Guggenkleider-Schneiderin Manuela Finke: «Jedes Kostüm muss perfekt sein»

Die gelernte Schneiderin , die seit 1993 im Weiler Büsmig bei Frümsen lebt, arbeitet sich jedes Jahr durch viele Meter bunten Stoff. Sie schneidert Kleider für Liechtensteiner Guggenmusiken.

Adi Lippuner
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«Jeder Fadenlauf, jede Naht und jedes von mir genähte Stück muss einfach ganz genau passen», sagt Manuela Finke.

«Jeder Fadenlauf, jede Naht und jedes von mir genähte Stück muss einfach ganz genau passen», sagt Manuela Finke.

Bilder: Michel Canonica

Rot, Blau, Rosa oder doch lieber Gelb? Die Kreativität der Schneiderin ist bei der Entstehung von Guggenmusik-Kleidern jedes Jahr aufs Neue gefragt. Zwar geben die Mitglieder der einzelnen Formationen ihr Motto und die Hauptfarbe vor, dann soll aber jedes Kostüm individuell auf die Trägerin oder den Träger zugeschnitten und angepasst sein.

Kein Kleid darf genau gleich aussehen wie das andere

Und so entstehen die fantasievollen Kreationen zuerst im Kopf der Schneiderin, dann werden sie, ohne Zwischenschritt am Zeichentisch, direkt an der Nähmaschine umgesetzt.

 Von Spätherbst bis nach dem Jahreswechsel näht die im Weiler Büsmig bei Frümsen lebende Schneiderin jeweils 23 Guggenkleider.

 Von Spätherbst bis nach dem Jahreswechsel näht die im Weiler Büsmig bei Frümsen lebende Schneiderin jeweils 23 Guggenkleider. 

Manuela Finke erklärt beim Besuch in ihrem Nähatelier im Frümsner Büsmig: «Keines darf genau gleich aussehen wie das andere, lautet die Devise bei den Liechtensteiner Guggenmusikantinnen und -musikanten.»

Von Spätherbst bis nach dem Jahreswechsel werden Kleider genäht

Und damit spricht die erfahrene Schneiderin auch gleich den Hauptunterschied zwischen den Guggenmusiken von beiden Seiten des Alpenrheins an:

«In der Schweiz sind die Kostüme einheitlich, in Liechtenstein werden die Grundfarben und das Motto bestimmt, der Rest ist individuell.»

Seit mehr als drei Jahrzehnten näht die Frau jeweils ab dem Spätherbst und bis nach dem Jahreswechsel Kleider – früher über 30, heute sind es noch deren 23. «Einen neuen Kunden oder eine neue Kundin kann ich nur akzeptieren, wenn jemand wegfällt», betont sie.

Im Ländle aufgewachsen

Die Mentalität und das Fasnachtsfieber der Liechtensteiner ist der 1960 geborenen Manuela Finke von klein auf vertraut. «Als Tochter einer Liechtensteinerin und eines gebürtigen Berliners lernte ich schon sehr früh, welche Bedeutung die Fasnacht hat.» Und dass sie Schneiderin lernte, gehe auf ihre Fähigkeit zurück, bereits in ganz jungen Jahren aus Stoffresten Barbie-Puppenkleider von Hand genäht zu haben. «So kam ich in ein Atelier nach Buchs und lernte dort Schneiderin.»

In ihrer Familie heisst es, sie habe das Näh-Gen von einem Onkel geerbt.

In ihrer Familie heisst es, sie habe das Näh-Gen von einem Onkel geerbt.

Innerhalb der Familie heisse es oft, sie habe das Näh-Gen von einem Onkel geerbt. Dieser sei ein erfolgreicher Herrenschneider gewesen. «Es kann durchaus sein, dass solche Fähigkeiten innerhalb der Familie weiter gegeben werden, denn meine Tochter Katinka ist eine begnadete Näherin, und der erst eineinhalb Jahre alte Enkel Mitja interessiert sich bereits für Stoffe und fürs Nähen.»

Alles muss ganz genau passen

Sich selbst bezeichnet Manuela Finke als Perfektionistin.

«Jeder Fadenlauf, jede Naht und jedes von mir genähte Stück muss einfach ganz genau passen, sonst wird die Arbeit aufgetrennt und neu gemacht.»

Sie müsse sich öfter von ihrer Umgebung anhören, dass sie mit ein bisschen weniger hohen Ansprüchen an sich selbst einfacher durchs Leben käme. «Aber das passt nicht zu mir», so die klare Aussage.

Dafür passt zur Schneiderin, dass sie selbst einige Jahre in einer Guggenmusik aktiv war. «Wenn ich schon Kleider nähe wollte ich wissen, wie es ist, auf einer Bühne zu stehen und die schräg-schrillen Töne in der Gruppe und vor Publikum zu spielen.»

