FDP-Regierungsratskandidat
Beat Tinner (Wartau) im Wahlkampf:
«Man muss die Leute ernst nehmen»

Am 8. März möchte Beat Tinner den Sprung in die Kantonsregierung schaffen. Sein politischer Ehrgeiz und der Wille zum übergeordneten Denken sind ihm hilfreich – ebenso wie die Lektüre isländischer Krimis oder die Zubereitung einer Kürbissuppe.

Armando Bianco
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«Weil wir ein Ringkanton sind, gibt es unterschiedliche Erwartungen»: Der Wartauer Beat Tinner kandidiert am 8. März für den Regierungsrat.

«Weil wir ein Ringkanton sind, gibt es unterschiedliche Erwartungen»: Der Wartauer Beat Tinner kandidiert am 8. März für den Regierungsrat.

Hanspeter Schiess

Herr Tinner, in den nächsten fünf Tagen sind Sie laut Ihrer Wahlkampfagenda neunmal öffentlich zu sehen. Wie viele Stunden pro Woche investieren Sie in den Wahlkampf?

Ich habe die Stunden nie gezählt, für mich ist das auch nicht so eine zentrale Frage, da ich es gerne mache. Für mich ist wichtig, dass ich präsent bin und mich auch mit den Leuten austauschen kann, die mich noch nicht kennen.

Das machen Sie zum Beispiel frühmorgens, wenn Sie an Bahnhöfen Flyer oder Wahlgadgets verteilen.

Genau, in letzter Zeit war ich oft zwischen 6 und 7.30 Uhr an solchen Aktionen in verschiedenen Bahnhöfen im Kanton beteiligt.

Daneben sind Sie an schier unzähligen offiziellen Anlässen zu sehen.

Diese Anlässe konzentrieren sich meist auf die Abende, sodass meine Tage früh beginnen und spät enden. Und natürlich gehören derzeit für mich auch die eine oder andere Verpflichtung an Wochenenden dazu.

Wie reisen Sie jeweils von A nach B?

Zum grössten Teil der Veranstaltungen und Sitzungen reise ich mit dem öffentlichen Verkehr an. Dies hat drei Vorteile: Ich kann die Reisezeit zum Arbeiten nutzen, ich komme entspannter an und auf der Fahrt komme ich ins Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern.

«In der Tat ist es aber so, dass das Pensum nebst dem Gemeindepräsidium, dem Kantonsratsmandat und weiteren Verpflichtungen hoch ist.»

Ihre Frau wird sie vermissen, nehme ich an.

Wir haben das so gelöst, dass sie morgen aus Hammamet zurückkehrt, wo sie während der letzten Zeit war, um die Olivenernte zu bewältigen. Wir besitzen in Tunesien eine Plantage mit rund 100 Bäumen, was doch einige Arbeit mit sich zieht.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen am Tag für sich ganz allein?

Ich lese derzeit einen isländischen Krimi, da kann ich mich gut verweilen. Und wenn das Wetter mitspielt, bin ich auch gerne einmal auf Skiern unterwegs. Die wenige Zeit möchte ich qualitativ gestalten.

Ist für Politiker eigentlich nicht immer Wahlkampf?

Jetzt ist die Zeit sehr intensiv, aber aufs Jahr hinaus betrachtet ist es nicht ein dauerhafter Wahlkampf. Ich sage immer: Nach den Wahlen ist vor den Wahlen. Personen, die sich politisch betätigen und etwas erreichen wollen, die müssen eine gewisse Präsenz haben.

Investiert sehr viel in den Wahlkampf – und es macht ihm Spass: Beat Tinner aus Wartau, Regierungsratskandidat der FDP.

Investiert sehr viel in den Wahlkampf – und es macht ihm Spass: Beat Tinner aus Wartau, Regierungsratskandidat der FDP.

Hanspeter Schiess

Ihr Pensum ist enorm. Wer sind ihre wichtigsten Helfer im Wahlkampf?

Auf regionaler Ebene ist das mein Parteikollege Christian Lippuner aus Grabserberg. Im Hintergrund und als Medienprofi steht mir Ralph Dietsche aus Rüthi zur Seite. Und natürlich erhalte ich viel Unterstützung von meiner Partei und meinem Wahlstab.

