Heidi Gantenbein aus Grabs:
«Man darf nie aufgeben»

Über zu wenig inneres Feuer kann sich Heidi Gantenbein aus Grabs nicht beschweren. Pension bedeutet für sie alles andere als Ruhestand.

Jessica Nigg
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Heidi Gantenbein vor ihrem Zuhause in Grabs, dem Hus Sunneschy. (Bild: Jessica Nigg)

Heidi Gantenbein vor ihrem Zuhause in Grabs, dem Hus Sunneschy. (Bild: Jessica Nigg)

Heidi Gantenbein wohnt gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Karl Blaas, dem ehemaligen Schlosswart auf Schloss Werdenberg, und rund 50 Tieren in ihrem Hus Sunneschy am Rand des Grabser Riets. Im Hus Sunneschy taucht man in die Welt dessen Bewohner ein und findet allerlei Erinnerungen aus vielen Jahren höchst aktiver Tätigkeit dieses Paares. An den Wänden hängen Fotos von Verwandten und lieben Freunden – oder gar aus der eigenen Schulzeit. So sieht man auf einem Bild die kleine Heidi vom Grabserberg in Tracht, ganz wie später die Mitglieder ihres Grabserberger Spatzächörlis.

Die 69-Jährige ist dafür bekannt, «Hummeln im Hintern» zu haben: Weit über Grabs hinaus kennt man ihr schulisches Engagement, ihr Spatzächörli, die Biblio Sunneschy oder den roten Bücherwagen. Auf die Frage, ob sie neben diesen Tätigkeiten Zeit für Hobbys habe und welche sie betreibe, zählt sie eines nach dem anderen – weit über zehn – auf, immer mal wieder liebevoll ironisch unterstützt von Lebenspartner Karl, den sie Carlo nennt und auch als eines ihrer Hobbys aufzählt. Neben ihm schaffen es unter anderem auch ihre Tiere, Fahnenschwingen, Volleyball, Kalligrafie und der Samariterverein auf die Liste.

Keine Spur von Ruhestand

Eigentlich ist die gelernte Sportlehrerin seit vier Jahren pensioniert. Eigentlich. Denn tatsächlich arbeitet sie wie ein fleissiges Bienchen und engagiert sich beruflich und privat während vieler Stunden täglich in verschiedensten Bereichen. So ist Heidi Gantenbein derzeit in einem Arbeitspensum von 60 Prozent als Klassenlehrerin der 3. Klasse in Haag angestellt. Als Aushilfe ist sie auch immer wieder in Sargans und Schiers sowie in Widnau und anderen Schulen tätig. Die leidenschaftliche Lehrerin erklärt mit einem Schmunzeln: 

«Heute ist Unterricht nach alter Schule wieder gefragt»

Sie vermittelt ihren Schülern Respekt und Ordnung: «Anständig in einer Zweierkolonne von A nach B zu gelangen, ohne dass ein Kind ausbricht und eigene Wege gehen will, ist heutzutage kein leichtes Unterfangen mehr», lacht sie. Schon einfache Dinge müssten fleissig geübt und erklärt werden. Neben Regeln bekommen die Schüler von Heidi Gantenbein aber auch viel Wissen, Liebe und Interesse vermittelt. Sie nimmt sich auch für schwierige Schüler gerne Zeit und fragt sie nach deren Interessen, auf welche sie dann eingeht.

Spannend am Unterrichten findet Heidi Gantenbein das Zusammenspiel von Traditionellem und Neuem. Auch schätzt sie das «gegenseitige Geben und Nehmen beim Lehrpersonal», wie sie betont.

Mit dem Grabserberger Spatzächörli Traditionen pflegen

Schüler begeistern konnte Heidi Gantenbein schon immer. Zum Beispiel für Musik und traditionelles Liedgut: Im Oktober des Jahres 1994 gründete sie das Grabserberger Spatzächörli (das Abschiedskonzert fand am 28. März 2015 statt). Sie kannte von Walter Schlegel, ihrem Vater, noch viele Lieder. In den 21 Jahren Bestand des Chörlis haben die Grabserberger Schulkinder an unzähligen Auftritten sennische und alte Lieder sowie fast vergessene Melodien vorgetragen. «Wir wollten, im Trachtengewand gekleidet, auch die Tradition pflegen. Dazu gehörten auch Fahnenschwingen, Theaterstücke und Auftritte mit Instrumenten.»

