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«Grabs vor ötsche 100 Johr»: Eine «Uneheliche» wurde Nählehrerin

Das Ende des Ersten Weltkrieges, ein Landesstreik und eine Epidemie prägten die Zeit vor 100 Jahren. Eine Ausstellung zum Thema zeigt die Kulturkommission derzeit im Tätschdachhuus. In der Begleitschrift sind Grabs betreffende Geschichten aus der Zeit um 1918 zu lesen.
Katharina Vetsch (rechts) mit ihrer Hausgenossin Schwester Maria Sonderegger, mit der sie nach dem Tod ihrer Mutter zusammenlebte. (Bild: Archiv Kulturkommission Grabs)
Das Grabser Pfarrhaus, Ansicht von Norden – ein Gemälde des Grabser Malers Traugott Schiess.
Die Ausstellung «Grabs vor ötsche 100 Johr» zeigt zahlreiche Exponate aus der Zeit um 1918. Viele davon sind Leihgaben aus der Grabser Bevölkerung. (Bild: Bilder: Corinne Hanselmann)
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Eine «Uneheliche» wurde Nählehrerin

Eine Geschichte in der Begleitschrift der Ausstellung handelt von «Hanslis Kathrine». Sie war im Dorf als treue und gewissenhafte Handarbeitslehrerin bekannt. Das war aber nicht von Anfang an so, denn Katharina war eine «Uneheliche», was damals in jedem Dorf grosses Aufsehen erregte. Erst recht, wenn die Mutter die sittsame und treu arbeitende Pfarrmagd Anna Vetsch war, der man sonst «beim besten Willen» nichts vorwerfen konnte. Vielleicht gerade deswegen wurde Katharinas Mutter besonders geschmäht und auch von ihrer eigenen Verwandtschaft gering geachtet.

Am 5. November 1858 kam Katharina zur Welt. Ihre Mutter fand eine Arbeit in der von ihrem bisherigen Arbeitgeber Pfarrer Johann Heinrich Schiess gegründeten «Werdenbergischen Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder». Anna Vetsch arbeitete dort zwar nur als Magd, hatte aber das grosse Privileg, ihre Tochter bei sich zu haben und selbst erziehen zu dürfen. Als Alleinerziehende war dies zu dieser Zeit überhaupt nicht selbstverständlich, schreibt Andreas Eggenberger-Hehli, der Katharina Vetschs Geschichte für die Begleitschrift niedergeschrieben hat.

«War die willkommene Anstellung in der Anstalt zufällig?», fragt man sich heute und fragte man sich vielleicht auch schon damals. War es allein fürsorgliches Engagement, das die Pfarrfamilie ihrer «gefallenen Magd» angedeihen liess? Diese Fragen sind nicht ganz unbegründet, denn während Annas Zeit als Pfarrmagd war auch der in München Malerei studierende Pfarrerssohn Traugott Schiess dann und wann Gast bei seinen Eltern. Traugott Schiess lebte von 1834 bis 1869 und war ein sehr begabter Maler, wie das Bild des Grabser Pfarrhauses aus dieser Zeit zeigt.

Katharina Vetsch wurde Handarbeitslehrerin

Katharina Vetsch besuchte bereits die Schule, als ihre Mutter den angesehenen Witwer Johannes Lippuner heiratete. Er fand mit Anna eine treue Ehefrau und für seine beiden Kinder eine gute Mutter. Johannes Lippuner behandelte die fleissige Katharina wie sein eigenes Kind. Durch die Heirat erhielt Katharina zwei Geschwister. Zwischen den drei entstand eine herzliche Verbundenheit, die zeitlebens bestehen blieb.

Schon in früher Jugend zeigte sich, dass Katharina Vetsch mit Nadel und Schere sehr geschickt umzugehen wusste, und so durfte sie den Beruf der Näherin erlernen. Als junge Frau erhielt sie von der Gemeinde den Auftrag, in St. Gallen Kurse zu besuchen, um dann als Nählehrerin in Grabs zu wirken – was sie dann auch ihr ganzes Berufsleben lang pflichtbewusst getan hat.

Ebenfalls talentiert war Katharina Vetsch als Dichterin. Sie schenkte der Dorfgemeinschaft – durch die Lokalzeitung – viele liebevolle Gedichte, die jeweils freudig aufgenommen, oft ausgeschnitten oder abgeschrieben wurden.

Am Weihnachtstag 1938 starb Katharina Vetsch nach kurzer Krankheit.

Der Sohn des Pfarrers war ein Kunstmaler

Johann Heinrich Schiess war während 27 Jahren, von 1839 bis 1866, Pfarrer der Gemeinde Grabs. So verbrachte sein Sohn Traugott Schiess, geboren 1834, seine Kindheit und Jugend zum grössten Teil im Dorf. Nach Abschluss der Schule liess er sich in St. Gallen zum Lithografen ausbilden, war aber weiterhin regelmässig Gast im Grabser Pfarrhaus. 1851 wurde er Schüler des Landschaftsmalers und Aquarellisten Friedrich Horner in Basel. 1854 übersiedelte Schiess nach München, wo ihn Johann Gottfried Steffan als Schüler in sein Atelier aufnahm. Ab 1855 unternahmen die beiden mit Freunden Studienreisen in die bayrischen Alpen und in die Schweiz. 1857 und in den folgenden Jahren verbrachten sie den Sommer gemeinsam mit anderen Malern auf der Richisau im Klöntal. Dort lernte Schiess Rudolf Koller kennen, der zu seinem Vorbild wurde.

1862 heiratete Traugott Schiess die älteste Tochter seines Lehrers, Emilie Steffan. Schon immer kränklich, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand 1868 merklich. 1869 starb der Kunstmaler an einer Lungenentzündung, von der er sich in Davos vergeblich Heilung erhofft hatte.

Werke aus der nur etwa 15 Jahre umfassenden Schaffenszeit von Traugott Schiess sind in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel, im Kunstmuseum St. Gallen oder im Kunsthaus Zürich zu sehen. Die zahlreichen in Deutschland und der Schweiz, nach England und Amerika verkauften Bilder zeugen von seiner Beliebtheit. (ch)

Quelle: Begleitschrift «Grabs vor ötsche 100 Johr», Band II. Autor der Kapitel über Traugott Schiess und Katharina Vetsch ist Andreas Eggenberger-Hehli.

Hinweis
Die Ausstellung «Grabs vor ötsche 100 Johr» im Tätschdachhuus ist am Samstag, 17., und am Sonntag, 18. November, jeweils von 14 bis 18 Uhr, offen. Eintritt frei.

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