Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Es sieht aus, als ginge die Welt unter»

Der 22. Juni 1938 brannte sich in das Gedächtnis der Sennwalder ein. Die Zeitzeugen Elisabeth Göldi, Ernst Inhelder und Ernst Werder erinnern sich an den Tag, der Schrecken und Verwüstung über das Dorf brachte.
Alexandra Gächter
Die Ausbruchsstelle des Steinenbachs im Geretsfeld mit Blick Richtung Scheune von Akkordanten Jakob Auer. (Bild: Staatsarchiv SG)
Die Zivilbevölkerung hilft mit Pickeln und Schaufeln, den Steinenbach von Steinen und Holz zu befreien. (Bild: Archiv Roger Urfer)
Arbeiter bei der Ausbruchsstelle oberhalb der Staatsstrasse. (Bild: Staatsarchiv SG)
Was nach dem Wasser zurückblieb: die Zubengasse mit Blick Richtung Berg. (Bild: Staatsarchiv SG)
Steine türmen sich nach dem Unwetter auf der Staatsstrasse vor der Kirche. (Bild: Staatsarchiv SG)
Ein kleines Bächlein und eine grosse Unordnung ist das, was übrig blieb. (Bild: Staatsarchiv SG)
Das Wasser ist weg, der Unrat auf der Staatsstrasse noch nicht. (Bild: Staatsarchiv SG)
7 Bilder

«Es sieht aus, als ginge die Welt unter»

Es ist Mittwochnachmittag, Viertel vor fünf, als die Sturmglocke läutet und das Feuerhorn gellt. Chaos in Sennwald. Was in den nächsten Minuten auf sie zukommt, ahnen die Sennwalder bereits. Der Berg kündigt es mit einem unheimlichen Donnern und Krachen an: Eine Masse aus Wasser, Holz und Geröll wird gleich ins Tal herunterschiessen. Überall hört man Geschrei, sieht verzweifelte Menschen um ihr Leben rennen.

Eine Stunde zuvor ist die Welt noch in Ordnung. Ernst Inhelder ist gerade mal drei Jahre alt. Es ist ein heisser Tag und wie die meisten verbringt er den Nachmittag mit seinem Vater beim Heuen. Auf einmal färbt sich der Himmel tiefschwarz. Geistesgegenwärtig wirft ihn sein Vater auf den Rücken und rennt heimwärts. In Eile überqueren sie eine Brücke über den Steinenbach. Kurze Zeit später steht die Brücke nicht mehr. Die Wassermassen haben sie verschluckt.

«Jetzt chunnt no mea Wasser, no mea!»

Auch Elisabeth Göldi, 14 Jahre alt, ist mit ihrer Familie am Heuen. Um 16 Uhr sieht sie, wie sich über den Berghängen zwischen dem Hohen Kasten und den Stauberen ein heftiges und lang anhaltendes Gewitter mit Hagelschlag entleert. Einige Minuten später giesst es auch im Tal wie aus Kübeln. Aus allen Runsen und Rüfen fahren die Sturzbäche zu Tal. In der Egeten, wo sie wohnt, bildet sich ein See. Sie hört, wie jemand ruft: «He luag, jetzt chunnt no mea Wasser, no mea!» Da ihr Vater der Feuerwehr angehört, eilt er sofort los, um zu helfen.

Das Wasser fliesst in die Küche und Stube

Ernst Werder ist zu dieser Zeit zehn Jahre alt. Er und zwei seiner Brüder verbringen den heissen Tag beim Baden am Rhein. Kaum im Wasser sehen sie über dem Hohen Kasten die schwarze Wolkenwand. Angst treibt die drei Werder-Buben sofort nach Hause. Während sie ins Dorf rennen, werden sie erst vom Hagelschauer, dann vom wolkenbruchartigen Regen überrascht. Unter einem Baum finden sie kurzzeitig Schutz. Zu Hause angekommen, hört es auf zu regnen. Eine unheimliche Stille folgt. Dann sieht Ernst Werder den Berg zittern und hört es krachen. Felsbrocken donnern zu Tal. Es sieht aus, als ginge die Welt unter.

Unmittelbar danach rennt die junge Frau Frick mit ihrem Kinderwagen bei der Familie Werder vorbei. Auch sie ist beim Heuen vom Unwetter überrascht worden. Die Werders wollen ihr Unterschlupf gewähren, aber die Frau ruft, sie müsse heim und rennt weiter. Nun hält der Damm des Steinenbachs der Masse nicht mehr Stand. Er bricht. Eine gut ein Meter hohe Mauer von Steinen, Holz und Schlamm kommt auf das Dorf zu. Dann bricht auch der Damm des Rohrbachs oberhalb des Hälisteins. Erneut kommt eine Wasser- und Gerölllawine auf das Dorf zu. Sie füllt die Zubengasse meterhoch auf.

