Akuter Heumangel in Teilen der Ostschweiz – Händler: «So etwas habe ich in 20 Jahren noch nie erlebt»

Wer derzeit an qualitativ hochstehendes Pferdeheu oder gut belüftetes Kuhheu kommen will, braucht Glück, sehr gute Beziehungen – und das nötige Kleingeld.

Jessica Nigg
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Qualitätsvolles Heu ist derzeit Mangelware und kostet bis zu 40 Prozent mehr als normalerweise. (Bild: Jessica Nigg)

Qualitätsvolles Heu ist derzeit Mangelware und kostet bis zu 40 Prozent mehr als normalerweise. (Bild: Jessica Nigg)

Das Heu sei wirklich knapp, erklärt Fritz Hagmann aus Sax, der seit 20 Jahren unter anderem mit Heu und Stroh handelt. Es stehe wenig Heu zur Verfügung und dieses sei manchmal zudem von schlechter Qualität. Sowohl Pferde- als auch Kuhheu sei derzeit nur schwer zu beschaffen – vor allem in grossen Mengen:

«Wer eine ganze Lastwagenladung braucht, hat ein Problem. Einfacher ist es, mal eine Balle hier und mal eine Balle da zu beschaffen.»

Er bezieht das Heu, mit dem er handelt, zu einem grossen Teil aus Deutschland beziehungsweise aus Vorarlberg.

Da das Angebot/Nachfrage-Verhältnis den Preis bestimmt, ist Heu massiv teurer geworden; statt 32 Rappen werden für Pferdeheu derzeit 45 Rappen und mehr pro Kilo bezahlt – eine Kostensteigerung um gut 40 Prozent!

Mehrkosten allein wären verkraftbar

«Ich habe vor kurzem Heu gekauft – und zwar billig», erklärt dagegen ein Landwirt aus der Region Werdenberg. Zehn Tonnen für 32 Rappen das Kilo. Er habe weder lange suchen noch hart verhandeln müssen. Der Landwirt, der auch Pensionspferde beherbergt, hat den Verdacht, dass mit der aktuellen Situation auch Geld gemacht wird – «vor allem bei den Pferdefrauen. Die werden mancherorts wohl ein bisschen geschröpft derzeit». Wobei das Schröpfen noch das kleinere Problem sei.

Bei einem Futterbedarf von etwa zehn Kilo pro Pferd und Tag entstünden bei einem aktuell oft verlangten Preis von rund 45 Rappen pro Kilo Heu tägliche Mehrkosten von 1.30 Franken. Bei Pferdepensionskosten von 800 bis 1000 Franken seien Mehrkosten von rund 40 Franken wohl verkraftbar – für welche Seite auch immer.

Immer mehr Pferdebesitzer würden bei ihm anfragen, ob er noch Pensionsplätze frei habe. Für sie sei besonders ärgerlich, dass ihre Pferde in ihrem aktuellen Zuhause kaum mehr mit Heu, sondern vermehrt mit Stroh und Silage gefüttert werden. Dies sei nicht immer gesund für die Pferde, spare so manchem Stallbetreiber aber viel Geld. 

Nicht alle Pferde dürfen schönes Heu fressen - vielerorts wird mit Stroh und Silofutter gestreckt. (Bild: Jessica Nigg)

Nicht alle Pferde dürfen schönes Heu fressen - vielerorts wird mit Stroh und Silofutter gestreckt. (Bild: Jessica Nigg)

Erich Helbok ist Agrarhändler aus Höchst in Vorarlberg. Auf die telefonische Anfrage, ob er spontan fünf Tonnen bestes Pferdeheu liefern könnte, bleibt es zunächst still am anderen Ende der Leitung. «Naja, für Stammkunden ist dies unter Umständen machbar», sagt er dann. Oder für «ganz interessante Neukunden». Das Pferdeheu, welches er aus Österreich und Deutschland bezieht, kostet etwa 45 Rappen pro Kilo. Mindestens so schwer zu beschaffen und mit bis zu 60 Rappen pro Kilo sogar noch teurer ist gut belüftetes Kuhheu. Bei Sennhöfler Agrarhandel in Rankweil werden diese Angaben bestätigt: «Es gibt fast kein gutes Heu mehr – egal von wo. Wir beziehen es bis hin zu Frankreich und Polen.»

