Beat Tinner zur «Fährhütten»-Kritik: «Fakten abwarten, dann hinterfragen»

Der Wartauer Gemeindepräsident nimmt im Interview Stellung zur Kritik am geplanten neuen Bahnhalt Fährhütte in Trübbach.

Interview: Thomas Schwizer
Hören
Drucken
Teilen
Gemeindepräsident Beat Tinner: «Für den neuen Standort des Bahnhalts sprechen verschiedene Gründe, nicht nur die Kosten.»

Gemeindepräsident Beat Tinner: «Für den neuen Standort des Bahnhalts sprechen verschiedene Gründe, nicht nur die Kosten.»

Bild: Armando Bianco

In den letzten Wochen ist in Leserbriefen im W&O der geplante Standort der neuen Bahn-Haltestelle Fährhütte in Trübbach kritisiert worden. Sie soll zeitgleich mit dem Doppelspurausbau der Rheintallinie oder leicht verzögert erfolgen. Die Inbetriebnahme der Doppelspur zwischen Buchs und Sargans bzw. zwischen Buchs und Altstätten sowie die gleichzeitige Einführung des Halbstundentaktes im Rheintal ist auf den Fahrplanwechsel im Dezember 2024 geplant.

Alter Standort steht nicht mehr zur Diskussion

Seit 2014 die S-Bahn im Kanton St. Gallen eingeführt worden ist, sind die beiden Bahnhöfe auf dem Wartauer Gemeindegebiet, Trübbach und Weite, geschlossen. In Abstimmung mit der Region Sarganserland-Werdenberg wurde der Gemeinde Wartau nach dem Doppelspurausbau eine Haltestelle zugesprochen. Dafür wurde, nach einer Nutzwertanalyse des kantonalen Amtes für öffentlichen Verkehr (ÖV), der neue Standort Fährhütte in Trübbach ausgewählt. Er ist auch im Richtplan der Gemeinde aufgeführt.

Gemeindepräsident Beat Tinner sagt, dass der Standort des alten Bahnhofs nicht mehr zur Diskussion steht. Es hätten verschiedene Partner entschieden und das Neubauprojekt erfülle die heutigen Anforderungen.

Bund und Kanton tragen die Kosten für neue Haltestelle

Er nennt im Interview mit dem W&O Vorteile, die dieser Standort gegenüber dem alten Bahnhof in Trübbach biete. So soll die neue Haltestelle Mitarbeitende im Gebiet Fährhütte, in dem die Industrieentwicklung stattfinden soll, zum schnellen Pendeln mit dem ÖV motivieren. Und das Ortszentrum werde vom Verkehr entlastet.

Der Gemeindepräsident erklärt, dass der Bund und der Kanton die Kosten von zirka 5,5 Millionen Franken für die Realisierung des neuen Bahnhalts übernehmen. Man müsse nun das Vorliegen des Vorprojektes abwarten, das die SBB derzeit erarbeiten. Er stellt fest:

«Danach ist der richtige Zeitpunkt, anhand der Fakten nochmals alles zu hinterfragen, die Bevölkerung zu informieren und einen Entscheid zu treffen.»

Aus einer aktuellen Planungsvariante geht hervor, dass das Neubauprojekt auch eine Erschliessung für Fussgänger und Busbenutzer vorsieht. Die ÖV-Planung beinhalte nicht nur die Bahnhaltestelle, sondern auch eine bessere Busanbindung ans Oberstufenzentrum Seidenbaum, sagt Beat Tinner.

Gemeindepräsident Beat Tinner beantwortet offene Fragen und sagt, warum der Gemeinderat das Vorhaben grundsätzlich unterstützt:

In Trübbach soll ein neuer Bahnhalt entstehen. Wann wird dieser in Betrieb genommen?

Beat Tinner: Der genaue Zeitpunkt steht heute noch nicht fest. Voraussichtlich wird dies zeitgleich oder leicht verzögert mit der Eröffnung des Doppelspurausbaus der Rheintallinie erfolgen.

In Weite und Trübbach steht je ein Bahnhof. Keiner der beiden wird mehr bedient. Weshalb?

Die beiden Bahnhöfe in Weite und Trübbach wurden bereits geschlossen. Der Grund war 2014 die Einführung der S-Bahn. Es war keine Reservezeit vorhanden, um alle Bahnhalte zu bedienen. Diese Situation ist für uns unbefriedigend. Deshalb haben wir mit den verschiedenen Beteiligten bereits zum Zeitpunkt der Schliessungsankündigung Lösungen gesucht. Unser Ziel war es, in Abstimmung mit der Fachgruppe Verkehr der Region Sarganserland-Werdenberg mindestens einen Bahnhalt in der Gemeinde Wartau zu sichern.

Nun soll im Gebiet Fährhütte der neue Bahnhalt entstehen.