Gewohnheiten und Qualität

Der Blick zurück auf über 30 Jahre als Näherin von Guggenmusik-Kostümen bringt einige Veränderungen an den Tag. Manuela Finke erinnert sich, dass zu Beginn mit ganz einfachen Mittel gearbeitet wurde. «Wir haben sogar Christbaumschmuck als Glitzerelemente auf die Kostüme genäht. Heute ist alles im Überfluss und jeder Farbe erhältlich. Leider hat aber die Stoffqualität über die Jahrzehnte stark abgenommen. Wurde vor 30 Jahren noch in der Schweiz oder im angrenzenden Ausland gewoben, stammten die Stoffe später aus den osteuropäischen Ländern und heute kommt alles aus Fernost.»

Die Auswahl der Farben und Stoffe ist riesig.

Die Auswahl der Farben und Stoffe ist riesig.

Sie müsse sich mit der schlechter gewordenen Qualität arrangieren und jeweils das Beste daraus machen. Geht es um die Kleider, waren früher nur lange Röcke gefragt. Heute sind es oft die Figur betonende Minikleider, die von den jungen Mitgliedern einer Guggenmusik getragen werden.

«Ganz allgemein hat sich die Altersgrenze der Aktiven in einer Guggenmusik nach unten verschoben, fühlen sich doch immer öfter schon 30-jährige zu alt, um dieses Hobby aktiv zu pflegen.»

Sie selbst gehe gerne an die Präsentation der Kostüme, an Monsterkonzerte oder Umzüge, aber nicht mehr an abendliche Veranstaltungen und Bälle.

Tiere gehören zu ihrem Leben

Im Haus im Frümsner Büsmig leben, nebst Manuela Finke und ihrem Mann Horst, die Labrador-Hündin Ona, zwei Katzen, ein Hase, drei Hühner und der 25-jährige Gänserich Paul mit seiner Partnerin, der Frau Meier. «Für uns gehören Tiere einfach zum Leben. Wenn ich die nicht um mich habe, fehlt etwas», betont die Schneiderin.

Der tägliche Spaziergang mit Ona, er führt vom Haus im Weiler aus über Nebenstrassen und den angrenzenden Wald, gehört einfach dazu. «Aus diesem Grund brauche ich auch keine langen Ferien, wir wohnen hier wie in einem kleinen Paradies.»

Wenns warm ist geht’s raus

Umgezogen von der anderen Seite des Rheins in die Schweiz ist Manuela Finke im Jahr 1993. «Damals konnte das Ehepaar ein Haus im Büsmig kaufen. Dieses wird heute von Tochter Katinka mit ihrer Familie bewohnt. Gleich daneben entstand ein kleiner, ebenerdig gebauter Bungalow, der nun von Manuela Finke, ihrem Mann und den bereits erwähnten Tieren bewohnt wird.

Für die Liechtensteiner Guggenmusiken darf kein Kleid genau gleich sein wie das andere.

Für die Liechtensteiner Guggenmusiken darf kein Kleid genau gleich sein wie das andere.

«Wir haben uns ganz bewusst für ein kleines Haus entschieden, denn in der warmen Jahreszeit leben wir von frühmorgens bis spätabends draussen», ist zu erfahren. Die Arbeit im Garten, die Beschäftigung mit den Tieren und nicht zu vergessen das Zusammensein mit den beiden Enkeln, den neunjährigen Nikolai und seinem kleineren Bruder Mitja, ist Manuela Finke wichtig.

Russisch geprägte Vornamen

Eigentlich hat Manuela Finke den Namen ihrer Tochter Katinka eher zufällig gewählt. «Es sollte ein ganz gewöhnlicher Name werden. Das wurde aber von meiner Umgebung kritisiert, und so entschloss ich mich spontan für Katinka.» Ihre Tochter habe nun beschlossen, auch ihren Kindern Namen mit russischem Ursprung zu geben.

Angesprochen auf das Thema Reisen und Fernweh kommt als Antwort der passionierten Guggenkostüm- Schneiderin ein fröhliches Lachen. «Reisen mit Tieren ist nicht möglich, mein Mann und ich haben aber ein gutes Arrangement. Er ist früher beruflich sehr viel gereist und genoss es, im Sommer daheim zu sein. Ich gönne mir ab und zu eine Woche Campingferien, denn ich liebe diese Freiheit. Hotelaufenthalte mit Garderobenzwang wären nichts für mich.»

Und weil die Familie ihrer Tochter die Campingleidenschaft von Manuela Finke teilt, gibt es im Sommer und im Herbst jeweils eine gemeinsame Ferienwoche. Und dann sind schon bald die neuen Guggenkostüme zu nähen.

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