Geschichte
Erfolgreiche Wiederansiedlung gefeiert: Huldigung der geklauten Steinböcke

Exakt 110 Jahre ist es her, als in Weisstannen die ersten Steinböcke der Schweiz wieder angesiedelt worden sind.

Reto Vincenz
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Prächtige Entwicklung: Den Steinböcken im Jagdbanngebiet Graue Hörner geht es 110 Jahre nach ihrer Wiederansiedlung sehr gut.

Prächtige Entwicklung: Den Steinböcken im Jagdbanngebiet Graue Hörner geht es 110 Jahre nach ihrer Wiederansiedlung sehr gut.

Bild: PD

Man könne nicht direkt behaupten, der Bundesrat habe den Klau der Steinböcke aus einem königlichen Jagdrevier im Aostatal vor gut 110 Jahren befohlen – «aber er hat ihn geschehen lassen», schmunzelte Reinhard Schnidrig am Donnerstag, 6. Mai, vor der «Alten Post» in Weisstannen.

Schnidrig, beim Bundesamt für Umwelt Leiter der Sektion Wildtiere und Artenförderung, erzählte dort einer geladenen Schar Anwesender die Hintergründe der vor 110 Jahren vor Ort erfolgten Wiederansiedlung der Steinböcke in der Schweiz.

König Viktor Emanuel II wollte keine Tiere abtreten

Diese «visionäre Aktion», wie sie bezeichnet wurde, war nötig, weil der «König der Berge», der Mitte des 15. Jahrhunderts noch den gesamten Alpenbogen bevölkert hatte, vom Menschen so stark bejagt wurde, bis kein einziges Exemplar mehr übrig geblieben ist.

Mit einer Ausnahme: Im italienischen Gran Paradiso hatte Viktor Emanuel II. in seinem königlichen Jagdbiet einige Dutzend Tiere überleben lassen. Abtreten wollte er den bettelnden, steinbocklosen Visionären aus la Svizzera indessen keine. Mit dem Ergebnis, dass die wackeren Eidgenossen 1906 drei der Kitze «stibitzten» und im St. Galler Tierpark «Peter und Paul» grosszogen.

Fünf Jahre später war es an der Zeit für die Aussetzung. Der auserkorene Fleck Schweizer Boden: die Alp Rappenloch im Jagdbanngebiet Graue Hörner in der Gemeinde Mels. Von dort aus eroberten die Steinböcke schliesslich nach ersten Anlaufschwierigkeiten die Alpen zurück. Rund 40 000 Tiere sind es heute, etwa 15 000 davon in der Schweiz.

Die Wiederansiedlung der Steinböcke gilt seither als Erfolgsgeschichte. Vor zehn Jahren wurde des 100. Jahrestags dieses Ereignisses in Weisstannen mit einem riesigen Volksfest gedacht. Am Donnerstag, beim 110. «Geburtstag», war die Festgemeinde vor Ort deutlich kleiner. Aber nicht weniger illuster.

Regierungsrat Beat Tinner gab sich die Ehre, ebenso wie Dominik Thiel, beim Kanton St. Gallen Leiter Amt für Natur, Jagd und Fischerei. Dazu gesellten sich neben zahlreichen Exponenten der involvierten Kreise (Jagd, Kanton, Wildhut etc.) etwa Anton Merkle (Präsident Jagd Schweiz), der Melser Gemeindepräsident Guido Fischer und auch dessen früherer Amtsvorgänger Markus Zimmermann, der die Feierlichkeiten vor zehn Jahren organisiert hatte.

Im Zentrum der zugigen, weil coronakonform im Freien stattfindenden Zusammenkunft, standen natürlich verschiedene – unisono erfreulich kurzweilige und sehr informative – Reden und Referate.

Wildart ohne Probleme und Schäden

Regierungsrat Beat Tinner sprach von «Geschichte», deren erstes Kapitel hier vor 110 Jahren geschrieben worden ist. Schwere, entbehrungsreiche Zeiten seien das damals gewesen für die Menschen. Aber nicht nur die Teller, auch die Wälder und Berge seien damals fast leer gewesen. Doch «all die Beschwerlichkeiten der damaligen Zeit» hätten wenige mutige Personen nicht davon abgehalten, mit der Wiederansiedlung ein Projekt zu starten, dessen Ausgang damals ungewiss gewesen sei.

Heute, so Tinner, habe man mit dem Steinbock eine Wildart, die weder Probleme mache noch Schäden verursache. Beim Rothirsch, aber auch bei Biber und Wolf, bereite die Rückkehr deutlich mehr Kopfzerbrechen und Mehrarbeit für die Land- und Forstwirtschaft, die Jagd, die Behörde und die Politik, so der kantonale Volkswirtschaftsdirektor. Anders eben beim Steinbock. Es sei in erster Linie das Verdienst der Wildhüter und der Jägerschaft, dass diese Erfolgsgeschichte immer weiter fortgesetzt werde, lobte Tinner, der damit viele gestern Anwesende direkt ansprach.

Dominik Thiel: «Das Haus ist voll»

Dominik Thiel ging explizit auf die Situation im Weisstannental ein. «Das Haus ist voll», freute er sich. «Wir zählen aktuell 400 Steinböcke, weitere 300 am Foostock. Zudem leben im Raum Weisstannen 500 Gämse, die sich im Winter mit den Steinböcken ums Futter streiten. Mehr gibt der Lebensraum nicht her», so Thiel.

Dass vor zehn Jahren weitere 13 Steinböcke, davon sieben Geissen, ausgesetzt worden sind, wäre gemäss Thiel, was die Zahl der Tiere anbelangt, «eigentlich nicht nötig gewesen». Vielmehr sei es darum gegangen, die genetische Vielfalt zu vergrössern. Man wisse heute, dass dieses Ziel erreicht worden sei, «auch wenn sie weiterhin deutlich grösser sein dürfte», so Thiel.

Die 13 Tiere wurden 2011 aus dem Wallis nach Mels versetzt. Sechs von ihnen, fünf Geissen und ein Bock, seien heute noch hier, so Dominik Thiel, was «sehr erfreulich ist». Die übrigen sieben Exemplare sind verschollen, also verstorben oder möglicherweise auch abgewandert.