«Hier dürfen die Kinder so sein, wie sie sind»: Warum eine Mutter ihr Kind ins neue Storchennest und nicht in eine andere Kita bringt

Die Stiftung Spielraum-Lebensraum baut den kleinen Kindern in Grabs zwei neue Gebäude, wo sie ganz sich selbst sein können. Gründerin Maria Luisa Nüesch führt durch den Neubau, der bereits überregional Modellcharakter hat.

Katharina Rutz
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Der Besucher schaut aus Distanz zu. Die Kinder sollen im Storchennest so ungestört wie möglich spielen können.

Der Besucher schaut aus Distanz zu. Die Kinder sollen im Storchennest so ungestört wie möglich spielen können.

Bilder: Katharina Rutz

Mitte März – gerade mit dem beginnenden Lockdown – stand das Storchennest der Stiftung Spielraum Lebensraum (siehe Kasten) kurz vor der Fertigstellung. Aus Angst vor einer Ausgangssperre wurde in einem Kraftakt so schnell wie möglich alles Material aus den ehemaligen Räumen in den Neubau am Mühlbachweg in Grabs gezügelt und bald begann der Kinderstuben-Betrieb mit ganz wenigen Kindern, die auch während des Lockdowns die Kinderhalbtagesstätte besuchen durften.

Maria Luisa Nüesch

Maria Luisa Nüesch

Die neuen Gebäude erregen mit ihrer Bauweise aus Holz, Stroh und Lehm überregionales Aufsehen und sind mittlerweile für einen Architekturpreis nominiert. Doch auch das Innenleben – die Art und Weise der frühkindlichen Betreuung – im Storchennest ist etwas anders als anderswo. Sie orientiert sich stark an der Pädagogik von Emmi Pikler. Auffällig ist zudem die Liebe zum Detail, wie ein Rundgang mit Gründerin Maria Luisa Nüesch an einem sonnigen Montag beweist.

Sich ganz aufs Kind sein konzentrieren

Begrüsst wird der Gast vom Quaken der Frösche im Teich. Er befindet sich gleich neben dem grossen Wiegestuben- und Spielgruppen-Haus mit seinem tiefgezogenen, beschützenden Dach, auf dem ein Storchennest sichtbar ist. Der bekieste Aussenhof bildet das Gegenstück zum fast unsichtbaren geschützten Innenhof. Maria Luisa Nüesch sagt:

«Die ganze Anlage ist darauf ausgerichtet, zu verlangsamen und zur Ruhe zu kommen.»

Beim Schiebefensterchen in der Türe können schüchterne Kinder bereits einen Augenschein nehmen, was auf sie zukommt, bevor die Türe geöffnet wird. «Zauberhaft farbige Schatten sind sichtbar, die von den Fenstern in der Garderobe stammen», bemerkt Maria Luisa Nüesch sichtlich stolz. «Dank den Fensternischen mit Sitzgelegenheit können sich die Eltern bewusst auf ihr Kind und ihr Tun konzentrieren, während sie dieses umziehen», sagt sie. In einem ovalen Vorraum, der Geborgenheit vermitteln soll, werden die Eltern und ihre Kinder mit einem Anfangs-Ritual abgeholt und erhalten weitere Gelegenheit zu entschleunigen.

Danach können sich die Kleinkinder im Alter zwischen sechs Monaten und etwa drei Jahren im grossen Spielraum ganz dem Spiel mit den liebevoll hergerichteten, einfachen Gegenständen widmen. Maria Luisa Nüesch sagt:

«Die Eltern lernen in der gewünschten Zurückhaltung ihr Kind oft von einer ganz neuen Seite her kennen: im völlig selbstständigen Spielen und Bewegen.»

Auch ein geschützter, naturnaher Innengarten lädt die Kleinkinder zum Spielen ein. Die Eltern-Kind-Gruppen müssen sich allerdings noch gedulden. Die Wiegenstube soll am 8.Juni wieder geöffnet werden.

Auch ein Naturgarten, der zum Spielen und Entdecken einlädt, gehört zur Spielgruppe im Storchennest.