Auch Heuhändler Fritz Hagmann aus Sax hat in diesem Winter Mühe damit, Heu für die Kunden aufzutreiben. Er sagt:

«So etwas habe ich in 20 Jahren noch nie erlebt.»

Er ist überzeugt, wer heute spontan zehn Tonnen Heu für einen Preis von 32 Rappen pro Kilo (Titelseite) bestellen könne, hat beste Beziehungen zu Händlern. «Jetzt profitieren diejenigen, welche über Jahre hinweg loyal bestellt und zeitig gezahlt haben.»

«Der Stammkunde ist König»

Ein weiterer Landwirt, der selbst einen Pensionspferdestall betreibt, ist überzeugt: «Der Stammkunde ist König!» In diesem Winter wechselt aber auch schlechtes, verwittertes und mehrjähriges Heu (Heu vom Sommer 2017) den Besitzer. Kaum ein Händler bleibt auf dem «grünen Gold» sitzen. Besagter Pensionsstallbesitzer mutmasst denn auch: «Für 32 Rappen hat der Mann bestimmt keine gute Qualität gekauft, dafür gibt es höchstens ‹Hundsware›.»

«Grünes Gold»: Wirklich gutes Heu ist derzeit nur schwer zu beschaffen. (Bild: Jessica Nigg)

«Grünes Gold»: Wirklich gutes Heu ist derzeit nur schwer zu beschaffen. (Bild: Jessica Nigg)

Auf die Frage, wie es in den Ställen der Region aktuell aussehe, ob die mühsam angeschafften Heuvorräte über den Winter hinaus reichen würden, erklärt Fritz Hagmann, dass viele Landwirte vorausschauend gehandelt und Vieh bereits Ende Sommer zum Schlachter gebracht hätten. Mit reduziertem Bestand reichten die Vorräte folglich länger.

Andere Landwirte seien in Not und würden ihn inständig um Hilfe bitten. Als Beispiel nennt Hagmann einen Kunden aus dem Sarganserland, der auf seinem «Heimetli» in normalen Sommern jeweils 60 bis 70 Ballen Heu pressen könne. – «Letztes Jahr waren es gerade einmal vier!»

Heurationen werden mit Stroh gestreckt

Wer eher knapp dran sei mit Heu, strecke es mit Gerstenstroh oder Maissilo. Grassilo sei dagegen fast genau so schwer zu bekommen wie Heu. Ganz allgemein schätzt er die Situation so ein, dass sich die Lage nun langsam wieder bessere. «Der Frühling steht vor der Tür und diverse Landwirte stellen fest, dass die eigenen Heuvorräte ausreichen. Das Heu, das sie nicht für den Eigenbedarf brauchen, verkaufen sie dann teilweise wieder», erklärt er weiter. Frisches Heu muss erst reifen Frisches Heu gibt es erst in drei bis vier Monaten. Landwirte mit Rindern und Kühen müssen nicht ganz so lang warten: In Vorarlberg wird früher geheut als auf der Schweizer Seite des Rheins und viele Anbieter haben sich auf die Kundschaft hier eingestellt.

Pferdebesitzer und Pensionsstallbetreiber müssen sich dagegen etwas länger gedulden: Pferdeheu bester Qualität ist langfasrig und stammt von ausgewachsenen Grashalmen sowie anderen Wiesenpflanzen. Dieses Heu wird nicht nur später geerntet, sondern muss zudem nach der Pressung nachreifen. Pferdeheu von der neuen Ernte dürfte also nicht vor Ende Juni auf dem Heustock lagern. 

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