In der Fachgruppe der Regionalplanung Sarganserland-Werdenberg wurde zu Gunsten von Trübbach auf einen Halt in Räfis-Burgerau verzichtet. Dies ist für uns und unsere Industriebetriebe sehr wichtig. Die Bahn-Haltestelle Fährhütte ist ausserdem im Richtplan festgelegt, zu dem die Bevölkerung vor dem Erlass Stellung nehmen konnte. Er ist für die Behörden verbindlich. Jüngst hat sich die Bevölkerung zudem im Gemeindeentwicklungsprojekt dafür ausgesprochen, dass die Industrieentwicklung im Raum Fährhütte stattfinden soll. Indirekt wurde damit die Bedeutung des neuen Standortes des Bahnhalts nochmals unterstrichen.

Weshalb eignet sich der alte Standort in Trübbach nicht mehr?

Das Amt für öffentlichen Verkehr (ÖV) hat eine Nutzwertanalyse Bahnhofstandort durchgeführt. Dabei wurden der bestehende und der geplante Standort gegenübergestellt. Diese Analyse ist zu Gunsten von Trübbach-Fährhütte ausgefallen. Wenn auch knapp. Wir sind zudem überzeugt, dass der neue Standort aktuell und vor allem auch in Zukunft klare Vorteile hat und wir die Chance nutzen müssen, die Weichen entsprechend zu stellen.

Was für Vorteile hat denn der neue Standort?

Mit dem Parkhaus Fährhütte bieten sich künftig in nächster Nähe Parkmöglichkeiten an. Also ein P&R-Angebot. Zudem ist der neue Bahnhalt in nächster Nähe der Industrie. Die Firma Evatec möchte den Anschluss ans Schienennetz, damit die Mitarbeitenden schneller zur Arbeit pendeln können. Im Industriegebiet Fährhütte stehen wesentliche Nutzungsänderungen an. Es ist also anzustreben, dass künftig auch aus dem Rheintal dank dem neuen Bahnhalt mehr Personen mit dem ÖV zur Arbeit pendeln können. Weiter ist auch die Nähe zur Autobahn und zum Fürstentum Liechtenstein ein klarer Vorteil. So müssen Auswärtige nicht mehr durch das Dorf Trübbach fahren, sondern können im Parkhaus direkt beim Autobahnanschluss und beim Grenzübergang parkieren. Trübbach wird vom Verkehr entlastet und der Parkdruck im Zentrum und rund um den alten Bahnhof wird reduziert. Dies entlastet die Strassen und steigert die Lebensqualität der Zentrumsbewohner.

Trotzdem will eine Gruppierung, den alten Standort reaktivieren.

Wir haben bereits verschiedene Gespräche mit einem Exponenten geführt, der sich für den alten Standort einsetzt. Sachlich gibt es aus unserer Sicht keine neuen Argumente, die für den alten Bahnhof sprechen. Emotionale Gründe sind ein anderes Thema, das wir nicht gewichtet haben.

Wann wird die Wartauer Bevölkerung konkret über das Projekt Haltestelle Fährhütte orientiert?

Der Gemeinderat hat im Jahr 2014 in Ratsmitteilungen über die Absicht der SBB-Planer für den Bahnhalt informiert und dargelegt, warum er die Überlegung unterstützt. Es gilt nun das Vorprojekt abzuwarten, das die SBB derzeit erarbeiten. Danach ist der richtige Zeitpunkt, anhand der Fakten nochmals alles zu hinterfragen, die Bevölkerung zu informieren und einen Entscheid zu treffen. Generell spüren wir aber eher eine positive Stimmung, eine Vorfreude auf den neuen Bahnhalt.

Ist der alte Standort definitiv vom Tisch?

Die Wartauer Bevölkerung kann nur entscheiden, ob sie künftig in ihrer Gemeinde wieder einen Bahnhalt haben möchte oder nicht. Dies unabhängig vom Standort. Schliesslich können wir dies nicht alleine entscheiden, sondern verschiedene Partner sprechen da ein gewichtiges Wort mit. Hinzu kommt, dass wir den Bahnhalt in Trübbach nicht gefährden wollen, nur um Bedürfnissen von einem Exponenten gerecht zu werden. Es war ein Kampf an verschiedenen Fronten, dass uns überhaupt noch eine Haltestelle zugesichert wurde. Die Reaktivierung des alten Bahnhofes ist daher kein Thema.

Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie bei der Standortwahl des Bahnhalts Eigeninteressen verfolgen.

Es gibt Personen, die meinen, mich im Wahlkampf durch absurde Behauptungen unter Druck setzen zu können. Ich bleibe aber meiner Linie treu, mache keine leeren Versprechungen und setze mich für das Wohl der Bevölkerung ein. Meine persönlichen Karriereüberlegungen stelle ich hinten an. Diese haben keinen Einfluss auf mein Wirken.

«An dieser Stelle betone ich, dass ich nicht am Parkhaus Fährhütte beteiligt bin und noch nie beteiligt war.»

