Gemeinde Sennwald
Name des Monats: Grista – abfallender Hügelkamm

Der Ursprung dieses Namentyps in Sennwald und anderswo in der Region birgt keine Rätsel.

Hans Stricker
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Blick aus der Luft südwestwärts auf das Gebiet Grista.

Blick aus der Luft südwestwärts auf das Gebiet Grista.

Bild: Hans Jakob Reich

Wer vom Dorf Sax her auf der Gemeindestrasse gegen Frümsen hinunter fährt, gelangt zwischen Amalerva und Stig zu einer markanten S-Kurve, die auf der Talseite mit Häusern gesäumt ist. Hier heisst es «Grista» (auch «Gristen» geschrieben). Der obere Teil der S-Kurve wird «Gristarangg» genannt, während die untere Kehre «Lochrangg» heisst. An dieser Stelle überwindet die Strasse dank der Doppelkrümmung rasch den untersten Teil eines Hügelkamms, der sich von oben entlang dem Schlipfbach herunterzieht und unterhalb Grista in das Flachland bei Erle1 und Stoggen1 ausläuft. Den Namen «Grista» wollen wir hier näher betrachten.

Es gibt auch Gresta, Grist und Christenbüel

Der Namentyp Grist(a) kommt im ganzen alträtoromanischen Raum häufig vor. In Romanischbünden lautet er meist Cresta (von Tavetsch bis Bergün), im Oberengadin erscheint er als Crasta, im Unterengadin als Craista. In Deutschbünden begegnen wir ihm etwa in Avers-Cresta, dann in Creista (Churwalden), Crest(l)i (Schiers), Crestis (Fläsch), Caresta (Molinis), Carestis (Pagig), usw. In Liechtenstein findet man ihn als Krestis (Triesen), Kresta (Schaan), Krest (Eschen, Gamprin). Auch in Südvorarlberg ist er häufig: Kresta, auch Krista (Vandans, Tschagguns), Grestis (Frastanz), Krist (Göfis, Satteins, Bludesch, Feldkirch).

Aus Werdenberg schliesslich kennen wir Gresta (2x) und Christenbüel (Wartau), Grist (Grabs) und eben Grista in der Gemeinde Sennwald.

Man ersieht in dieser Aufzählung, dass im Norden des Verbreitungsgebietes, wo der Sprachwechsel vom Romanischen zum Deutschen länger zurückliegt, nach dem Sprachwechsel aus «Grista» meist neu «Grist» geworden ist (in Grabs, Eschen, Göfis), während Grista weiter südlich (also näher an Graubünden) erhalten ist (so in Vandans, Schaan, Wartau). Diese Erscheinung lässt sich auch bei vielen anderen romanischen Namen beobachten; man vergleiche etwa das Paar «Quadra» / «Quader»: Auch hier steht südliches Quodera (in Wartau, Balzers) dem nördlichen Quader (gesprochen Quoder, in Schaan und Grabs) gegenüber. Allerdings gilt diese Regel nicht ausnahmslos: Gerade unser Grista bei Frümsen tanzt hier aus der Reihe.

Der Ursprung dieses Namentyps birgt keine Rätsel. Er liegt im lateinischen Wort crista ‘Kamm’, welches im Romanischen als craista (engadinisch) und cresta (surselvisch) weiterlebt. Die Bedeutung des romanischen Wortes reicht von ‘Kamm’ über ‘Hahnenkamm’ bis zu ‘Kamm als Geländeform, gestreckter Hügel’, auch ‘Bergkamm, Berggrat’. Natürlich sind es diese letztgenannten, auf die Topographie bezogenen Bedeutungen, welche dem Wort hierzulande zu seiner weiten Verbreitung als Geländename verholfen haben. Das romanische Grundwort cresta hat neben den bisher erwähnten «einfachen» Formen in Namen auch einige Zusammensetzungen gebildet (wir beschränken uns hier auf Werdenberg und Liechtenstein): Der oft missdeutete Name Afagrist in Gams kann auf altromanisch «aua d’cresta» ‘Quelle am Hügelkamm’ zurückgeführt werden, aber auch «èr d’cresta» ‘Acker beim Hügelkamm’ liesse sich vertreten. Auf einem altromanischen «crest’aulta» ‘hoher Geländekamm’ beruhen Ger-stalta Wartau ebenso wie Eggastalta Triesen. In Gastanells Sevelen könnte allenfalls eine Ableitung altromanisch «crestanella» ‘kleiner gestreckter Hügelkamm’ (?) gesehen werden. Im wartauischen Christenbüel (älter offenbar Grestabüel) scheint sich im Nachhinein eine Annäherung an den sehr volkstümlichen Personennamen Christen (Christian) eingeschlichen zu haben.

Die Örtlichkeit Grista zwischen Sax und Frümsen, von der wir hier ausgegangen sind, ist damit erklärt: Es ist der abfallende Hügelkamm, der schon zu romanischer Zeit, also wohl vor tausend Jahren, seinen passenden Namen erhalten hat.

Zur Namenforschung im Werdenberg beachte man allgemein www.werdenberger-namenbuch.ch sowie die noch erhältliche gedruckte Ausgabe des Namenbuches. - Zum Liechtensteiner Namenbuch (ebenfalls von Hans Stricker) siehe nun www.namenbuch.li.