Freispruch nach peinlicher Szene auf der Toilette der Raststätte Walensee

Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland spricht einen Mann frei, der einem anderen auf der Toilette einer Autobahnraststätte sexuell zu nahegekommen sein soll. Unbestritten war, dass es unangenehm ist, wenn einem jemand beim Pinkeln aufs Glied starrt.

Reinhold Meier
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Der Ursprung des Gerichtsverhandlung: Ein Mann fühlte sich auf einem Pissoir von einem anderen Mann belästigt.

Der Ursprung des Gerichtsverhandlung: Ein Mann fühlte sich auf einem Pissoir von einem anderen Mann belästigt.

Bild: Mareycke Frehner

Die Staatsanwaltschaft hatte dem 40-jährigen Südamerikaner, niedergelassen in der Region, Exhibitionismus vorgeworfen, allenfalls sexuelle Belästigung. Dies, weil der CEO eines Unternehmens, das wohl momentan eher schlecht als recht läuft, spät abends auf der Walensee-Raststätte Bergsboden dringend aufs WC musste, wenige Minuten vor der Ankunft in seinem Zuhause und sich dabei unsittlich gebärdet haben soll. Vor Ort betrat er die Nacht-Toilette. Sie verfügte über ein Pissoir, ein Behinderten-WC, einen Wickeltisch und das entsprechende Zubehör, namentlich Spiegel, die noch eine wichtige Rolle spielen sollten und eine mit Keil offen gestellte Tür.

Unbestritten war, dass das mutmassliche Opfer, aus dem Raum Zürich stammend, am Pissoir urinierte, während sich der Beschuldigte beim WC an seiner Hose zu schaffen machte. Dabei kehrten sie sich mehr oder weniger den Rücken zu. Doch sie konnten sich offenbar über die Schulter gegenseitig erblicken. Auf diese Weise nahm der Zürcher denn auch auf einmal wahr, dass der andere ihm über dessen Schulter und via Spiegel aufs Glied starrte, ihn dabei lasziv anblickte und dazu auch noch anfing, an seinem eigenen Geschlechtsteil herumzuhantieren, so die Anklage.

«Habe mich sofort entschuldigt»

Das sei kein unbedarftes Verhalten mehr, das sozial tolerierbar sei, sondern Exhibitionismus oder doch eine sexuelle Belästigung. Die Staatsanwaltschaft forderte eine Geldstrafe von fünf Tagessätzen à 30 Franken, bedingt ausgesprochen auf zwei Jahre Bewährung, dazu eine Busse von 200 Franken. Der niedrige Ansatz bei der Geldstrafe resultiert daraus, dass die Geschäfte des CEO, er handelt nach eigenen Angaben mit nachhaltiger Unterwäsche, offenbar mager verlaufen, sein Lebenspartner muss ihn aktuell aushalten. Die Verteidigung wollte hingegen einen Freispruch. Der Privatkläger erhob keine Zivilforderungen, wollte aber einen Schuldspruch im Sinne der Anklage.

An Schranken präsentierte sich der Beschuldigte teils unwissend, teils einsichtig. Mehrfach machte er Erinnerungslücken geltend, gestand aber auch unumwunden ein, dass es ein Fehler gewesen sei, dem anderen aufs Glied zu gucken, noch dazu über die Schulter und via Spiegel. Als der Mann sich beschwerte, habe er sofort woanders hingeschaut und sich entschuldigt. Er wünsche sich heute Gerechtigkeit, zumal er geltend machte, das Polizeiprotokoll enthalte Fehler, weil es ihm ohne von einem Dolmetscher übersetzt zu werden, zur Unterzeichnung vorgelegt worden sei.

«Unglaubwürdige Ausflüchte»

Sein Anwalt betonte in über einstündigen Vortrag, dass sein Mandant lediglich an seiner Hose, der Unterhose, dem Hemd und schliesslich dem Geschlechtsteil herumhantiert habe, wie Männer es eben machten, bevor es zum Urinstrahl kommt. Der Privatkläger könne über zwei Rücken gar nicht gesehen haben, ob sein Mandant sich selbst befriedigt habe. Auch von einem lasziven Blick, also laut Duden einer schwül-erotischen Miene, sei erst zu einem späteren Zeitpunkt der anderthalbjährigen Verfahrensdauer die Rede gewesen.

Der Anwalt des Privatklägers machte es kurz. In weniger als zehn Minuten legte er dar, dass nach seiner Einschätzung die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten minimal sei. Falschaussagen und Ausflüchte, die den gesunden Menschenverstand beschämten, kennzeichneten dessen Einlassungen, so der Anwalt. Das Gericht gelangte gleichwohl zu einem Freispruch. Es stünde Aussage gegen Aussage und keine der beiden Positionen überzeuge das Gericht mehr als die andere. Deshalb habe ein Freispruch zu erfolgen. Entscheidend sei, was bewiesen werden könne. Der Anwalt des Privatklägers kündigte an, einen Rekurs ernsthaft prüfen zu wollen.

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