlungsspielraum

Ein von der Stiftung Zukunft.li in Auftrag gegebenes rechtliches Kurzgutachten des Europarechtsexperten Dr. Georges Baur vom Liechtenstein Institut zeigt, dass bezüglich der Koordination der Sozialversicherungen im bilateralen Verhältnis mit den Nachbarstaaten trotz gültiger EU-Verordnungen Spielraum bestehe. Voraussetzung dafür sei politischer Wille von beiden Seiten. Doris Quaderer, Projektleiterin bei Zukunft.li, betont:

«Die umfassende und mehrheitlich positive Homeoffice-Erfahrung während der Covid-19-Pandemie könnte das Zeitfenster für bilaterale Verhandlungen geöffnet haben.»

Sie empfiehlt, das Gespräch mit den Nachbarstaaten zu suchen, um Lösungen zu diskutieren. Schliesslich müssten auch die Nachbarländer an flexibleren Lösungen bezüglich Homeoffice interessiert sein. Einerseits, weil dadurch der Pendlerverkehr reduziert werden könne, und andererseits, weil durch flexiblere Regelungen der Vollzugsaufwand der Behörden verringert werde. (pd)