Bibliothek als Rückzugsort

Heidi Gartenbein in der Bibliothek Sunneschy in Grabs. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Heidi Gartenbein in der Bibliothek Sunneschy in Grabs. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo) 

Neben den Unterrichtsstunden in Haag engagiert sie sich immer noch mit viel Herzblut für die Biblio Sunneschy an der Vorderdorfstrasse 24 (oberhalb der Mosterei Vetsch), wo früher eine Druckerei war. Dort verwirklichte Heidi Gantenbein ihre Vision, Bücher zu retten, anstatt sie zu entsorgen. Mit ihrer kleinen Bibliothek förderte sie das «Abenteuer Lesen» und schuf einen Treffpunkt für Jung und Alt. Ausserdem dient die Bibliothek der vielbeschäftigen «Pensionistin» als Rückzugsort, wo sie zu sich finden kann. «Ein weiterer Vorteil der Bibliothek ist, dass die Leute wissen, wo ich zu finden bin.»

«Oft bekomme ich Besuch, ohne dass ich mit der entsprechenden Person davor Zeit und Ort abmachen musste», erzählt sie. Als Ergänzung zur Biblio Sunneschy gibt es auch noch den roten Bücherwagen, wo jedermann Bücher ausleihen und sie nach Lust und Laune auch behalten kann. Besucher können auch Bücher bringen. Ein Teil ihrer Einnahmen fliesst in diese Herzensprojekte. Um sie aber langfristig finanziell abzusichern, hofft Heidi Gantenbein auf Unterstützung. In Planung sind verschiedene Aktionen – auch sehr moderne, wie die bekennende «Bücherratte» weiter ausführt: «In Kürze werden wir unter anderem ein sogenanntes Crowdfunding starten.»

Einsatz für den Samariterverein

Eine wichtige Rolle in Heidi Gantenbeins Leben spielt auch der Samariterverein, für den sie sich mit viel Herzblut einsetzt: «Mein nächster Einsatz ist am Reitturnier in Werdenberg am Wochenende», erklärt sie. Und, ganz typisch für sie, geht ihr Engagement weit über gelegentliche Einsätze hinaus: So beteiligte sie sich schon mehrfach und auch künftig wieder für den Samariterverein am Ferienpass. «Einerseits machen wir wieder etwas mit Globi und andererseits zeigen uns Hundeführer, was ihre Rettungshunde können.»

Wenn sie gerade nicht als Lehrerin tätig ist, beziehungsweise in den Ferien, hilft Heidi Gantenbein im Spital Grabs bei der sogenannten Sitznachtwache aus. «Dort sitzt man von zehn Uhr abends bis sieben Uhr morgens beim Patienten am Bett», erklärt sie. Meist handle es sich um unruhige beziehungsweise demente Personen, welche viel Aufmerksamkeit und Überwachung bräuchten. Helfer wie sie unterstützen so das Pflegepersonal, welches unter Zeitdruck steht. Neun Stunden an einem Bett zu sitzen, mache ihr nichts aus, sagt Gantenbein. Sie sei sowieso ein Nachtmensch. «Und dann habe ich mal Zeit, mein Handy aufzuräumen», ergänzt sie lachend.

Stolz auf Fahnenschwinger-Nachwuchs

Fröhlicher als bei der Sitznachtwache geht es beim Fahnenschwingen zu – einem weiteren Hobby der rastlosen 69-Jährigen. «Das Fahnenschwingen hat mich schon immer fasziniert, vor allem in Zusammenhang mit den Klängen eines Alphorns. Begonnen habe sie mit zehn Kindern. Aktuell seien noch zwei junge Erwachsene dabei, ein 17- und ein 18-Jähriger. Auf die beiden ist sie besonders stolz. «Ihre» Fahnenschwinger waren vor ein paar Wochen auch am Schwingfest in Grabs mit dabei. «Das war eine ganz tolle Erfahrung», schwärmt sie.

Die Ruhe neben dem Sturm

Heidi Gantenbein mit der über 80-jährigen Schildkröte Clarabella. (Bild: Jessica Nigg)

Heidi Gantenbein mit der über 80-jährigen Schildkröte Clarabella. (Bild: Jessica Nigg)

Neben den erwähnten Tätigkeiten kümmert sich Heidi Gantenbein gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten auch noch liebevoll um rund 50 Tiere – Katzen, Ziegen, Minipigs, Schildkröten, Hühner und Hähne, Degus und einen Igel. Wie das zu schaffen ist, fragt man sich da.

