Geheimnisvolle Wesen im Wald

Moderne Menschen haben gegenüber dem Wald ein nüchternes Verhältnis. Unseren Vorfahren war er Teil des Lebensraums, aber auch ein perfekter Raum für Fantasien und Projektionen der menschlichen Psyche.

Heini Schwendener
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Der Wald ist nicht nur Thema der diesjährigen W&O-Sommerserie. Es gibt auch zwei Werdenberger Jahrbücher, die sich den Wald als Hauptthema auserkoren haben: 2003 ging es um «Die Wälder zwischen Gonzen und Hirschensprung» und 2004 um «Wald- und Holznutzung im Werdenberg».

Im Werdenberger Jahrbuch 2004 breitet Hansjakob Gaba-thuler den reichen Fundus von Volkserzählungen rund um die Themen «Wald, Baum und Holz» aus. Unter dem Titel «Waldgeschichten aus dem Werdenberger Sagengut. Wenn es fispert und wispert, kichert und flüstert, saust und braust, faucht und rauscht ...» hat er interessante, mystische, tragische und gruselige Erzählungen verschiedenen Kategorien zugeordnet. Da geht es um Hexen, Wesen mit Ziegenhörnern und Bocksfüssen, um Kobolde und Schreckgestalten, um Jungfrauen und verwunschene Seelen, Irrlichter und Poltergeister, um hilfreiche Zwerge und wilde Mannli usw.

Früher war der Wald ein wichtiger Teil des Lebensraumes der Menschen, der ihnen Holz, Wild und allerlei Früchte zur Verfügung stellte. Seit je stand der Wald aber auch für eine ungeordnete, ja manchmal sogar undurchdringliche Wildnis, das unheimliche Gegenteil menschlicher Zivilisation. Dieser dunkle oder finstere Raum war geradezu geschaffen für Fantasien und Projektionen menschlicher Psychen.

Jagdgeschichte und Hexenwerk

Hansjakob Gabathuler schreibt dazu: «Unsere Vorfahren bevölkerten den Wald mit vielen geheimnisvollen Wesen, mit Nymphen und Faunen, mit Elfen und Zwergen, mit Riesen und Kobolden.»

Oder mit Hexen, wie bei folgender Jagdgeschichte, in der sich ein Jäger eines Abends im Chalchofen auf die Lauer legte. Im Visier hatte er bald einen Fuchs, der sich im Winkel im Oberschan die Hühner geholt hatte. Der erlegte Fuchs war steif wie gefroren. Er hängte sich die Beute über die Schulter. Doch der Fuchs begann zu schreien und biss den Jäger, der in darauf mit seinen Nagelschuhen traktierte und in einen Sack steckte, den er sorgfältig verschnürte.

Bald entdeckte der Jäger acht Füchse, die wie an einer Schnur an seiner Deckung vorbei schlichen. Als er den letzten erschiessen wollte, rief der: «Trine, Trine, komm geschwind!», und der im Sack erwiderte: «O jee, ich kann nicht! Der Jäger hat mich im Sack!»

Als der Jäger zu Hause den Fuchs aus dem Sack ziehen wollte, war der Sack zwar noch fest verschnürt, aber leer. Am nächsten Tag läutete es in Fontnas der Trine ab der Säge, die am Morgen tot in ihrem Bett gelegen war. Als man drei Tage später die Leiche aus dem Haus zog, «sass aber die Trine auf einem Sägeholz am Weg und schaute dem eigenen Kirchgang zu. – Sie war eben eine Hexe!»

Hexen stellten in der Vorstellung unserer Vorfahren eine eigentliche Sippschaft des Bösen dar, schreibt Hansjakob Gabathuler. Hexen hatten sich mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele dem Teufel verschrieben.

Kobolde und Schreckgestalten

In seiner Abhandlung verweist Hansjakob Gabathuler auf die weite Verbreitung von Sagen von gutmütigen und boshaften Kobolden, die oft in Gestalt der Erdmännchen oder wilden Mannli auftraten. Zu den Kobolden zählte das Grääggi, das Wüetihö, das sich beispielsweise in Gewittern zeigt, oder auch das Bachgeschrei. Alle diese Kobolde oder Schreckgestalten wollten die Menschen mit ihrem unheimlichen Aussehen oder ihrem schrecklichen Lärm aufschrecken oder warnen.

Hier ein Beispiel einer Waldgeschichte aus dem Werdenberger Sagengut aus der Kategorie «Kobolde und Schreckgestalten»: Nächtliche Wanderer wurden zwischen Sevelen und Gretschins, im Selva, von einem dreizipfligen Laubsack erschreckt, der vor ihm von einem Bau auf die Wiese fiel und auf sie zurollte, als wolle er sie unter sich begraben. Die Gruppe stoppte den Laubsack und schlug wie wild mit den Füssen auf ihn ein bis er zu schreien anfing. «Mörderisch rief dieser dann aus, wie ein wilder Kater, wie eine alte Eule, wie ein Löwe, wie ein Wolf oder wie ein wütender Eber. Man hätte meinen können, eine ganze Arche Noah wäre in dem Sack versteckt. Dann rollte er hinunter durch das Töbeli, hinunter bis zur Chalch-wiese – ein Gebrüll und ein Geschrei, das von den Felswänden und vom Wald widerhallte, und die Buchen und Lärchen rauschten dazu, als ob der Föhn hineingefahren wäre. Das Bachgeschrei schlug manchem aufs Herz, und der eine oder andere hatte am andern Morgen einen geschwollenen Kopf wie eine Blache voller Bettfedern.»

Hinweis

Gabathuler Hansjakob: Waldgeschichten aus dem Werdenberger Sagengut. In: Werdenberger Jahrbuch 2004, Buchs 2003, S. 227–251.