Genau dies wird mir nämlich von einem Exponenten vorgeworfen, der meint, ich wolle mit dem neuen Bahnhalt-Standort dem Parkhaus zu einer höheren Auslastung verhelfen und dadurch profitieren.

Wie schätzen Sie die Haltung der Bevölkerung ein?

Ich gehe davon aus, dass die Bevölkerung einen Bahnhalt in unserer Gemeinde will. So zumindest spüre ich es, wenn ich mit Bürgerinnen und Bürgern spreche. Auch die Petition zum Erhalt des Bahnhofs war kurz vor der Schliessung ein deutliches Signal. Ob der Bahnhof am alten Standort oder in der Fährhütte entsteht, ist wohl eher unerheblich.

«Viele Wartauerinnen und Wartauer, die nach Buchs–St.Gallen bzw. Sargans–Chur pendeln, wünschen sich eine Bahn-Haltestelle. Zu denen gehöre auch ich als intensiver ÖV-Nutzer.»

Der neue Bahnhalt würde die Reisezeiten verkürzen. Und mit der FL.A.CH-Bahn Feldkirch–Buchs würde er für Pendler gar noch wertvoller. Zudem ist der Bahnhof auch über die Guferastrasse erreichbar.

Weshalb ist es wichtig, dass sich die Bevölkerung für einen Bahnhalt in der Fährhütte ausspricht?

Mit der Realisierung des Bahnhalts Fährhütte sichern wir uns den Anschluss an das Schienennetz. Dies wird in Zukunft noch wichtiger sein als heute. Denn die Verkehrsströme werden tendenziell eher zunehmen als abnehmen. Wie sich die Mobilität in den nächsten Jahrzehnten verändert, ist schwierig abzuschätzen. Der Gemeinderat ist aber überzeugt, dass der Bahn und dem ÖV im Allgemeinen eine bedeutende Rolle zukommen wird. Daher lohnt es sich, bereits heute für die Bedürfnisse einzustehen. Später neue Ansprüche zu stellen wird wohl schwierig bis unmöglich werden.

Wie viel wird der neue Bahnhalt Fährhütte kosten?

Für den neuen Bahnhalt wird mit Kosten von 5,5 Millionen Franken gerechnet. 2,8 Millionen übernimmt das Bundesamt für Verkehr. Der Kanton St.Gallen trägt die restlichen Kosten. Der Kantonsrat hat letztes Jahr mit dem 6.Strassenbauprogramm den Baukredit bereits genehmigt. Mit dieser Investition ist der Bahnhalt auf dem neuesten Stand und erfüllt die heutigen Anforderungen wie beispielsweise Einstiegshöhe und Länge des Perrons, und er ist behindertengerecht.

Muss die Gemeinde also für den neuen Bahnhalt nichts bezahlen?

«Die Gemeinde Wartau hat für die Realisierung des Bahnhaltes Fährhütte selbst keine Kosten zu tragen.»

Sollte sich herausstellen, dass mit dem definitiven Projekt allenfalls kleine Anpassungen am Strassenkörper nötig sind, dann hätte die Gemeinde daran wohl einen Beitrag zu leisten.

Im vorliegenden Projektentwurf ist auch eine Bushaltestelle beim Bahnhalt Fährhütte eingezeichnet.

Unsere ÖV-Planung beinhaltet nicht nur die Bahnhaltestelle Fährhütte, sondern legt den Fokus auch darauf, wie mit dem Bahnhalt eine bessere Anbindung ans Oberstufenzentrum Seidenbaum möglich ist. Mit der neuen Bushaltestelle für die Buslinie 420 bekommen wir diese. Die Busverbindungen Richtung Sargans und Buchs würden mit dem Bahnhalt nicht beeinträchtigt, da sie überregional sind.

Was würde im Vergleich eine Reaktivierung des alten Bahnhof- Standortes kosten?

Für die Wiederinbetriebnahme des bestehenden Bahnhofes müssten gemäss ersten Schätzungen der SBB aus dem Jahr 2011 rund 3,8 bis 4 Millionen Franken investiert werden. Trotzdem müssten Kompromisse gemacht werden, und der Bahnhalt wäre nach Ansicht des kantonalen Amtes und der Gemeinde nicht an optimaler Lage. Für den neuen Standort sprechen also verschiedene Gründe, nicht nur die Kosten.

Wie lange laufen die Planungen für den Bahnhalt Fährhütte bereits?

Die ersten Überlegungen wurden im Jahr 2005 angestellt. Sie haben sich seit den Sanierungsabsichten der SBB ab dem Jahr 2011 weiter verdichtet und konkretisiert. Bahninfrastrukturanpassungen sind mehrjährige Prozesse. Deshalb bedeutet es für solche Projekte den Todesstoss, wenn die Politik ihre Vorstellungen immer wieder ändern möchte.