Um Beat Tinner kommt man in der Öffentlichkeit kaum herum, sei dies auf Plakaten, in Zeitungen, an Anlässen oder online. Stellt man sich als Politiker auch die Frage, wann eigentlich genug ist?

Diese Frage ist durchaus berechtigt. Man muss sich die Frage stellen, mit welchem Aufwand man am besten die Durchdringung erreichen kann. Mir ist schon bewusst, dass es dabei einen enormen Streuverlust gibt. Dennoch bin ich überzeugt, dass man präsent sein muss, sei dies inhaltlich oder als Person.

Was ist für Sie gewinnbringender – die persönliche Präsenz oder Präsenz in elektronischen oder gedruckten Medien?

Der persönliche Kontakt ist sehr wichtig und bringt am meisten. Je nach Wählerschicht haben gedruckte Medium eine hohe Bedeutung. Schaut man, wer abstimmen und wählen geht, ist das vermutlich auch heute noch eine Altersschicht, die stark auf traditionelle Medien setzt.

Anders sieht das bei der jüngeren Wählerschaft und den ganz jungen Medien wie Instagram, Snapchat oder Tiktok aus.

Hier bin ich eigentlich nicht präsent, was aber auch ein bewusster Entscheid war, denn das gehört nicht zu meiner Kernkompetenz.

Was ist denn wichtiger für den Wähler und Politiker: Dass man in erster Linie seriös oder sympathisch rüberkommt?

Am besten natürlich beides. Es ist aus meiner Sicht eine wichtige Kombination, dass man fachlich kompetent und gleichzeitig nahbar ist.

Wie grenzen Sie sich von Ihrer Konkurrenz ab? Der Wahlkampf ist bisher sehr zahm.

«Ich habe immer gesagt, dass ich einen Wahlkampf mit Anstand möchte.»

Das heisst aber nicht, dass ich mich nicht positioniere. Ich versuche mich inhaltlich abzuheben, verspüre aber keine Lust, meine Konkurrenz in den Boden zu stampfen. An einem Podium gehe ich immer sachlich und überlegt vor.

Muss man im Wahlkampf immer bei der Wahrheit bleiben?

Das ist für mich eine Grundvoraussetzung. Ein komplexes Thema auf zwei, drei inhaltliche Kernaussagen zu reduzieren, ist eine Herausforderung. Da ist es klar, dass es zu einer Art Unschärfe kommen kann. Aber Fake News gibt es von mir keine.

Wie leben Sie mit persönlichen Angriffen im Wahlkampf?

Ich kann das gut abgrenzen. Sobald man eine Person von öffentlichem Interesse ist, muss man auch mit anderen Gedankengängen umgehen können. Wer politische Aussagen macht, muss auch mit Reaktionen umgehen können. Deshalb nehme ich mir die Zeit, persönlich auf andere Positionen zu reagieren – mit einer sachlichen Diskussion. Meine Grundüberlegung ist, dass ich die Menschen und ihre Anliegen immer ernst nehme.

«Als Politiker muss man sich zwischendurch neu erfinden»: Beat Tinner, FDP-Regierungsratskandidat aus Wartau.

«Als Politiker muss man sich zwischendurch neu erfinden»: Beat Tinner, FDP-Regierungsratskandidat aus Wartau.

Hanspeter Schiess

Muss man sich an Angriffe gewöhnen? Sie standen öffentlich oft auch im Gegenwind.

Darum bin ich ja immer noch da. Mit zunehmender Erfahrung können Angriffe oder Aussagen richtig eingeordnet werden. Das Zentrale ist, die Leute ernst zu nehmen, unabhängig von gerechtfertigter oder ungerechtfertigter Kritik. Das heisst nicht, dass man deswegen seine Positionen verändern muss. Das habe ich über all die Jahre hinweg gelebt.

Also haben Sie eine dicke Haut.

Als Politiker muss man sich zwischendurch neu erfinden und den gesellschaftlichen Wandel mitmachen. Was vor 20 Jahren politisch zeitgemäss war, muss es heute nicht mehr sein. Man muss in der Lage sein, gewisse Themen zu antizipieren und die Leute für Themen zu sensibilisieren. Das Gesundheitswesen ist aktuell ein Thema, das Veränderungen braucht. Man kann nicht einfach sagen, dass alles so bleibt, wie es ist. Der Staat und der Kanton zum Beispiel müssen sich überlegen, ob es Aufgaben und Ämter gibt, die man dezentral erbringen und organisieren kann.