«Es ist viel, aber gut verteilt», erklärt die Tier- und Menschenfreundin. Viele ihrer Aktivitäten fänden ja nicht täglich statt, sondern nur sporadisch. «Ausserdem lasse ich mich nicht hetzen», lacht sie. Um ihre Mitte nicht zu verlieren beziehungsweise wiederzufinden, falls dies doch einmal geschieht, meditiert und betet sie jeden Morgen oder betreibt Tai Chi. Und eines sei ganz wichtig:

«All diese Sachen sind nur machbar, wenn man das innere Feuer hat.»

«Dann aber erreicht man Dinge, die man sich vorher vielleicht gar nicht vorstellen konnte. So hätte ich vor zwanzig Jahren wahrscheinlich den Kopf geschüttelt, wenn man mir erzählt hätte, dass ich einmal mit dem Spatzächörli CD-Aufnahmen machen werde.».

Wo Sonne ist, da ist auch Schatten

Heidi Gantenbein strahlt auf ihr Umfeld sehr viel positive Energie aus. Sie lacht und erzählt viel, kennt sich in diversen Bereichen bestens aus und kann deshalb ihrem Umfeld mit Rat und Tat zur Seite stehen. Insgesamt vermittelt sie den Eindruck, dass das Leben ganz selbstverständlich leicht und schön ist – leicht und schön sein muss! Wer aber denkt, dass die 69-Jährige ständig auf der Sonnenseite des Lebens unterwegs und vom Glück dauergeküsst ist, irrt. Auch Heidi Gantenbein hat ihr «Bürdeli» zu tragen.

Die Mutter zweier erwachsener Kinder, Jan und Gabriella, und Grossmutter des zweijährigen Robin, hat einerseits schon verschiedene gesundheitliche Probleme überwunden, andererseits auch verschiedene Schicksalsschläge hinnehmen und bewältigen müssen – auch in der eigenen Familie. So ist sie seit zwei Jahren Präsidentin der von ihrer Tochter mitgegründeten Viva Astinenza, einem Verein zur Förderung eines abstinenzortientierten Lebens. «Meine Tochter und ich sind immer zu unseren Problemen gestanden», erklärt sie. Es sei ein langer und beschwerlicher Weg gewesen.

Sie habe stets kleine Schritte genommen und alles Negative hinterfragt, um den tieferen Grund für das Geschehene zu ergründen und Positives aus der Situation zu ziehen. «Diese Denkweise ist aber kein Verdienst, sondern ein Privileg», betont die bescheidene Buddhismus-Sympathisantin.

«Man darf nie aufgeben.»

Ein Ort zum Auftanken: Die Bibliothek Sunneschy in Grabs. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Ein Ort zum Auftanken: Die Bibliothek Sunneschy in Grabs. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

«Auch die Bücher haben mir in schwierigen Zeiten immer wieder geholfen. Manchmal war es ein bestimmter Satz oder Abschnitt, die mich das Leben in einem anderen Licht sehen liessen», so Gantenbein. Vorbild für ihr Tun und Empfinden sei stets ihre Mutter gewesen: «Meine Mutter wurde 88 Jahre alt und hat sich immer mit allen gut verstanden, hatte nie Streit mit jemandem. Für mich ist das eine wunderbare Leistung.»

Ausserdem habe sie besonders in den schwierigen Momenten im Leben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sie ganz wunderbare Menschen um sich herum habe. Eine weitere Leitschnur für ihr Leben sei der Hochzeitsspruch ihrer Schwiegereltern gewesen:

«Und dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat.»

«Meine Gabe ist das Reden, das Aktive», erklärt Heidi Gantenbein und betont, dass es aber genauso all die anderen Facetten an Persönlichkeiten brauche, um ein rundes Ganzes zu erschaffen. Singen für Jung und Alt Heidi Gantenbein hat schon unzählige Projekte in ihrem Leben verwirklicht, da hört sie natürlich auch jetzt nicht damit auf: Wenn das neue Altersheim in Grabs eröffnet wird, will sie wieder singen und vereinen: «Mein nächstes grosses Ziel ist die Fortsetzung des Projektes ‹Singen für Jung und Alt› im Altersheim Grabs.»