Gericht
Das Lösen einer Verspannung sorgte für Spannungen zwischen einem Coiffeur und seiner Kundin

Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland spricht einen Coiffeur frei, der eine Kundin verletzt haben soll.

Reinhold Meier
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Nach dem Schneiden der Haarspitzen folgte erst die Massage, dann ein Gerichtsverfahren.

Nach dem Schneiden der Haarspitzen folgte erst die Massage, dann ein Gerichtsverfahren.

Bild: PD

Der Fall, der quasi im Dreiregioneneck von Werdenberg, Liechtenstein und Sarganserland spielt, begann eher harmlos. Eine Frau aus dem Fürstentum wünschte jenseits des Rheins eine geringe Korrektur ihres Schopfes und bat den Coiffeur um das Schneiden ihrer Haarspitzen. Der brave Handwerker setzte sich alsbald ans Werk und soll, nach getaner Arbeit, so die Anklage, bei der Kundin eine Verspannung der Halswirbel bemerkt haben. Darauf habe er an den Wirbeln herumgedrückt und sie über die Verspannung orientiert.

Plötzlich aber und völlig unvermittelt habe er dann den Kopf der Kundin mit beiden Händen festgehalten und diesen erst nach links und dann nach rechts eingerenkt, alles ohne Ausbildung. Am nächsten Morgen verspürte die Kundin denn auch starke Kopfschmerzen anschliessend ein Kribbeln in den Fingern, das sich später zu einem Taubheitsgefühl auswuchs. Notfallmässig begab sie sich ins Landesspital. Fünf Tage später besprach sie sich mit ihrem Arzt. Weitere vier Tage später suchte sie erneut das Landesspital auf, diesmal um ein MRI machen zu lassen, ein Verfahren das mittels Magnetfeld und Radiowellen ein Schichtbild des Körpers erstellt. Drei Tage später stellte sie schliesslich Strafanzeige gegen den Coiffeur.

War es lediglich eine leichte Massage?

Die Anklage plädierte vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland in Mels auf fahrlässige Körperverletzung. Sie forderte eine bedingte Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 60 Franken, aufgeschoben für eine Probezeit von zwei Jahren. Die Privatklägerin forderte zusätzlich eine Genugtuungsleistung von 8000 Franken sowie einen Schadensersatz von 2600 Franken. Zudem sei der Mann zu verpflichten, allfällige, erst in Zukunft aus dem Ereignis sich ergebende Schäden, zu zahlen.

Die Verteidigung des Mannes hingegen wünschte einen umfänglichen Freispruch. Sie folgte damit ganz der Linie ihres bislang unbescholtenen Mandanten, der stets betont hatte, dass rein gar nichts vorgefallen sei. Er habe, nach Abschluss des Haarschnitts, lediglich die übliche leichte Massage der Kopfhaut ausgeübt, als Kundenservice und reine Wellnesspraxis ohne medizinischen Anspruch.

Medizinische Befunde für Gericht nicht entscheidend

Der Anwalt machte zudem geltend, dass die Frau durch ausdauerndes Training den Boden einer besonderen Anfälligkeit für Verletzungen erst selbst geschaffen habe. Tatsächlich weiss sich die Privatklägerin, wie ein kurzer Blick ins Internet belegt, dem Muskelaufbau und einem damit einhergehenden, fettfreien Schönheitsideal verpflichtet. Daraus resultiere eine «konstitutionelle Prädisposition», wie die Verteidigung darlegte, also die Möglichkeit, dass durch die, mit dem übermässigen Training einhergehenden, Belastungen im Körper ungünstige Voraussetzungen für Anfälligkeiten geschaffen würden.

Das Gericht gelangte jedoch zur Überzeugung, dass diese Argumente sowie die medizinischen Befunde, in rechtlicher Hinsicht letztlich nicht ausschlaggebend seien. Entscheidend sei vielmehr, ob es zu dem fraglichen Übergriff überhaupt gekommen sei. Dahingehend gebe es von beiden Seiten zwar glaubhafte Einlassungen, die durch sogenannte «Realtitätskriterien» überzeugten.

Im Zweifel für den Angeklagten

Es sei aber zugleich so, dass beide Seiten teilweise auch weniger glaubhafte Aussagen getätigt hätten. Unter dem Strich resultierten somit «nicht zu unterdrückende Zweifel» daran, dass der Coiffeur die fragliche Manipulation überhaupt vorgenommen habe. Weil in solchen Zweifelsfällen stets von der für den Angeklagten günstigeren Variante auszugehen sei, sei er freizusprechen. Die Kosten des Streits trägt nun der Schweizer Steuerzahler, 3600 Franken fürs Verfahren und 9500 Franken an Entschädigung für den Verteidiger. Die Zivilforderungen der Frau wurden auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.