Eine Reise zum wahren Selbst: Julia Keller aus Sevelen legt ihr Buch «Mein Name ist Julia» vor

Die 44-Jährige hat ihre Lebensgeschichte in Gedichten und Bildern aufgearbeitet. Nun liegt ein Buch vor und es gibt eine Ausstellung in der Galerie L33.

Heidy Beyeler
Drucken
Mit einem Buch eine Reise zum eigenen Ich realisiert: Julia Keller aus Sevelen.

Mit einem Buch eine Reise zum eigenen Ich realisiert: Julia Keller aus Sevelen.

Bilder: Heidy Beyeler

Dieses Buch ist nicht irgendein Buch. Es zeigt besondere Facetten hinsichtlich der gestalterischen Art der Gedichte und der Malerei, die diesem Buch viel Tiefgang verleihen.

Die Gedichte der Autorin Julia Keller sind aus ihrem persönlichen Leben gegriffen, genauso wie die Malerei. Und so entstand eine Lebensgeschichte, welche die Autorin auf den Weg zu ihrem eigenen Ich führen soll – im Wissen, dass das Ziel noch nicht erreicht ist.

Wer ist Julia Keller? Sie ist 44 Jahre alt. Die ersten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Nyon zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Schwester und den Eltern. Danach zog die Familie nach Sevelen – eine klassisch bürgerliche Familie, wie man meinen könnte. Der Vater sorgte für das Familieneinkommen, die Mutter war Hausfrau und sollte eigentlich für die Kinder sorgen.

Leben mit einer alkoholkranken Mutter

Was damals Julia und ihre Schwester nicht wussten: Die Mutter war alkoholkrank. Die Sucht dominierte irgendwann den Alltag der Familie, sodass die Kinder nach Hause kamen und manchmal kein Mittagessen vorfanden, denn die Mutter war erst gerade aufgestanden. Der Vater bekam dies nicht mit, weil er aus beruflichen Gründen oft abwesend war. Auch um die schulische Entwicklung kümmerte sich die Mutter nicht. Insgesamt kann man sagen, dass die Kinder emotional vernachlässigt aufwachsen mussten.

Die Mutter versuchte nach aussen hin die normale Familienfrau zu spielen, aber schon für Familienausflüge war ausschliesslich der Vater zuständig, die Mutter kam nie mit. Julia Keller erinnert sich gerne an die gemeinsamen Aktivitäten mit dem Vater, der vieles kompensieren musste. Trotzdem fehlte es den Kindern an emotionaler Zuwendung und Geborgenheit.

Ein Tabu wurde lange nicht geknackt

Nun hat Julia Keller als erwachsene Frau den Mut gefunden, ihre Gefühle und Erinnerungen an ihre Kindheit in Gedichtform und in Bildern festzuhalten. Erst als sie 19 Jahre alt war, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, als sie realisieren musste, dass ihre Mutter alkoholkrank ist. Nur ein Jahr später starb die Mutter an einer Leberzirrhose und Krebs. Die Alkoholkrankheit der Mutter wurde bis zu ihrem Tod verleugnet und die Mutter in ihrer Rolle als solche idealisiert. Wie ihre Mutter wirklich war, also nüchtern, weiss Julia bis heute nicht.

Julia Keller geniesst die Zeit in der Natur.

Julia Keller geniesst die Zeit in der Natur.

Lange Zeit war die Alkoholabhängigkeit in der Familie und im Umfeld ein Tabuthema. All das hat dazu beigetragen, dass Keller schon früh ihre Bedürfnisse verleugnen und sich den Erwartungen ihrer Mutter anpassen musste. Für das gesunde innere Kind gab es kaum Platz. Es sollte bis ins erwachsene Alter so sein, dass sie stets bemüht war, es ihrer Umgebung recht zu machen, um Anerkennung und Bestätigung zu erhalten.

Eine Anerkennung gab es doch

Immerhin erkannte die Mutter die künstlerischen Begabungen ihrer Tochter und bestärkte sie darin. Das Aufschreiben der Lebensgeschichte in Form von Gedichten und das Malen der Bilder hat Keller ein grosses Stück näher an ihr Ziel gebracht, jenes verlorene innere Kind wiederzufinden und dabei mehr und mehr sich selbst sein zu dürfen.

Um ihr vergangenes Leben aufzuarbeiten und damit zu ihrem inneren Kind und zu dessen ursprünglichen Bedürfnissen zurückzufinden, begann Julia Keller vor einigen Jahren ausserdem eine Psychotherapie bei einer Psychotherapeutin und setzte diese dann später bei einem Therapeuten fort.

Auf gutem Weg

Julia Keller arbeitet heute noch daran und fühlt sich dabei auf gutem Weg. Dank der intensiven Auseinandersetzung mit sich und ihrer Geschichte kann sie heute über die Erfahrungen und Empfindungen ihrer Kindheit schreiben und sprechen.

«Ich wollte mit dem Buch meinen inneren Kindern sagen, dass sie bei mir bleiben dürfen – und zwar für immer! Das hat tatsächlich funktioniert und tut dies immer wieder aufs Neue.»

Julia Keller lebt mit ihrer Familie in Sevelen. Zwei Kinder sind bereits ausgeflogen.

Das Mitte Mai erschienene Buch «Mein Name ist Julia» ist das Ergebnis dieses langjährigen Prozesses. Julia Keller möchte es möglichst vielen Menschen zugänglich machen. Auch Menschen, die mit ihrer Vergangenheit hadern, sollen in den Gedichten und den Bildern Trost und Mut finden, um sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Vom 9. Juni bis 7. August sind einige Bilder von Julia Keller in der Galerie L33, Werdenberg, ausgestellt. Dort wird auch das Buch «Mein Name ist Julia» mit einer Lesung am 7. August um 19 Uhr präsentiert.

Hinweis
www.meinnameistjulia.ch