Gericht
«Sie sind unbelehrbar»: 32-jähriger Marokkaner muss wegen zweier geringfügiger Diebstähle ein Jahr in den Knast.

Wer zwei Sandwiches klaut und einen gebrauchten iPod mitgehen lässt, kommt normalerweise nicht gleich ins Gefängnis. In diesem Fall war es anders. Es setzte Knast, denn der Beschuldigte verfügte über ein vierseitiges, eng bedrucktes Vorstrafenregister, dass ihm der Richter am Kreisgericht in Mels mehrfach buchstäblich vor Augen hielt.

Reinhold Meier
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Sandwich-Klau ist im Grund genommen keine grosse Sache. Doch in diesem einen Fall wog dieser schwer.

Sandwich-Klau ist im Grund genommen keine grosse Sache. Doch in diesem einen Fall wog dieser schwer.

Bild: Reto Martin

Vor fünf Jahren war der Mann in die Schweiz gereist. An Schranken erzählte er, dass er Stress mit Kollegen gehabt hätte, persönliche Gründe und so. Er habe zuvor in Marokko die Matura gemacht und Automechaniker gelernt. Aber er wolle eine Chance, es gefalle ihm in der Schweiz. Deshalb sei er hier. Sein Asylgesuch war jedoch bereits wenige Wochen nach der Einreise abgelehnt worden. Seit Mai 2016 liegt ein rechtskräftiger Wegweisungsentscheid vor.

Seitdem sammeln sich die Delikte in leidiger Kadenz. Es liegen ein Dutzend Urteile aus Basel, Graubünden, Zürich und St. Gallen vor wegen Hausfriedensbruchs, Aneignungen, Diebstahls, rechtswidrigen Aufenthalts und Verstösse gegen das Ausländerrecht sowie gegen Eingrenzungsauflagen.

Genutzt hat es nichts, wie die Befragung durch den Richter bestätigte. Den iPod beim Manor in Sargans habe er mitgehen lassen, obwohl es dort ein Hausverbot für ihn gab. «Davon wusste ich nichts», erklärte er ungerührt. «Hier ist ihre Unterschrift», hielt ihm der Richter das Dokument entgegen. «Ach so, na ja, wohl irgendwie vergessen.» Sei lange her, ausserdem habe er Alkohol getrunken.

Die Sandwiches beim nahen Coop habe er nur eingesteckt, weil er Hunger hatte. «Haben Sie denn im Ausreisezentrum keine Verpflegung?» Doch, aber er habe halt den ganzen Tag nichts gegessen. Ausserdem seien seine Zähne kaputt, er wolle neue, danach werde er das Gesetz respektieren. Mehrfach bestritt er schriftlich belegte Fakten, redete sich mit Stress oder Angst heraus, die ihn plagten.

Verteidigerin verweist auf entlastende Aspekte

Seine amtliche Verteidigerin mühte sich redlich, auf eine Minderung des Strafmasses hinzuarbeiten und führte entlastende Aspekte ins Feld. Der Diebstahl des iPods sei nur geringfügig und daher wie das Sandwich auf dem Bussenweg zu bestrafen. Die Ausreise nach Marokko sei seit dem Frühjahr wegen Corona gar nicht möglich, also freizusprechen und vom Widerspruch einer bedingten Vorstrafe sei abzusehen.

Ihr Mandant zeige aufrichtige Reue, habe psychische Probleme. Sie forderte eine Haft von 60 Tagen verbunden mit einer Busse. Für den Fall, dass die Vorstrafe nicht widerrufen würde, 100 Tage samt Busse. Falls das Gericht in allen Anklagepunkten der Staatsanwaltschaft folgen würde, sei ein Jahr Haft angemessen, stimmte die Anwältin zu.

So kam es. Der iPod-Klau wurde zwar als geringfügig eingeschätzt. Schuldsprüche erfolgten sonst aber in allen Punkten, dazu wurde eine neunmonatige bedingte Vorstrafe aus Landquart widerrufen und zum Vollzug angeordnet. Zudem wurde eine weitere Reststrafe von 76 Tagen aus Zürich widerrufen und ebenfalls zum Vollzug angeordnet. Das Gericht bildet daraus eine neue Gesamtstrafe von einem Jahr. Der Mann zeigte sich davon eher unbeeindruckt.

«Sie sind schockierend unbelehrbar»,

hielt ihm der Richter vor Augen. Bei seinem Vorstrafenregister sei es unmöglich, eine gute Prognose zu stellen, es scheine hoffnungslos, vielleicht ändere der Knast was.

«Sie hatten mehr als eine Chance und haben nichts gelernt»,

schrieb er ihm ins Stammbuch. Und: «Fassen Sie endlich die Tatsache ins Auge, dass ihre Zukunft nicht in der Schweiz liegt.»