Auch ein Naturgarten, der zum Spielen und Entdecken einlädt, gehört zur Spielgruppe im Storchennest.

Bereits seit dem 11. Mai belebt ist der Spielgruppenraum. Auch dieser Raum ist weder mit buntem Spielzeug noch mit Bastelmaterialien vollgestopft. «Das angebotene einfache Grundmaterial führt die Kinder zu vielfältigem, selbsterfundenem Spiel», ist Maria Luisa Nüesch überzeugt. Auffälliger sind aber die kindgerechten Geräte nach Pikler, die dazu einladen, sich vielfältig zu bewegen. «Und die Kinder haben ganz viel Platz, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen», sagt Maria Luisa Nüesch.

Erstes Haus speziell nach Pikler gebaut

Die Kinderhalbtagesstätte hatte durchgehend geöffnet. Sie kann jetzt neu im ersten Haus der Schweiz, welches speziell für die Pikler-Pädagogik gebaut wurde, stattfinden. Sie wird in einer Gruppe für kleinere Kinder und einer für grössere geführt.

In allen Räumen des Storchennests fallen die liebevollen Details auf. Die Toiletten in Kindergrösse verfügen über grosse Holzriegel an den Türen, welche manch ein Kind richtiggehend zum eigenständigen WC-Gang verleiten. In den Räumen gibt es kleine höhlenartige Nischen, wo sich die Kleinkinder zurückziehen können. Beim Spielzeug dominiert Holz, hingegen fehlen grelle Farben sowie Plastikgegenstände völlig.

Im Storchennest spielen Kinder mit Alltagsgegenständen in Kindergrösse anstatt mit grellem Plastikspielzeug.

Im Storchennest spielen Kinder mit Alltagsgegenständen in Kindergrösse anstatt mit grellem Plastikspielzeug.

Rund 30 Kinder werden aktuell in der Kindertagesstätte betreut. «Wir sehen es gerne, wenn sie zwei Mal pro Woche kommen, damit eine Gewöhnung entsteht», so Maria Luisa Nüesch. Für die Eingewöhnung wird sich viel Zeit genommen. Gerade wartet eine Mutter in der Garderobe, deren Kind sich in der Eingewöhnungsphase befindet. Sie habe diese Kita speziell wegen ihrer Philosophie gewählt. «Hier dürfen die Kinder so sein, wie sie sind», sagt sie.

Der Sandraum ist im Winter öffentlich und wird rege genutzt.

Der Sandraum ist im Winter öffentlich und wird rege genutzt.

Es sind noch Plätze in allen Angeboten frei

In allen Angeboten – wenn auch nicht an allen Tagen – sind noch Plätze frei. Da der eigentlich am 6. Juni geplante Tag der offenen Tür auf den Herbst verschoben werden musste, werden nun Führungen für Interessierte im Storchennest angeboten.

Stiftung Spielraum-Lebensraum

Die Stiftung Spielraum-Lebensraum in Grabs hat die Trägerschaft für die Untergruppen Wiegestuben (Eltern-Kind-Gruppen), Spielgruppen, Kinderstube (Kinderhalbtagesstätte) sowie den Sandraum «Sandbank».

Das Team will Räume der Verlangsamung, der Geborgenheit, des Respekts und der Achtsamkeit schaffen, in denen kleine Kinder und ihre Eltern zur Ruhe finden. Kinder sollen die Möglichkeit zu freiem, selbstbestimmtem und ungestörtem Spiel ohne jede Animation haben.

Spielraum-Lebensraum will einen Ort der Begegnung und des Austausches für Eltern schaffen, in dem das Vertrauen in die Fähigkeiten von Eltern und Kindern gestärkt wird.

Das Team will Wissen über die Entwicklung und die Bedürfnisse von Säuglingen und Kleinkindern nicht über den Intellekt, sondern praxisbezogen mit Übungen und Gesprächen vermitteln. Dabei orientiert sich der Verein an den pädagogischen Erkenntnissen von Emmi Pikler.  

Weitere Informationen über das Angebot, Kurse und Führungen unter www.storchennest.ch.