Gesprächsrunde
«Trotz Fortschritten viel zu tun»: Abwechslungsreiche Diskussion

Kulturtafel-Gespräch auf Schloss Werdenberg: Vier Frauen diskutieren über «Frauenleben – anders als früher?».

Hanspeter Thurnherr
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Zwei Fragen - viele Antworten: Das Schloss Werdenberg war in der Gesprächsrunde fest in Frauenhand.

Zwei Fragen - viele Antworten: Das Schloss Werdenberg war in der Gesprächsrunde fest in Frauenhand.

Hanspeter Schiess

Autorin und Verlegerin Doris Büchel leitete die Gesprächsrunde mit den drei Gästen alt Nationalrätin Hildegard Fässler, Yoga-Lehrerin und Mutter Sarah Buchli sowie Schauspielerin und Regisseurin Simona Specker. Obwohl die Moderatorin «nur» zwei Fragen stellte, entwickelte sich daraus im Rittersaal über eine gute Stunde eine abwechslungsreiche Diskussion, in die auch das Publikum einbezogen wurde.

«War früher also alles besser?»

Yoga-Lehrerin und Mutter Sarah Buchli.

Yoga-Lehrerin und Mutter Sarah Buchli.

Hanspeter Thurnherr

«Was habt ihr von früheren Frauengenerationen gelernt?», lautete die Einstiegsfrage. «Ich habe von Mama gelernt, mutig zu sein, zu meinen Ideen zu stehen und nicht darauf zu hören, was andere sagen. Das hat sie mir auch vorgelebt», sagte Simona Specker. Sarah Buchli erklärte:

«Mama und Schwiegermutter brachten mir bei, dass die Welt ein freundlicher Ort ist und dass man als Frau durchaus alleine diese Welt bereisen kann.»

Hilde Fässler erfuhr von Grossmutter und Mutter, dass Frauen alles können müssen, es auch unter einen Hut bringen, aber auch darum kämpfen sollen, dass sie dies unter besseren Bedingungen können. «Die ungerechte Verteilung der Arbeitsbelastung hat mich sicher auch politisiert», sagte die ehemalige SP-Nationalrätin.

Sarah Buchli erfährt durch ihre Arbeit im Gespräch mit Frauen immer wieder, dass diese häufig erschöpft seien. «Immer noch werden Pausen und Erholung als Privileg gesehen, dabei sollte dies normal sein.» Widerspruch kam von Simona Specker und Hilde Fässler: Eine Frage des Bewusstseins oder keine Zeit für solche Gedanken wegen der vielen Arbeit? Oder sind diese Frauen einfach zimperlicher? Für Buchli sind dies heikle Aussagen. Schon früher hätten viele Frauen Auszeit benötigt, aber hatten keine Möglichkeit. «Also doch: Heute ein Privileg im positiven Sinne», meinte Specker.

Moderatorin Doris Büchel.

Moderatorin Doris Büchel.

Hanspeter Thurnherr

Aus dem Publikum wurde angemerkt: Wenn Frauen zusammenbrachen, seien sie früher einfach in der Psychiatrie verschwunden, heute habe das Problem einen Namen: Burn-out. Für Specker ist dies aber nur Symptombehandlung, Ursache sei die Leistungsgesellschaft. «Wir definieren zu oft den eigenen Wert über Äusseres, Materielles», sagte auch Buchli und Fässler ergänzte: «Früher war es einfacher, weil alle nichts hatten.»

Doris Büchel: «War früher also alles besser? Oder seid ihr glücklich mit eurer Lebensgestaltung?» Specker: «Ich kann auslesen, ob ich beispielsweise arbeiten will oder schwanger werde; auch wenn es ein Druck sein kann, sich entscheiden zu müssen.» Für Buchli ist wichtig, dass jede einzelne Frau bei sich anfängt: «Wir haben Entscheidungsmöglichkeiten, jede im engsten Umfeld. Das hat Einfluss.» Für Fässler beginnt hier die Politik:

Alt Nationalrätin Hildegard Fässler.

Alt Nationalrätin Hildegard Fässler.

Hanspeter Thurnherr
«Es gibt Frauen, die nicht entscheiden können, weil es finanziell nicht geht. Es braucht entsprechende Rahmenbedingungen.»

Trotz grosser Fortschritte, zum Beispiel Frauenstimmrecht, sei unter anderem für Alleinerziehende mit Kindern noch vieles zu tun.

«Würden heute die Rollen wohl anders verteilen»

Angesprochen wurden weitere Themen wie Rollenverteilung, Namen nach der Heirat, Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit von Müttern. «Wir würden heute die Rollen wohl anders verteilen», meinte Buchli. «Im Normalfall kommen die Kinder, bevor die Rollen geklärt sind», stellt Fässler fest. Auch beim Thema Nachnamen nützten die Frauen ihre Möglichkeiten oft nicht. Für Doris Büchel ist vieles auch ein Männerthema, man könnte Frau durch Mensch ersetzen. Aus dem Publikum kam der Hinweis: Es sei nie zu spät, eine neue Rolle einzunehmen. Möglichkeiten haben heisse aber auch, Verantwortung zu übernehmen.

«Was wünschest du der nächsten Generation?», lautete die zweite und damit Schlussfrage von Doris Büchel an die drei Frauen. Simona Specker kurz und bündig:

Schauspielerin und Regisseurin Simona Specker.

Schauspielerin und Regisseurin Simona Specker.

Hanspeter Thurnherr.
«Macht Euch nicht abhängig von jemandem, schaut für euch selber.»

Dem schloss sich Sarah Buchli an und ergänzte: «Erkennt euren Wert in euch, ohne auf aussen zu schauen. Uns selber wünsche ich, dass wir eine gewisse Entspannung finden.»

Hilde Fässler wünscht sich etwas von der kommenden Generation: «Dass sie genauer hinschaut, wo noch nicht Gerechtigkeit herrscht – und mithilft, dies zu verändern.»