Pfarrer Erich Guntli, Buchs, zur Corona-Krise: «Die Katholische Kirche wird im Nerv getroffen»

Kirche bedeutet, gemeinsam beten. Das ist jetzt verboten. Die Kirchen in der Region Werdenberg bleiben für Einzelgebete aber offen. Auch die Seelsorge wird weiter betrieben.

Alexandra Gächter
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Viel kleine Lichter ergeben irgendwann ein grosses: Gemeinsam zu beten, ist nicht mehr erlaubt – einzeln eine Kerze anzünden, wie hier in der Katholischen Kirche Buchs, jedoch schon.

Viel kleine Lichter ergeben irgendwann ein grosses: Gemeinsam zu beten, ist nicht mehr erlaubt – einzeln eine Kerze anzünden, wie hier in der Katholischen Kirche Buchs, jedoch schon.

Bild: Heini Schwendener

Dienstag Morgen vor der Katholischen Kirche Buchs: 30 bis 40 Personen wollten in den Gottesdienst. Es war der erste Tag, nachdem der Bundesrat die Massnahmen gegen den Corona-Virus nochmals verschärft hatte. Nicht allen war klar, was das nun für die Kirche bedeutet. Gleichentags hat der Bischof von St.Gallen, Markus Büchel, ein weiteres Dekret über die Corona-Massnahmen erlassen, welches die verschiedenen Feiern in der Kirche regelt.

«Die Kirche wird im Nerv getroffen», sagt Erich Guntli, katholischer Pfarrer und Seelsorger in der Region Werdenberg.

Pfarrer Erich Guntli ist auch in der Corona-Krise für die Menschen in der Region Werdenberg da.

Pfarrer Erich Guntli ist auch in der Corona-Krise für die Menschen in der Region Werdenberg da.

Bild: Raphaelsaxer.com
«Kirche heisst, zusammen kommen, um sich zum Gebet zu treffen und um gemeinsam zu feiern und zu singen. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Dieses Zusammenkommen ist uns genommen worden.»

Sehr vielen – auch Alten und Kranken, denen die Gottesdienste sehr viel bedeuten – bereiten die neuen Weisungen Mühe, so Guntli. Trotzdem zeigen die Kirchgänger Verständnis. Nur bei ganz frommen Kreisen stossen die Verbote auf Unverständnis. Diese Personen finden, man müsse nun erst recht zusammenkommen, um zu beten.

Guntli sagt dazu:

«Das Gebet desinfiziert nicht. Alleine beten, ist also sinnvoller als gemeinsam beten und sich anstecken.»

Alleine in die Kirche gehen, ist weiterhin möglich

Obwohl die öffentlichen Gottesdienste verboten wurden, bleiben die Katholischen Kirchen der Region Werdenberg von Montag bis Sonntag während des Tages geöffnet. In der Nacht werden sie geschlossen, um Opferstockdiebstähle zu vermeiden. «Jeder darf für ein privates Gebet in die Kirche kommen. Wenn mehrere Personen zur gleichen Zeit in der Kirche sind, soll man genügend Abstand einhalten», so Guntli.

Extra Gebet für die aktuelle Krise verfasst

Zur aktuellen Situation hat Pfarrer Erich Guntli ein Gebet verfasst, das in Papierform in der Kirche Buchs aufliegt. Das Gebet schliesst am Corona-Virus erkrankte Menschen, ihre Angehörigen und Pflegepersonen ein. Wer will, darf eine der zahlreichen Kerzen anzünden. Zusätzlich hat Guntli ein kurzes Video mit spirituellem Inhalt auf sein Facebook-Profil gestellt.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit führt Pfarrer Erich Guntli im Haus Wieden derzeit Gottesdienste für die Bewohner durch. Auch für die Seelsorge darf er Einzelbesuche zu Hause bei einsamen oder kranken Menschen, in Alters- und Pflegeheimen und im Spital Grabs tätigen.

Keine Erstkommunion, keine Hochzeiten

Der Weisse Sonntag wäre dieses Jahr auf den 19. April gefallen. In der Region Werdenberg waren die Feiern zu den Erstkommunikanten an drei verschiedenen Sonntagen rund um den 19. April geplant. Selbstverständlich sind auch diese Feiern abgesagt worden.