In eben jene Gasse ist die erwähnte Frau Frick mit ihrem Kleinkind just einen Moment vorher eingebogen. Sie rettet sich gerade noch in das Haus der Witwe Göldi-Mock, bevor die Geröllwalze auf das Haus zu donnert. Steinblöcke und Schlamm türmen sich vor dem Haus auf. Das Wasser fliesst durch die Haustüre in die Küche und Stube, wo Stühle und Tische wie in einem See herumschwimmen. Eben erst in Sicherheit gewähnt, eilen die junge Frau mit ihrem Kind sowie die anderen Bewohner des Hauses in Todesangst zur anliegenden Scheune, wo sie auf dem Heustock Schutz suchen. Die Zubengasse ist keine Gasse mehr, sondern ein Fluss.

Feuerwehrmänner arbeiten die ganze Nacht

Auch in Frümsen und Lienz wütet das Unwetter. Die Feuerwehren von Altstätten, Rüthi, Salez, Buchs und später auch die von Grabs bringen die ersehnte Hilfe. Bis über die Knie stehen die Männer im Wasser. Einige von ihnen arbeiten die ganze Nacht hindurch. Sie versuchen, den Steinenbach wieder in sein altes Bett, das mit Steinen und Schutt nahezu ausgefüllt ist, zu zwängen.

84,5 Hektaren Kulturland sind verwüstet

Am Donnerstag, um vier Uhr in der Früh, heult das Feuerhorn erneut auf. Der Steinenbach sucht sich an einem anderen Ort einen Ausweg. Nun lösen die Feuerwehren Gams, Buchs-Altendorf und Räfis-Burgerau die anderen Männer ab. Die Hauptstrasse ist immer noch überschwemmt.

Ein paar Stunden später bricht Elisabeth Göldi auf, um mit ihrem Velo zur Schule nach Frümsen zu gelangen. Da sie die Hauptstrasse wegen der Wassermassen nicht überqueren kann, fährt sie einen Umweg. Besser haben es da die Arbeiterinnen der Sennwalder Tuchfabrik. Der 18-jährige Schwinger Ernst Berger trägt sie und danach ihre Velos über die Hauptstrasse.

An diesem Donnerstag und noch viele Tage später gibt das Dorf Sennwald ein trauriges Bild ab: aufgerissene Strassen, verwüstete Gärten, umgelegte Zäune, entwurzelte Bäume, angeschwemmtes Holz und unzählige Steine, die herumliegen. Dazwischen sind Felsbrocken, die so gross wie kleinere Ställe sind. Das Haus der Witwe Göldi-Mock blieb wie durch ein Wunder stehen, ein drei Meter hoher Berg aus Schutt und Steinen steht davor. 84,5 Hektaren Kulturland sind verwüstet. Elisabeth Göldi schiesst ein paar Fotos und verteilt später an der Strasse ein Extrablatt, das über das Unwetter berichtet. Gemeindeammann Traugott Wohlwend verbietet es ihr und schickt sie weg.

Die nächsten Wochen wird aufgeräumt. Von Hand. Mit Haken, Karst, Pickel und Schaufel laden die Männer Steine und Holz auf und fahren sie mit Pferdefuhrwerken weg. Die grossen Fels- brocken lassen sie liegen, die Zubengasse wird aufgeschüttet. An anderen Orten hat sich das Gelände vertieft.

Ausländische Arbeiter angeheuert

In Sennwald ist die Wirtschaftslage zu dieser Zeit – wie andernorts auch – sehr schlecht. Die einheimischen Arbeiter und Kleinbauern sind auf einen Nebenverdienst dringend angewiesen. Sie möchten die Aufräumarbeiten gerne selber durchführen. Die Behörden wollen jedoch lieber sparen und richten ein Arbeitslager mit ausländischen Arbeitslosen ein. Darüber empört sich die einheimische Bevölkerung masslos.

Ein paar Jahre später bauen die Sennwalder im Gebiet Strigg einen Kiesfang und versehen den Steinenbach mit einem festen Gerinne. Der Bach ist gezähmt. Von einer derartig verheerenden Überschwemmung, wie sie am 22. Juni 1938 passierte, blieben die Sennwalder fortan verschont.

Quellen: «W&O» und «Der Rheintaler» 1938; Werdenberger Jahrbuch 1999; Zeitzeugen: Elisabeth Göldi, Ernst Inhelder, Ernst Werder

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.