Würde das Werdenberg davon profitieren?

Die ländlichen Regionen oder Zentren wie Rapperswil-Jona, Sargans oder Wil könnten tatsächlich davon profitieren. Sie würden neue Ausbildungs- und Arbeitsplätze in ihrer Region gewinnen, als Wohngemeinde für Staatsangestellte wegen der Nähe zum Arbeitsplatz attraktiver werden und würden zudem den Pendlerverkehr in die Kantonshauptstadt entlasten.

«Die Digitalisierung eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten, die es zu prüfen gilt.»

Sie betonen gerne, dass Sie eine Brücke zwischen Stadt und Land sein können. Wo es eine Brücke braucht, da gibt es auch einen Graben.

Weil wir ein Ringkanton sind, gibt es unterschiedliche Erwartungen. Wahrscheinlich hat jede Region ein bisschen das Gefühl, dass sie etwas benachteiligt ist, dafür hatten wir jüngst genug Beispiele. Der Sarganserländer hat hie und da das Gefühl, dass er etwas benachteiligt ist, der Werdenberger ist da etwas entspannter. Und das Toggenburg befindet sich aufgrund seiner Grösse auch in einer speziellen Situation. Darum gilt es, die Gemeinsamkeiten anstatt rein regionalpolitische Überlegen vermehrt in den Vordergrund zu stellen.

Die Regierung dient der ganzen Bevölkerung. An Sie gibt es hohe Erwartungen, dass sie auch ein Regierungsrat für den Südteil des Kantons sein könnten.

Allein schon die Tatsache, dass man die Leute und die Regionen kennt, ermöglicht es einem, in einem Kontext zu denken. In einem Leitsatz des Kantons steht das Wort Vielfalt. Diese ist akzeptiert, gleichzeitig kann man aber nicht ins Gärtchendenken zurückfallen. Der öffentliche Verkehr ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn man hier erfolgreich sein will, muss man über Grenzen hinweg agieren, was wiederum den ländlichen und den städtischen Regionen zugutekommt.

Was darf ein städtischer Wähler von Ihnen erwarten?

Er kann von mir erwarten, dass ich mich für Themen einsetze, die ihn betreffen. Sei dies der öffentliche Verkehr, die Kultur oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Letzteres wird auch in ländlichen Regionen immer öfter zum Thema. Ich kann regionale Anliegen verstehen, nur diese zu vertreten wäre aber fatal. Ich bringe sie in einen übergeordneten Zusammenhang.

Wie grün und sozial ist Beat Tinner?

Wahrscheinlich sozialer, als das viele erwarten. Ich engagiere mich in der Schweiz auf sozialer Ebene stark. Oder im Heimatland meiner Frau unterstütze ich ab und zu Personen beim Aufbau eines Kleingewerbes. Was ich während des Wahlkampfs auch noch mache: Mein Vater hat Anfang Jahr das Schienbein gebrochen und meine Mutter ist in Bereichen ihres Lebens pflegebedürftig. Ich unterstütze beide abends und morgens im Alltag so weit möglich.

Ein enormes Pensum, das Sie abspulen. Wie laden Sie ihre Batterien auf?

Ich lege Wert darauf, dass ich Zeit für mich finde, ich gehe dann Velofahren oder lese gerne Zeitung. Ich gehe gerne in unser Ferienhaus in Tunesien, da kann ich gut abschalten. An Wochenenden koche ich zwischendurch gerne. Ich habe eine grosse Sammlung an Rezepten, vom Rindsentrecote über Spaghetti bis hin zu einer Kürbissuppe. Das ergibt dann immer einer Drei- bis Viergänger, so stehe ich schon auch mal ein paar Stunden in der Küche.

Hat Sie Ihr Hausarzt schon einmal vor Stress gewarnt?

Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich letztes Mal zum Arzt musste. Ich bin ein belastbarer und gut strukturierter Mensch. Und ich versuche auch, Wichtiges von weniger Wichtigem zu trennen. Wenn man etwas gerne macht, ist man wohl auch nicht so gestresst. Als Politiker muss man Menschen mögen, das ist eine Grundvoraussetzung. Wenn man hier Hemmungen hat, dann wird es schwierig. Und wohl stressig. Aber mir macht das Spass, was ich mache.

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