«Wir möchten die Erstkommunionsfeiern im Verlaufe dieses Jahres nachholen.»

Es könne sein, dass sie in einem kleineren Rahmen abgehalten werden. Wann dies sein wird, wisse man noch nicht. «Jede Katholische Pfarrei organisiert das selber. Weil das Kirchenpersonal für die Feiern in der Region Werdenberg aufgeteilt werden muss, sprechen wir uns innerhalb der Seelsorgeeinheiten ab», so Guntli. Die Firmungen sind für Juni vorgesehen. Ob und in welchem Rahmen sie stattfinden können, ist derzeit noch nicht klar.

Es wird sehr verhalten geplant

Hochzeiten fallen bis Ende April ebenso aus, wie öffentliche Taufen. 15 Ehepaare haben sich zur Trauung bei Erich Guntli für dieses Jahr angemeldet. Gut möglich, dass diese dann alle im Herbst stattfinden. Beerdigungen werden nur mit den engsten Familienangehörigen auf dem Friedhof ausgeführt. Einen anschliessenden Gottesdienst nach der Bestattung gibt es derzeit in den Katholischen Kirchen nicht.

Ebenfalls fallen alle Pilgerfahrten sowie eine Reise nach Israel weg. Ob die Sommerlager der Jungwacht und Blauring durchgeführt werden können, ist ungewiss. «Es wird hier sehr verhalten geplant», sagt Guntli.

Ostern ist abgesagt – das gab es noch nie

Am Sonntag, 12. April, ist Ostern. Das höchste Fest der Christen findet nicht statt. Nicht in der Schweiz und somit auch nicht in den Werdenberger Kirchen – auch nicht im Vatikan. «Das hat es noch nie gegeben. So rigorose Verbote für die Kirche gab es nicht mal bei der Pest und der Cholera», sagt Guntli. Und noch ein geschichtlicher Vergleich zieht er: 

«Bei der Spanischen Grippe vor 100 Jahren durften auch nur die engsten Familienangehörigen zur Beerdigung kommen. Die Spanische Grippe dauerte zwei Jahre – hoffen wir, dass das Corona-Virus schneller besiegt wird.»

Beichte, Nottaufe und Beerdigung im engsten Kreis erlaubt

Markus Büchel, Bischof von St. Gallen, erliess diese Woche ein Dekret über die Massnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus:


• Es dürfen keine öffentlichen Sonntags- und Werktagsgottesdienste mehr gefeiert werden.

• Es dürfen auch keine anderen kirchlichen Veranstaltungen durchgeführt werden.

• Die Eucharistiefeier darf von den Priestern nur privat gefeiert werden.

• Die Kirchen bleiben für das persönliche Gebet offen.

• Beerdigungen sind im engsten Familienkreis durchzuführen (Ehepartner, Lebensgefährte, Eltern, Geschwister, Kinder, Pflegekinder, Adoptiveltern, Grosseltern).

• Taufen sind bis auf weiteres ausgesetzt. Nur die Nottaufe ist möglich.

• Der Empfang des persönlichen Bussakraments bei der Beichte ist weiterhin möglich.

• Die Seelsorge muss gewährleistet bleiben, auch wenn alles reduziert ist. In der Seelsorge bleiben die Pfarreien herausgefordert, Wege zu finden, um mit den Menschen den Kontakt aufrecht zu erhalten durch Telefon, E-Mail, Briefe.

• Die persönliche Einzelseelsorge wird weiter angeboten.

• Bei der Seelsorge in Alters- und Pflegezentren ist mit den Verantwortlichen die Möglichkeit der Seelsorge abzusprechen. Dabei sollen Betroffene auch auf den Livestream aufmerksam gemacht werden.

• Die Chrisammesse feiert der Bischof privat, sie wird aber per Livestream und Radio Maria übertragen.

• Neu wird in der Kathedrale in St. Gallen bis auf weiteres jeden Tag ein Gottesdienst gefeiert und übertragen. Die Übertragung kann im Internet auf der Seite www.bistumsg-live.ch mitverfolgt werden.

Weiter schreibt Bischof Markus Büchel im Dekret: «Bleiben wir einander im persönlichen Gebet und im Gebet in der Familie nahe und tragen wir die grosse Herausforderung der momentanen Zeit mit.» (ag)